LUXEMBURG
MARCO MENG

Geschädigte Unternehmen, geschädigte Mitarbeiter, geschädigte Kunden

Drei frühere Mitarbeiter der britischen Barclays Bank müssen sich wegen mutmaßlichen Betrugs im Skandal um den Libor-Zinssatz vor Gericht verantworten. In Deutschland laufen unter anderem Prozesse gegen die Führungsriege der Bank Sal. Oppenheim sowie gegen Verantwortliche des insolventen Stromanbieters Teldefax; Manager eines anderen Unternehmens wurden unlängst wegen betrügerischer Geschäfte beim Handel mit CO2-Zertifikaten zu Haftstrafen verurteilt.

Wirtschaftskriminalität nimmt zu. Das ist nicht nur ein Gefühl, das einen beschleicht, wenn man die täglichen Nachrichtenlage überblickt, sondern wird so auch von der Beratergesellschaft PWC in deren gestern vorgestellten Studie „2014 Global Economic Crime Survey“ bestätigt.

Kriminalität in oder gegen Unternehmen und andere Organisationen ist auf dem Vormarsch. 37 Prozent der Teilnehmer der Studie gaben an, Opfer von Wirtschaftskriminalität geworden zu sein. Dabei stellt die Studie heraus, dass weltweit fast die Hälfte aller Betrugsfälle von Mitarbeitern begangen werden, die sechs oder mehr Jahre bei einem Unternehmen sind.

Diebstahl ist nach wie vor die häufigste Form von Wirtschaftskriminalität (69 Prozent), gefolgt von Betrug bei der Auftragsvergabe (29 Prozent), Bestechung und Korruption (27 Prozent), Internet-Kriminalität (24 Prozent) und Bilanzbetrug (22 Prozent).

Und der Schaden ist gewaltig: Ein Fünftel der Opfer beziffert ihn auf mehr als eine Million US-Dollar. Der Schaden von Wirtschaftskriminalität ist zudem nicht nur finanzieller Art, sondern Kollateralschäden wie bei der Mitarbeitermotivation (31 Prozent) und der Reputation des Unternehmens sowie den Geschäftsbeziehungen (je 17 Prozent) sind die Folge, wobei Finanzdienstleistungen, Einzelhandel, Verbraucherdienste und Kommunikation die am stärksten betroffenen Branchen sind.

Globales Problem, globale Bedrohung

Die Bedrohung, die von Wirtschaftskriminalität ausgeht, ist wie die Wirtschaft selbst inzwischen eine globale: Mit 50 Prozent der Studienteilnehmer - das ist der höchste Wert - steht Afrika gefolgt von Nordamerika (41 Prozent), Osteuropa (39 Prozent), Lateinamerika und Westeuropa (je 35 Prozent) an der Spitze, der Asien-Pazifik-Raum folgt mit 32 Prozent, danach kommt der Nahe Osten (21 Prozent).

Südafrika ist demnach mit 69 Prozent im höchsten Grad von Wirtschaftskriminalität betroffen, es folgen die Ukraine (63 Prozent), Russland (60 Prozent) und Australien (57 Prozent). 40 Prozent Opferrate gibt es auch in den acht aufstrebenden Volkswirtschaften - Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika, Türkei, Mexiko und Indonesien. Luxemburg kommt direkt in der Studie nicht vor, was freilich keineswegs bedeutet, dass das Großherzogtum von illegalen wirtschaftlichen Praktiken verschont wäre. Letzten Oktober noch hatte der „Conseil de la concurrence“ Strafen in Höhe von insgesamt 1,3 Millionen Euro gegen ein Weichenkartell ausgesprochen, das über Jahre hinweg der Luxemburger Eisenbahn CFL schadete. Der Schienenbauer Kihn S.A. in Rümelingen war einer Strafe nur entgangen, weil er die Sache selbst zur Anzeige gebracht hatte. Als Finanzplatz ist in Luxemburg aber vor allem die Geldwäsche ein großes Thema. Roxane Haas von PWC-Luxemburg dazu: „Die erwartete Bedrohung durch Geldwäsche hat signifikant um 40% im Vergleich zu 2011 zugenommen“. Obwohl Luxemburg mit strengen Vorschriften gut gewappnet sei, was Geldwäsche anbelangt, müsse man agil bleiben.

Ein Fall, der auch in Luxemburg viele Geschädigte forderte, beschäftigt inzwischen in Island, Frankreich und Spanien die Gerichte - nicht aber in Luxemburg: Die Pleite der isländischen Landsbanki. Die Luxemburger Geschädigten der Bank kritisieren jedenfalls, dass anderswo Gerichte mit dem Fall beschäftigt sind, während die Luxemburger Landsbanki-Insolvenzverwalterin Yvette Hamilius bislang keinen Anlass für einen Betrug sah und keine Strafanzeige gegen die Bank stellte.

Der Anwalt ehemaliger Luxemburger Kunden der Bank, Me. Benjamin Bodig, hatte darum vor der Luxemburger Justiz ein strafrechtliches Verfahren angestrengt. Die Verfahren vor den ausländischen Gerichten begrüßte er ausdrücklich, teilte er uns gestern mit, damit die Wahrheit ans Licht gebracht und festgestellt werden könne, dass die ehemaligen Landsbanki-Kunden tatsächlich auch Opfer seien. Er glaube an den Professionalismus der hiesigen Richter, so Bodig, der auf eine Antwort des Luxemburger Berufungsgerichts wartet. Im Dezember letzten Jahres hatte ein Gericht ja bekanntlich eine Klage wegen Verjährung abgewiesen.

An der PwC-Studie zur Wirtschaftskriminalität nahmen zwischen August und Oktober des Vorjahres 5.128 Personen aus 95 Ländern teil, darunter 12 aus Luxemburg. Die Hälfte der Teilnehmer stammt aus dem höheren Management, 35 Prozent sind in börsennotierten Unternehmen und 54 Prozent für Organisationen mit mehr als 1.000 Mitarbeitern tätig.