LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Die Geheimnisse des Bewusstseins

Hast Du, lieber Leser, schon einmal einen Frühstücks- oder Kaugeistesblitz gehabt? Ich schon! Der durchfährt mich manchmal, wenn ich mich ganz altmodisch morgens an den gedeckten Tisch setze zum Essen. Dazu höre ich Musik oder, wenn wir schon bei altmodischen Gewohnheiten sind, Radio.

Nun war der erste Song, der blechern aus meinem Handy tönte, sehr präsent in meinen Gedanken und ich ertappte mich dabei, wie ich, leider viel zu langsam, im Takt der Musik kaute und dabei sogar vergaß zu schlucken, weil mich das aus dem Beat gebracht hätte. Ich kaute also und kaute. Und kaute. Also ich kaute jedenfalls, wie noch kein Mensch zuvor gekaut hat, an einem weichen Stück Brot, und fühlte mich, als würden meine Zähne in einem Hamsterrad laufen. Ich kam und kam nicht voran beim Essen, es war zum Verzweifeln!

Zum Glück kam dann der nächste Song. Dieser berührte mich weniger, ich kaute, ganz normal, wie jemand, der noch nicht seine dritten Zähne hat, und bewegte mich in Gedanken mittlerweile in ganz anderen Gefilden.

Gehört der Körper zum Ich?

Es passierte etwas ganz Merkwürdiges und doch so Alltägliches: Ich vergaß, dass ich kaute, und ich vergaß, oder viel mehr überhörte, die Musik. Erst beim vierten Song fiel mir, ganz plötzlich, wieder ein, dass sie da war. Und mit diesem Bewusstsein kam er, der Geistesblitz.

Das klingt im Grunde etwas zu feierlich. Denn der Geistesblitz war, in dem Fall, kein Erkenntnisgewinn. Er zeigte auf, wie wenig wir wissen, ohne zu wissen, dass wir es nicht wissen. Gut, im Grunde war es schon ein Erkenntnisgewinn, da ich ja nun wusste, was ich nicht wusste. Aber wir wissen alle, dass das Wissen darum, etwas nicht zu wissen, von wahrem Wissen meilenweit entfernt ist…

Egal, jedenfalls wurde mir klar, dass ich keine Erklärung dafür habe, warum Geräusche sich manchmal ihren Weg in mein Bewusstsein bahnen, und manchmal nicht. Warum ich manchmal bewusst kaue oder atme und manchmal nicht. Warum ich zwar bewusst kauen oder atmen, aber nicht steuern kann, wann und wie ich Hormone ausschütte oder die Niere Giftstoffe abbaut. Warum ich mich in mancher Hinsicht mit meinem Körper so verbunden fühle, und bei manchen Organen wie meiner Milz behaupten würde: Das bin gar nicht ich! Ich bin es, der atmet, aber ich würde niemals behaupten, ich produzierte Galle oder weiße Blutkörperchen.

Wer ist der Drahtzieher?

Doch warum eigentlich, warum darf ich nicht über die Vorgänge in meinem Körper entscheiden, warum kann ich meine Gallenproduktion nicht steuern? Es scheint mir fast, als hätte Gott, wenn es einen gibt, mir genau das verwehrt, ja, böser Gotti, und zwar, weil er weiß, dass wir Menschen faul sind und gerne so wenig tun wie nur möglich. Immerhin wären wir sicher überfordert mit der Aufgabe, einen solch komplexen Organismus zu „bedienen“. Dagegen ist das Cockpit eines Flugzeugs regelrecht lachhaft. Schon möglich, dass Gotti das extra so eingerichtet hat, dass wir vom Storch nur mit Automatik-Gangschaltung, mit Autopiloten, in den „Kabes“ gelegt werden.

Doch wer ist denn dieser Autopilot in mir? Wer produziert denn meine Galle, wenn nicht ich, wo es doch meine Gallenblase ist und meine Galle, niemandes sonst? Hat die Gallenblase etwa ein eigenes, privates Gehirn? Falls ja, wie kommt es, dass ich von diesem Gehirn nichts weiß? Müssten wir dann nicht miteinander kommunizieren, das Gallenhirn und die oberste Kommandozentrale? Zudem befände sich das Gallenhirn ja nach wie vor in mir, in meinem Körper, es wäre also ein Teil von mir. Anders gesagt: Es wäre Ich; seine Entscheidungen müssten mir bewusst sein.

Fragen über Fragen

Was wäre nun, wenn Gott, wenn es ihn gibt, uns nicht hätte faul sein lassen und geistig beschränkt, wenn er uns keinen Autopiloten, sondern ein Superhirn verpasst hätte? Ein Gehirn, das nicht damit überfordert wäre, alles innerhalb des Körpers bewusst zu steuern?

Wie sähe unsere Gedankenwelt dann aus? Wie überlastet wäre unsere Hirnkapazität mit der Steuerung des Organismus und könnten wir uns dann überhaupt noch auf andere Dinge konzentrieren? Könnten wir singen, tanzen, lieben; könnten wir wahrhaftig Mensch sein?

Und würde uns die Steuerung und Überwachung aller Teile unseres Körpers womöglich zu einem längeren Leben verhelfen? Wären wir in der Lage, das Entstehen und Wachsen von Krebszellen zu verhindern oder das Immunsystem davon abzuhalten, körpereigene Zellen anzugreifen?

Offenbart es überhaupt eine Schwäche, einen Mangel, dass uns so vieles nicht bewusst wird und schon gar nicht gleichzeitig, oder ist das im Gegenteil nützlich? Und wer entscheidet bei den Vorgängen, die sowohl bewusst als unbewusst sein können, beispielsweise der Atmung, ob und wann sie in das Bewusstsein dringen? Ich bin es offensichtlich nicht. Es muss mein Unterbewusstsein sein. Als doch ich!? Nein, für mich ist mein Unterbewusstsein nicht ich, sondern irgendein mysteriöser, von mir abgetrennter Drahtzieher. Aber wie kann das Unterbewusstsein eine Entscheidung fällen, wenn Entscheidungen Bewusstsein verlangen? Hat mein Unterbewusstsein etwa selbst ein Bewusstsein? Wenn ja, hat auch dieses Bewusstsein wieder ein Unterbewusstsein, was wiederum ein Bewusstsein hat? Bestehe ich also aus unendlich vielen Bewusst- und Unterbewusstseinen?

Neugierde geweckt!

Ja, so in etwa sahen meine Gedanken aus, neulich beim Frühstück. Und es wurde mir bewusst, – war es meinem Unterbewusstsein schon länger bewusst? – dass ich sehr gerne mehr über das Phänomen Bewusstsein erfahren würde.