Fast leer ist das große Auditorium im Untergeschoss der Maison du Savoir in Esch/Belval, lediglich ein paar Schüler einer Gymnasialklasse sitzen in den neuen Polstersesseln, um mit ihrem Lehrer ein paar Details eines Projektes abzuklären. Serge Boimare hat in einer zum Interviewraum umfunktionierten Dolmetscherkabine Platz genommen, in einer halben Stunde erläutert der Psychopädagoge aus Paris vor Politikern, Pädagogen und Schülern seine Methode des „Nourrissage culturel“, der kulturellen Fütterung, die beim grenzüberschreitenden Projekt „La culture au service de la réussite“ (siehe Kasten) eine Rolle spielt. Der französische Buchautor arbeitet seit über dreißig Jahren mit jungen Menschen zusammen, die im Schulunterricht das Aufnehmen von Wissen verweigern, nicht selten schmeißen diese die Schule, und verringern somit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt gen Null. Von der Gesellschaft bekommen sie schnell den Stempel „Problemkinder“ aufgedrückt. Kultur kann diese Schüler vor einem möglichen Schulabbruch bewahren. Boimares Methode, die Schüler mit Schulverdrossenheit zum Reflektieren und Argumentieren anregen soll, fußt auf drei Hauptpfeilern: Lautes Vorlesen von Texten, Diskutieren und Initiierung von Aktivitäten. Die allermeisten Schulverweigerer, mit denen er zusammengearbeitet habe, seien Menschen gewesen, die über eine ganz normale Intelligenz verfügt hätten, erklärt Boimare, während sich vor der Scheibe der Übersetzerkabine eine ganze Schulklasse die Nase platt drückt. Zu Beginn des Projekts lesen die Lehrer in der Klasse während zehn Minuten laut vor - „aus Texten, die auf dem Schulprogramm stehen“, betont der Franzose. Diese vorgelesenen Texte dienen als Ausgangspunkt für Diskussionen, in die die Schüler ihre eigenen Argumente mit einbringen sollen. Die Methode sieht vor, dass zu einem späteren Zeitpunkt die Schüler pro Tag eine Stunde lang mit kulturellen Inhalten gefüttert werden sollen. Ein letzter Schritt ist das Initiieren und Umsetzen kultureller Projekte, wie das Schreiben eines gemeinsamen Buches, das Aufführen eines selbst verfassten Theaterstücks oder das Spielen eines Konzertes.
Der Psychopädagoge versucht mit seiner Methode Schüler, die riskieren, ihre schulische Ausbildung abzubrechen, wieder auf den Geschmack des Lernens zu bringen. Dieser ganze Prozess braucht Zeit: Zwei Jahre könne es durchaus dauern, bis die ersten Früchte geerntet werden könnten, erklärt Boimare. Eine Zeit, die sich nach wie vor viele Schulen nicht geben wollen.


