LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Wann und warum sind Späße problematisch?

Mir wäre danach, eine Grimasse zu schneiden und den Kopf zu schütteln. Ich entscheide mich aber aus Höflichkeit dazu, in das allgemeine Lachen einzustimmen. Doch: Kein Laut dringt aus meiner Kehle. Als würde meine Stimme verweigern, den peinlichen oder unangebrachten Witz gut zu heißen. Nur aus meiner Nase strömt ein wenig Luft. Aber zum Glück hört das niemand. Weil ja alle lachen. Laut lachen. Ebenfalls aus Höflichkeit?

Der Störenfried

Für mich ist glasklar: Humor ist höchst problematisch. Das klingt ironisch, ist es aber nicht. Und das allein beweist doch schon, dass ganz offensichtlich ein Problem besteht. Denn bei der Ironie ist es wie mit dem Gewürz im Mensaessen. Man weiß nie so genau: Ist sie jetzt da oder nicht?

Das Leben wäre so viel einfacher ohne Ironie. So viele Missverständnisse würden beseitigt. Aber das war jetzt wirklich ironisch gemeint. Denn ich liebe Ironie, trotz allem.

Es ist verzwickt, denn sie schleicht sich manchmal auf Zehenspitzen in ein Gespräch und wehe, man bekommt das nicht mit! Diese Kompetenz nämlich, sie zu erkennen, gilt als Zeichen von Intelligenz. Augenrollen gilt der, dem sie fehlt: „Hast du das jetzt ernsthaft geglaubt? Es war ein Witz, ja, ein Witz!“

Ich persönlich verachte diesen Witz, der mich nur auf die Probe stellen will. Dieses Spiel, bei dem es immer einen Verlierer gibt. Entweder schmollt die Ironie, das Schlitzohr, weil ihre Tarnung nicht funktioniert hat, oder ich werde zum Gespött, weil ich sie mit der Wahrheit verwechselte und Aufrichtigkeit hinter ihrem Gewand, der Aussage, vermutete.

So ganz nebenbei wird dieses Spiel geschickt immer dann gespielt, wenn ich gerade mit seriöser Ernsthaftigkeit etwas erzählen möchte. Ein Witz, hübsch platziert in der Mitte der Rede, meist, ohne in jeglichem Zusammenhang zu ihr zu stehen, explodiert wie eine Bombe und lässt sie, die fragile, noch vor ihrem Höhepunkt, zerbrechen. Des Opfers, meiner schönen Rede, wird im Nachhinein nicht gedacht. Der Attentäter Witz jedoch wird glorifiziert und in Erinnerung behalten.

Ich glaube ja: Nicht umsonst werden Clowns als unheimlich empfunden, Lachen mit Wahnsinn assoziiert…

Das goldene Maß an Feingefühl

Brutal ist der Witz auch für die Person, über und auf Kosten derer er gezündet wird. Ich bin ja ein wenig hin und hergerissen, was die „Political Correctness“ betrifft. Ich plädiere für ein Mehr an Feingefühl. Deswegen stört es mich auch, dass das Wort meist als Kampfbegriff der Rechten fungiert, die, ohne Rücksicht auf Verluste, die Meinungsfreiheit erstreben und dabei vergessen, dass der Mensch nun mal Gefühle hat. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob man gerade dadurch, dass man für einen korrekten und angemessenen Sprachgebrauch eintritt, das Fell, das vor böswilligen Witzen schützen soll, noch dünner werden lässt und die Toleranzgrenze nach unten hin verschiebt.

Denn, dass wir Respekt oder gar Angst haben vor dem Witz und davor, was er anrichten könnte, ist keine positive Entwicklung. Sensibilität sollte nicht darin münden, dass wir uns permanent unbehaglich fühlen, weil jemand etwas in den falschen Hals bekommen könnte, denn das stört die ungezwungene Unterhaltung, die Zusammenhalt stiftende Funktion des Witzes. Ein Witz sollte wie ein sozialer Klebstoff sein und die Menschen zusammenbringen. Wenn wir aber zu viele Verhaltensnormen aufstellen, werden Witze zusehends negativ konnotiert und aufgefasst und verlieren diese positive Eigenschaft.

Der Witz als Trennmauer 

Für mich gibt es eine zentrale Regel: Es gilt, die Haltung zu bedenken, die zum Inhalt des Witzes eingenommen wird. Wer Humor zeigt, steht über den Dingen oder gibt dies zumindest vor. Ein Witz schiebt sich zwischen die Person(en) und die Realität, beispielsweise durch den Gebrauch von Klischees und Prototypen. Das kann sinnvoll sein, wenn jemand mit einem vergangenen Ereignis abschließen möchte. „Heute kann ich darüber lachen“, heißt es dann. Ein Witz kann auch ein Zeichen der Vergebung sein.

Joseph Kayser stellt in seinem neuen Roman „De Mann, deen ëmmer laacht“ (Éditions Schortgen) einen Protagonisten in den Mittelpunkt, der sich über Situationen lustig macht, die derart akut und gravierend sind, dass eine distanzierte Haltung dazu eben nicht möglich ist, weder bei ihm, noch den anderen Figuren. Stattdessen ist sein Lachen ein feiger Versuch, die unerträgliche Wirklichkeit zu entschärfen. Es dient dazu, Mitleid und Anteilnahme zu camouflieren, aus Angst, Schwäche zu zeigen und sich seine eigene Verletzlichkeit einzugestehen. Er lacht aus Überforderung; lacht, weil er nicht weiß, wie er sonst reagieren sollte; lacht ein unehrliches Lachen. 

Ernst bedeutet Courage

Lachen ist schön. Lachen verbindet. Lachen lässt Endorphine ausschütten. Lachen stimuliert das Immunsystem. Doch wie bewiesen, können Witze eine respektlose Geste darstellen, weil sie eine Distanzhaltung anzeigen und erzeugen, die mit dem Ernst des Umstandes womöglich kontrastiert. Ihm sollte man couragiert in seiner ganzen Härte und Bitterkeit gegenübertreten.

Meist folgt der Zeitpunkt, in dem man, nach der direkten Konfrontation, die Vergangenheit mit einem Lachen hinter sich lassen darf. Über manches jedoch werden wir nie lachen können. Keine übertriebene Verhaltensnorm verbietet es uns, sondern unser Feingefühl; das, was uns und andere mit einer Sache so eng verbindet, dass kein Witz, kein Lachen sich dazwischendrängen darf.