LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Wie das Internet unser Lebensgefühl beeinflusst

Hinter den vier Balken des WLAN-Zeichens erscheint ein Ausrufezeichen. Panik steigt in mir hoch. Ausgerechnet heute, wo ich mir das Finale meiner Lieblingsserie ansehen wollte! Mein Abend ist hin! Herzklopfen bis zum Hals. Kogong Kogong. Aus welchem Song war das nochmal? Wieder Panik. Ich kann es nicht überprüfen! Frustration. Ich muss das jetzt wissen! Jetzt! Ganz GANZ dringend!

Ein großer Teil von Freundschaften

Artikel über die Abhängigkeit von Internet und neuen Medien gibt es zuhauf. Aber ich glaube, dass die Etikettierung als Sucht das Problem nicht ganz trifft. Denn die meisten Stoffe, die süchtig machen, sind negativ behaftet. Der zu hohe Konsum wird kritisiert und die Abhängigkeit führt im schlimmsten Falle sogar zum Ausschluss aus der Gesellschaft.

Mit dem Internet verhält es sich genau umgekehrt. Sanktioniert wird nicht, wer sich im übertriebenen Maße online aufhält. Im Gegenteil schließt sich unweigerlich aus, wer es nicht tut. Soziale Kontakte bestehen heute nicht länger nur aus dem persönlichen Zusammentreffen, sondern auch aus dem virtuellen und – ganz wichtig – regelmäßigen Austausch von Nachrichten und Bildern. Auch werden Treffen fast exklusiv über Messenger vereinbart und würden ohne Messenger vielleicht niemals stattfinden.

Ohne Internet fehlte also ein zentraler Baustein vieler Freundschaften. Folglich ist es ein realistisches Szenario, dass sie an Internetentzug sogar zerbrechen könnten. Nicht, weil die Freundschaft nicht stark genug ist, sondern aufgrund der heutigen Gewohnheiten, in die sie sich eingliedert.

Sozialer Druck und Ablenkung

Als mein Internet abschiedslos ins Nirvana eintrat, fühlte ich mich, als hätte ich meine Handtasche oder meinen Hausschlüssel zu Hause vergessen. Nackt. Leer. Verloren und auf mich gestellt. Es ist mir peinlich, das zuzugeben, aber ich parodiere den Moment nicht. Es fühlte sich wirklich so an.  

Nachdem sich die Panik gelegt hatte, freute ich mich fast ein bisschen. Ich freute mich darauf, konzentriert und ohne Ablenkung arbeiten zu können. Ich vermisse oft meine Kindheit, in der ich stundenlang gemalt, gebastelt und geschrieben habe und in dieser Tätigkeit vollends versinken konnte. Auf einmal schien mir die Aussicht erreichbar, genau das wieder zu erleben. Ich spürte Ruhe. Als hätte man irgendein nerviges Hintergrundgeräusch wie das Brummen einer Dunstabzugshaube nach sehr langer Zeit abgestellt.

Zusätzlich fiel eine Art Druck ab. Denn in den sozialen Netzwerken wird uns ein bestimmter Lebensstil vor Augen gehalten, der als Ideal gepriesen wird und mit der impliziten Aufforderung verbunden ist, ihn ebenso anzunehmen. Der Mensch des 21. Jahrhunderts verreist gerne und probiert sich und seine Grenzen aus. Er nutzt seine Freiheiten und vermeidet unter allen Umständen einen gewöhnlichen Arbeitsalltag. Er reibt sich an Traditionen und stellt alles unter sein oberstes Ziel der Selbstverwirklichung. Individualität steht an höchster Stelle und – paradoxerweise – geht genau sie verloren. Nicht mit dem Internet verbunden zu sein verlieh mir kurz das Gefühl, mir meiner selbst wieder bewusster zu sein.

Isolation und Eigenverantwortung

In letzter Zeit habe ich außerdem wieder häufiger beobachtet, wie Pärchen und große Menschengruppen mit dem Handy in der Hand dagesessen sind, anstatt sich miteinander zu unterhalten. Als wäre das Smartphone eine durchsichtige Wand, die jeden einzelnen isoliert und von den anderen abschirmt. Für jeden Bildschirm eine eigene kleine Welt. Verbunden und doch getrennt.

Ich vertrete die Ansicht, dass virtuelle Gespräche nicht weniger echt und nicht weniger wertvoll sind als direkte, mündliche Kommunikation. Der Unterschied aber ist, dass bei Instant Messengern eine räumliche und zeitliche Distanz besteht zwischen Rede und Antwort beziehungsweise den einzelnen Anteilen der Kommunikationspartner. Die räumliche Distanz herrscht per se vor, die zeitliche hingegen gibt es nur, weil wir sie entstehen lassen. Denn wir könnten ja, wenn wir wollten, unmittelbar auf Nachrichten antworten. Das tun wir aber meist nicht. Aus Faulheit werden Nachrichten immer kürzer und in immer größeren Zeitabständen verschickt. Und das behindert unsere Kommunikation. Nicht die Messenger an sich sind daran schuld, wir selbst sind es. Es ist unsere Faulheit, die uns zu einem ungünstigen Umgang mit ihnen verleitet, welcher tiefere Gespräche, Spontaneität und unangenehme Themen unterbindet. Und wenn wir es nicht schaffen, Messenger anders zu nutzen, ist es im Grunde eine erfreuliche Nachricht, aufgrund des WLAN-Ausfalls zum direkten mündlichen Gespräch gezwungen zu werden.

Wieder verbunden

Ich sah für einen Moment die Welt vor mir, wie sie sein könnte, wenn es das Internet nicht (mehr) gäbe. Die Vorstellung war utopisch und realitätsfern. Nichtsdestotrotz war sie schön.

Die Panik war also verschwunden und dem Anflug einer Euphorie gewichen. Und just in dem Moment entdeckte ich ihn. Den On-/Off-Schalter meiner WLAN-Box. Ich musste ihn versehentlich betätigt haben.
Ich tat, was jeder getan hätte.