LUXEMBURG
MONIQUE MATHIEU

„Chambre des Salariés“-Präsident Jean-Claude Reding zieht sich im März vom Vorsitz zurück - Ein Bilanzinterview

Jean-Claude Reding im Kurzportrait

Vom Lehrer zum OGBL-Boss

Jean-Claude Reding ist am 10. Juni 1954 in der Hauptstadt geboren und hat vor seiner Zeit als Gewerkschafter als Lehrer gearbeitet. Im Jahre 2004 übernahm er den Präsidentenposten beim OGBL von John Castegnaro, unter dem er das Amt des Generalsekretärs innehatte. Ende 2014 wurde er als OGBL-Präsident von André Roeltgen abgelöst. Seit Januar 2008 ist Reding Präsident der Salariatskammer. Nach den Sozialwahlen im März will er sich auch von diesem Posten zurückziehen.

Nach zehn Jahren an der Spitze der Arbeitnehmerkammer wird Jean-Claude Reding keine Mandatsverlängerung anstreben. Dies, weil der langjährige Gewerkschaftsmann mittlerweile beim OGB-L in Pension gegangen ist, und die Ansicht vertritt, dass die Präsidentschaft des wichtigen Berufsorgans von einem Aktiven ausgeübt werden soll. Mit Jean-Claude Reding blicken wir sowohl auf eine langjährige, intensive Gewerkschaftsaktivität zurück, als auch auf die Herausforderungen, denen sich die Menschen aktuell in der Arbeitswelt stellen müssen.

Sie haben dieser Tage angekündigt, nach zehn Jahren als Präsident der Arbeitnehmerkammer - und vorherigen fünf Jahren als Präsident der Privatbeamtenkammer - nach den Sozialwahlen im März kein weiteres Mandat in dieser Funktion mehr anzustreben, und jemandem Jüngeren den Platz zu überlassen. Diese Entscheidung haben Sie, so scheint es jedenfalls, leichten Herzens getroffen, oder?

Ob es jemand sein wird, der viel jünger ist, will ich einmal dahingestellt lassen. Es geht mir vielmehr darum, dass das Mandat von jemandem wahrgenommen wird, der sich, nicht wie ich, bereits im Ruhestand befindet. Immerhin werde ich im Juni 65. Ich will also den Weg freimachen für Andere. Da triff es sich gut, dass die neue Arbeitnehmerkammer, die aus den Wahlen von März 2019 hervorgehen wird, bis spätestens zum 30. Juni zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammentreten muss. Die Entscheidung, auf ein weiteres Mandat zu verzichten, ist mir tatsächlich nicht schwer gefallen.

Sie können sich demnach demnächst zurücklehnen, und die Dinge aus der Sicht des Pensionärs betrachten. Da freut es Sie sicherlich, dass sich - zumindest in den nächsten fünf Jahren - nichts an den Pensionsbezügen ändern wird?

Ja. Denn es besteht keine Notwendigkeit an unserem Rentensystem herumzuflicken. In meinen Augen basiert dieses auf einem Gesellschaftsvertrag: Die Älteren unterstützen die Jüngeren aufgrund des erarbeiteten Wohlstandes. Was aber, wenn die ältere Generation nicht über die Mittel verfügt, dies zu tun? Deshalb brauchen wir vor allem auch eine gerechte Steuerpolitik, die die Erträge aus dem Kapital genauso hoch besteuert wie die der Arbeit. Hier hat sich eine Kluft gebildet, die unbedingt beseitigt gehört. Zumal die Erträge aus dem Kapital nicht mehr investiert, sondern nur noch angehäuft, „platziert“, werden. Die richtige Frage apropos Renten müsste demnach lauten: Was kann, was wird die ältere Generation an die jüngere weiterreichen?

Was das Zurücklehnen angeht: Ich werde bei den Sozialwahlen für den OGB-L auf der Liste der Pensionäre kandidieren. Diese machen immerhin rund 120.000 der über 500.000 Wähler aus. Ich will mich für die Thematiken einsetzen, die diese Menschen besonders betreffen, wie der gleitende Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand, also die Einführung der Möglichkeit von Teilzeitarbeit insbesondere in den administrativen Berufen, die Vermeidung von Isolation usw.

Im öffentlichen Dienst gibt es bereits die Möglichkeit auf Teilzeitarbeit während der letzten drei Dienstjahre. Allerdings ist die Besteuerung sehr ungünstig…

Auf technische Probleme gibt es technische Antworten; Hindernisse können behoben werden, wenn der Wille da ist.

Und wie sehen Sie, im Licht der Regierungserklärung, und auf Ihre Enkel bezogen, die Zukunft? Welche großen Herausforderungen stellen sich denen, die heute ins Arbeitsleben eintreten?

Nun, Enkel habe ich - noch - keine, meine Tochter ist erst 19. Ich möchte auch nicht so vermessen sein, vorzugeben, mich in junge Menschen hineinversetzen zu können. Dennoch stelle ich fest, dass sich der Eintritt ins Arbeitsleben heute schwieriger gestaltet als zu meiner Zeit. Heute hat man keine Sicherheit mehr. Die jungen Arbeitnehmer erhalten oftmals befristete Arbeitsverträge und niedrige Einstiegsgehälter. Sie gehören nicht zu den Gewinnern in einer immer reicheren Welt.

Bereitet die Schule die jungen Menschen so vor, dass sie über die richtige Bagage für das Arbeitsleben verfügen?

Die Vorbereitung auf die Arbeitswelt war immer Aufgabe der Schule. Dies zu bewerkstelligen, bleibt nach wie vor komplex und kompliziert, und gelingt auch nicht zu hundert Prozent. Ich bin dennoch der Auffassung, dass die jungen Menschen in Luxemburg gar nicht so schlecht gerüstet sind, wenn sie die Schule verlassen. Wir blicken zu sehr auf den Pisa-Test, der unseren Schülern Noten unter Durchschnitt gibt, doch handelt es sich hierbei um eine Momentaufnahme und Vergleiche, die hinken. Richtig wäre es, die Kenntnisse der Schüler nach ihrem Schulabschluss auf den Prüfstand zu nehmen. Allgemein sollten wir damit aufhören, unser Schulsystem global zu verdammen. Das ewige Nörgeln führt lediglich dazu, dass sich keine Anwärter auf den Lehrerberuf mehr finden.

Dieser Tage drückte das Lehrersyndikat SNE seine Skepsis gegenüber dem Regierungsprogramm aus, und befürchtete u.a., durch die (angestrebte) Gratisbetreuung der Kinder in den „Maisons relais“ werde eine „Ganztagsschule à la luxembourgeoise“ durch die Hintertür eingeführt. Teilen Sie die Bedenken Ihrer früheren Kollegen?

Entspricht die Ganztagsschule nicht einem Wunsch des Kapitalismus? Und stellen wir uns die Frage, wessen Kinder wirklich bedürfen? Statt ständiger Hektik brauchen Kinder Referenzpersonen, Anhaltspunkte, Ruhepole, um die Welt entdecken und verstehen zu können. Hierbei sollten die Eltern sie unterstützen können; treten die Eltern im Hamsterrad und können selbst nicht „abschalten“, ist dies nicht möglich. Auch sollten Frauen wie Männer Teil an allen Bereichen der Gesellschaft haben können. Von daher begrüße ich, dass die Regierung den Elternurlaub ausdehnen will.

Die Arbeitnehmerkammer setzt sehr viel auf Weiterbildung. Persönlich habe ich auch schon dort angebotene Kurse besucht. Ist Weiterbildung der Schlüssel zum Glück in der Arbeitswelt oder gehört da nicht eine ganze Reihe anderer Komponenten hinzu?

Weiterbildung ist wichtig, um in der Arbeitswelt - oder, wenn ich an die Senioren denke, auch in der Welt allgemein - nicht abgehängt zu werden. Eine Antwort auf alle Problematiken ist sie sicherlich nicht. Vielmehr muss die Organisation der Arbeit thematisiert werden. Wenn Roboter die gleiche Arbeit erledigen können, wie die Menschen, müssen die Menschen andere Arbeiten übernehmen, wie beispielsweise die Überwachung der Roboter. Im Dienstleistungssektor muss man sich indes darauf vorbereiten, mit Computern zu kommunizieren.

Kann die Arbeitnehmerkammer die Bedürfnisse ihrer unterschiedlichen Mitglieder in gleich hohem Maße abdecken?

Wir versuchen es! Ich will jedoch darauf hinweisen, dass die Arbeitnehmerkammer keine berufsspezifischen Weiterbildungen anbietet, es sei denn, es besteht eine konkrete Nachfrage seitens eines Sektors. Das Angebot ist dennoch sehr weit gefächert. Die Arbeitnehmerkammer kann auch nicht die Interessen einer einzelnen Berufssparte verteidigen, dafür gibt es die Gewerkschaften. Sie tritt für die globalen Interessen der Arbeitnehmer ein, wie zum Beispiel im Bereich soziale Sicherheit oder in puncto Arbeitsrecht.

Eine Rolle, welche die Arbeitnehmerkammer in den letzten Jahren verstärkt wahrnimmt, und wohl in Zukunft noch ausbauen wird, ist die beratende. Das heißt, Personalvertreter in den Betrieben, Arbeitnehmervertreter in den Gremien der Sozialversicherungen können ihre Fragen an unsere Fachleute richten, und auf deren Expertise zurückgreifen. Immerhin zählt die Arbeitnehmerkammer rund 80 Mitarbeiter. Darüber hinaus wird die Arbeiternehmerkammer bei vielen Gesetzesprojekten um ihr Gutachten gebeten. Dass diese Stellungnahmen zu 95 Prozent im Konsens festgehalten werden, zeigt unsere Gemeinsamkeiten.

Eine Ansicht, welche die Regierung vertritt, ist, dass unser Land weiterhin Wachstum braucht. Viele sehen dies, angesichts der flagranten Tatsache, dass wir ständig und überall und nicht nur auf der Straße im Stau stehen, nicht so. Sehen Sie eine Notwendigkeit zum Ausstieg aus der Wachstumsspirale und eine Möglichkeit, wie dieser zu bewerkstelligen wäre?

In puncto Wachstum müssen wir uns die Frage stellen, wem dieses Wachstum nutzen soll. Für mich lassen sich Wirtschafts- und soziales Wachstum nicht trennen. Also muss es zu einer gerechten Verteilung des erwirtschafteten Reichtums kommen. Obwohl ich - immer noch - Anhänger einer egalitären Gesellschaft bin, ist mir klar, dass gesellschaftliche Unterschiede nie ganz beseitigt werden können. Dennoch sollten diese Unterschiede möglichst klein sein. Darüber, wie wir dies erreichen wollen, sollte mehr debattiert werden.

Darüber hinaus müsste nachhaltig produziert werden. Da Produkte viel schneller als früher hergestellt werden können, bringen wir deren ohne Rücksicht auf die Ressourcen immer größere Quantitäten auf den Markt. Doch sollte man stattdessen nicht die Arbeitszeit verkürzen, die Möglichkeit von Auszeiten schaffen? Sollte die Automatisierung nicht dem Menschen zugutekommen, statt ihn zu immer mehr Konsum anzuregen?

Im März 2019 stehen Sozialwahlen an, was bedeutet, dass sowohl die Delegierten in den Betrieben als auch die Mitglieder der Arbeitnehmerkammer bestimmt werden. Über 500 000 Arbeitnehmer - mit Ausnahme der Beamten in der öffentlichen Funktion jeder, der in Luxemburg in einem Arbeitsverhältnis steht, bzw. eine Rente als ehemaliger Arbeitnehmer bezieht - sind aufgerufen, sich an den Wahlen zu beteiligen. Wie hoch, schätzen Sie, wird schlussendlich die Teilnahmequote sein?

Bei den Sozialwahlen handelt es sich um eine reine Briefwahl. Die Stimmzettel werden an die Wähler verschickt, die sie portofrei zurücksenden. Dies gilt auch für die Wähler, die im Ausland wohnen. Der ausgefüllte Wahlzettel kann in jeden Briefkasten eingeworfen werden.

Die Sozialwahlen finden alle fünf Jahre statt, 2013 lag die Beteiligung bei 36-38 Prozent. Natürlich wäre ich froh, wenn dieser Prozentsatz diesmal höher ausfallen, und um die 50 Prozent erreichen würde. Ich bin aber realistisch: Es gibt eine sehr hohe Rotation bei den Arbeitnehmern, insbesondere was die Grenzgänger angeht. Denn von den 514.556 Wahlzetteln, die ausgestellt werden, gehen lediglich 260.960 an in Luxemburg wohnende Wähler, 187.000 werden an Adressen in Frankreich und Belgien verschickt, 59.000 nach Deutschland. Circa 6.000 gehen nach Portugal, wobei es sich bei den dortigen Empfängern fast ausschließlich um Rentner handelt. Diese Zahlen geben den Stand von Juni 2018 wider und können somit noch leicht angepasst werden. Dies ändert aber nichts daran, dass die aktiven und pensionierten Arbeitnehmer, die in Luxemburg wohnen, lediglich wenig mehr als 50 Prozent ausmachen. Das ist die Realität der hiesigen Wirtschaft!

Spiegelt diese Realität sich in den Wahllisten der Gewerkschaften wider?

Es ist davon auszugehen, dass die Wahllisten kein genaues Spiegelbild sein werden, der Vielfalt der Arbeitswelt aber dennoch gerecht werden. Darüber hinaus wird zwar nicht nach Wahlbezirken, jedoch nach Arbeitsbereichen gewählt, in denen verschiedene Berufssparten zusammengefasst sind. Hier sind Anpassungen nötig, die vor einem zukünftigen Wahlgang gemacht werden müssen. Genauso muss die Gewichtung der einzelnen Bereiche neu definiert werden. Historisch bedingt sind zum Beispiel fünf der 60 in der Arbeitnehmerkammer zu vergebenden Sitze der Eisenindustrie vorbehalten. Dies entspricht der reellen Arbeitnehmerzahl in diesem Sektor nicht mehr.

Kommt es nach den Sozialwahlen zu einem Wandel in der Gewerkschaftslandschaft, bzw. in den nächsten Jahren? Wäre eine Einheitsgewerkschaft die Umsetzung eines Traums oder einfach nur ein Trauma?

Die Gewerkschaftslandschaft hat sich in der Vergangenheit bereits stark verändert. Bei den 

Wahlen im März treten nur noch der OGB-L und der LCGB mit Listen in allen Sektoren an, hinzu kommen die ALEBA, der Syprolux und die FNCTTFEL in Teilbereichen… Nun bin ich immer noch der Ansicht, dass eine Einheitsgewerkschaft effizienter arbeiten könnte als es mehrere Gewerkschaften getrennt tun. Natürlich würde es auch innerhalb einer Einheitsgewerkschaft zu Diskussionen kommen, und auch die gewerkschaftlichen Betriebsräte würden manchmal unterschiedliche Ansichten vertreten. Dennoch wäre eine Einheitsgewerkschaft durchsetzungsfähiger. Indem sie sich vor einigen Jahren in der UEL zusammengeschlossen haben, machen die Arbeitgeber sich diese gebündelte Schlagkraft zunutze.

Wenn Sie an Ihre Zeit als Präsident der größten Gewerkschaft des Landes (2004-2014) zurückdenken: Wie war es möglich, dass ein Lehrer an die Spitze des OGB-L gelangen konnte? Sie wirken nicht wie ein Mann, der mit harten Bandagen kämpft, und sind auch nicht als solcher bekannt.

Meine Gewerkschaftsaktivität begann mit meinem Einsatz als Lehrer beim SEW. 1982 habe ich dann als Halbzeitkraft und mit einem Vertrag auf zwei Jahre als Gewerkschaftssekretär beim OGB-L angefangen, während ich gleichzeitig Universitätskurse belegte. Als Präsident Castegnaro mich fragte, ob ich als Festangestellter den Bereich „Gesundheit“ übernehmen wollte, sagte ich zu, vereinbarte aber, Fortbildungskurse in diesem mir wenig bekannten Sektor bei der damaligen ÖTV, heute Verdi, in Deutschland belegen zu dürfen. In der Folge kamen andere Bereiche, wie die Industrie und der öffentliche Dienst hinzu, die Gesundheit trat ich dann irgendwann ab. Ich kam in allen Sparten mit den Menschen gut zurecht, war auch auf europäischer Ebene aktiv. Als Generalsekretär - ich hatte mir ausbedungen, ein offizielles Mandat zu erhalten, das vom Kongress bestimmt wurde, sollte ich mehr und mehr Verantwortung übernehmen - war ich als zweiter Mann bei allen wichtigen Momenten an der Seite von John Castegnaro dabei. 2004 bestimmte der Kongress mich dann, sozusagen in aller Logik, zum Präsidenten.

Was hat Sie in dieser Zeit am stärksten beeindruckt? Was ist Ihnen im Gedächtnis haften geblieben, was längerer Aufarbeitung bedurfte?

Da muss ich kurz überlegen… Also die Diskussionen mit Jean-Claude Juncker 2006 innerhalb der Tripartite, die schließlich zum Einheitsstatut und der Zusammenlegung der Krankenkassen führten, waren schon eine harte Nuss. Doch das Resultat lohnte: es kam zur Verstärkung des öffentlichen Systems, das Statut der Arbeiter wurde angehoben - für sie gab es über 2,5 Prozent mehr Nettolohn - , ohne dass die Privatbeamten nennenswerte Einbußen erlitten. Es gab damals aber auch eine Übereinkunft betreffend die Indexmodulation, die heftige Diskussionen innerhalb der Gewerkschaft zur Folge hatte. In dieser Zeit habe ich nicht so gut geschlafen…

Im Gedächtnis haften blieb mir auch die Großdemonstration vom 16. Mai 2009. Der OGB-L hatte zu der Kundgebung aufgerufen, die anderen Gewerkschaften schlossen sich an, und schließlich gingen 30.000 Menschen auf die Straße. Nach der Krise von 2008, in der es erst einmal hieß, zu retten was zu retten war, also die Banken, war die Frage, wie weit die Austeritätspolitik, die der damalige Finanzminister Frieden dem Land verordnen wollte, gehen dürfe. 2011 verließ der OGB-L wegen der ins Auge gefassten Einschnitte in unser soziales System die Tripartite, was zu dessen Bruch und auch zu Problemen in der damaligen CSV-LSAP-Regierungskoalition führte.

Zurzeit rumort es bei der Sparkasse, weil dort die 2015 per Gesetz festgelegten Änderungen in der Gehälterstruktur bei den Staatsbeamten nicht ihre volle Anwendung finden. Wie sehen Sie, als Mitglied des Verwaltungsrates der BCEE, das aktuelle Scharmützel?

Der Verwaltungsrat kann gemäß seiner Statuten keinen Einfluss auf das Tagesgeschäft nehmen. Dies obliegt allein dem Direktionskomitee. Deshalb kann und mag ich mich hierzu nicht äußern, hoffe aber selbstverständlich auf eine Einigung. Zur Sparkasse möchte ich lediglich sagen, dass ich es wichtig finde, dass im Verwaltungsrat nicht nur - wie dies von der Zentralbank in Frankfurt gewünscht wird - Banker präsent sind. Es ist eine öffentliche Institution, und von daher müssen die gesamtgesellschaftlichen Interessen dort eine Vertretung haben. Mein Mandat läuft übrigens 2019 aus.

Wie definieren Sie das Wort „Solidarität“?

Solidarität ist ein Wort, das ich oft benutze… Es geht darum, dass die Gesellschaft dafür Sorge trägt, dass es keinem ihrer Mitglieder schlecht geht, also einer für den anderen eintritt, ihm hilft, dies gemäß der ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, womit ich nicht nur die finanziellen Ressourcen meine.

Könnten Sie sich eine Bewegung wie die der sogenannten Gelbwesten („Gilets jaunes“) in Luxemburg vorstellen? Immerhin machen Erhebungen und Studien deutlich, dass, auch wenn niemand dies zu Tage trägt, Armut oder Leben an der Armutsgrenze in Luxemburg für viele Alltag ist.

In Luxemburg ist alles möglich, wir sind nicht vom Rest der Welt abgetrennt. Wenn man die Bewegung der Gelbwesten hinterfragt, sieht man, dass sie in der Tat das soziale System anklagen. Bei den Protestlern handelt es sich in ihrer Mehrheit um einen Teil der unteren Mittelschicht, der den Eindruck hat, kein angemessenes Stück vom Kuchen abzubekommen, bzw. abgehängt zu werden. Ein Auseinanderdriften unserer Gesellschaft lässt sich meiner Meinung nach nur durch eine starke Mittelschicht verhindern. In der Politik muss man vorsichtig handeln, und Augen und Ohren offen halten für die Bedürfnisse der Menschen.

Wenn ich an die Krise in den 70er Jahren denke, und an die Notstandsarbeiten, so konnten die Betroffenen ihren Status in der Gesellschaft beibehalten: der Betrieb ging den Bach runter, aber die Menschen blieben in Brot und Arbeit. Die Politik, die Gesellschaft hat die Krise gemeistert. 2008 war diese Einstellung nicht mehr gegeben.

Dummerweise haben wir die Lehren aus 2008 nicht gezogen. Das Risiko einer erneuten Krise ist weiterhin gegeben, und damit meine ich, sowohl eine ökonomische als auch eine soziale Krise. Die Profitgier hat sich in den letzten Jahren noch gesteigert, dabei bräuchten wir Nachhaltigkeit, sind unsere Ressourcen doch endlich, während die Menschheit weiterhin wächst.

Wie sehen Sie als ehemaliger Präsident des Verwaltungsrates von Editpress, einem Medienhaus, das u.a. die Tageszeitungen „tageblatt“, „Quotidien“ und „Essentiel“ verlegt, und an dem auch das Journal Anteile hält, die Zukunft der Printmedien?

Die Medien befinden sich in einer schwierigen Lage, da ihre Rolle als Informationsgeber aufgrund der digitalen Entwicklung nicht mehr die gleiche ist. Informationen kann man sich heute leicht über andere Kanäle verschaffen. Pressebetriebe werfen keinen Gewinn mehr ab. Nichtsdestotrotz brauchen wir freie Medien, wobei deren Rolle die Vermittlung der Positionen der Zivilgesellschaft sein kann.

Sollten Journalisten nicht auch kritische Analytiker des Tagesgeschehens bzw. der Machenschaften mancher Lobbys sein?

Hiesige Medien haben nicht die Mittel, tiefgreifende Analysen durchzuführen. Die Arbeitsbedingungen der Journalisten sind schwierig, und es ist angedacht, mehr noch als an den Pressepluralismus, wie dies bislang die Regel war, die Pressehilfe an die Arbeitsbedingungen der Journalisten zu binden. So oder so möchte ich zurzeit nicht in der Haut eines Verantwortlichen im Medienbereich stecken. Es ist ein wahres Dilemma.

Ihr Wunsch zu Neujahr?

Die Regierung hat vor kurzem ihr Programm mit einer Reihe Ideen für die nächsten fünf Jahre vorgelegt. Ich wünsche mir, dass deren Umsetzung immer auch ein Meinungsaustausch vorausgeht, und dass die dabei aufgeworfenen Probleme vorab gelöst werden, bzw. es zu Anpassungen kommt. Unsere Gesellschaft braucht den Konsens, und nicht das Gefühl, „die da oben tun ohnehin was sie wollen“. Die Menschen und ihre Anliegen sollen ernstgenommen, und Lösungen gemeinsam entwickelt werden.