MARCO MENG

Clever vollzogener Putsch oder Sieg der Rechtsstaatlichkeit? Nein, ich spreche nicht von der Türkei, sondern von Brasilien, das neben Samba und buntem Karneval auch eine eklatante Wirtschaftskrise und Kleptomanen an hohen Posten vorzuweisen hat. Gestern nun wurde Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff ihres Amtes enthoben. Der Senat in Brasilia stimmte nach ermüdend langen Marathonreden mit der notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit für die Absetzung der ersten Frau an der Spitze des fünftgrößten Land der Welt und der größten Volkswirtschaft Südamerikas. Der Politikerin der linksgerichteten Arbeiterpartei (PT) wird vorgeworfen, Geld ohne Zustimmung des Kongresses ausgegeben und Zahlen des Staatsbudgets geschönt zu haben - um bei der Präsidentschaftswahl 2014 ihre Chancen zu verbessern. Ist Rousseff nur wieder einmal so ein Fall eines enttäuschenden „Hoffnungsträgers“, als den sie sich selbst und ihre Wähler sie sahen? Die Frau hat immerhin früh damit begonnen, sich gegen die Militärdiktatur in ihrem Land aufzulehnen. Dafür gebührte ihr Respekt und Hochachtung - wenn sie nicht damals auch Mitglied einer mordenden Guerillabande gewesen wäre. Wollen wir aber da nicht zu streng urteilen - sie war jung, und da hat man zuweilen utopische Illusionen, die nicht immer mit Recht und Gesetz in Einklang zu bringen sind.

Was danach folgte - darüber mag die Geschichte urteilen oder, und das wäre die bessere Variante, auch das Strafgericht. Denn wohl kaum sind sämtliche Vorwürfe, die gegen Rousseff und ihre Mitstreiter erhoben wurden, an den Haaren herbeigezogen. Und es ist ja auch nicht das erste Mal, dass ein Marxist/eine Marxisten, plötzlich Herrin der Staatskasse geworden, glaubt, die auch für eigene Zwecke nutzen zu können. Es wäre auch nicht das erste Mal, dass eine erklärte Kämpferin gegen Korruption selbst korrupt geworden wäre. Manche Charaktere verlieren eben allzu schnell die Bodenhaftung, wenn sie in eine bestimmte Position gelangt sind. Da gönnt sich jemand, der sich sonst als Kämpfer für die „Arbeiterklasse“ (was immer das auch sein mag) dünkt, Jagdausflüge als sei er ein Rokokofürst. Extreme Ideologien sind eben nicht nur falsch, sondern auch dumm. Brasilianer, obwohl ansonsten fußballbegeistert, protestierten gegen die geplante Fußball-WM im Land: Man bräuchte Schulen und Krankenhäuser und bezahlbare Wohnungen, so die Kritik. Auf die größten Unruhen seit dem Ende der Militärdiktatur reagierte Rousseff mit dem Versprechen eines „großen Pakts für ein besseres Brasilien“… was daraus geworden ist? Nicht viel.

Während ihrer Zeit als Energieministerin war Rousseff sieben Jahre lang Aufsichtsratsvorsitzende des brasilianischen Ölkonzerns Petrobras gewesen. Da hatte die Marxistin, wie man eigentlich annehmen müsste, nicht ausgemistet, sondern der Konzern stürzte in eine Krise aus unsäglicher Korruption, Veruntreuung und Parteienbestechung. Was die Frage aufwirft: Ist das Land so desolat, weil es solche Politiker hat, oder hat es solche Politiker, weil es so desolat ist? Eine teure WM, dann Olympische Spiele, zu hoffen ist für die Brasilianer, dass das, was nun folgt, besser ist.