NORA SCHLEICH

Zweiter Teil der Untersuchung

Im ersten Teil der Analyse haben wir uns vor zwei Wochen der Frage gestellt, ob der Mensch seine Würde verdient, wenn er sich besonders würdevoll verhält oder ob ihm gar die Würde mit Gottes Segen in die Wiege gelegt wird. Beide Interpretationen erwiesen sich als problematisch. Sehen wir uns nun an, was der gute Kant zur Würde zu sagen hat.

In den moralphilosophischen Texten Kants findet man den Würdebegriff in einer weitaus universelleren Deutung wieder. Für Kant ist es unabdingbar, eine Person niemals als Objekt oder Instrument anzusehen. Der Mensch muss immer als Eigenwert verstanden werden, auf keinen Fall darf die Person Sache und Mittel zum Zweck sein. Niemals darf der Mensch als Gegenstand mit anderen Objekten oder anderen Personen verglichen werden. Für Kant gründet die Würde des Menschen nämlich in der Fähigkeit zur Autonomie des Einzelnen, die ihm durch sein Denkvermögen zuzusprechen ist. Ein jeder kann überlegen, denken und seine eigenen Entscheidungen treffen, beweist sich damit also als seiner Person und als Mitglied im Menschheitsgebilde würdig. Aber auch hier wird es problematisch, wenn wir zum Beispiel an Personen erinnern, die sich in einem fortgeschrittenen Stadium einer neurodegenerativen Krankheit oder gar im komatösen Zustand befinden. Es kann nicht mit Sicherheit behauptet werden, dass ihnen die Fähigkeit zur autonomen Reflexion noch immer gegeben ist, aber deswegen ihre Würde in Frage zu stellen, ist nicht haltbar. Sollte nicht gerade mit dem Begriff der Menschenwürde auch der Schutz der Schwächsten garantiert werden können?

Auch Kants Konzeption kann unser Dilemma daher nicht lösen: Ist die Menschenwürde nun an einige spezifische Eigenschaften des Menschen gekoppelt, wobei sie dann nicht mehr für jeden geltend wäre? Oder ist sie von einem höheren Etwas verliehen worden? Wenn ja, von wem - und ist sie dann nicht nur ein Geschenk der Gnade, und nicht mehr Eigenwert an sich?

Vielleicht hilft ein Blick auf den Begriff der Menschenrechte, der mit dem der Menschenwürde Hand in Hand daherzukommen scheint. Doch wesentlich ersichtlicher wird es auch hier nicht. Ist die Menschenwürde mit den Menschenrechten gleichzusetzen? Diese sind ebenfalls unverletzlich, unveräußerlich und unantastbar, genauso wie der Begriff der Menschenwürde es für sich festlegt. Das Recht auf Freiheit und Rücksichtnahme ist beiden Konzepten scheinbar identisch. Könnte man die Menschenwürde denn vielleicht mit dem Recht auf Menschenrechte beschreiben? Doch dann würde die Frage wiederum im Kreis drehen, woher stammt dieses Recht?

Ist die Menschenwürde durch diese vielen möglichen Kontextualisierungen vielleicht gar nicht einheitlich zu definieren, oder ergibt sich eben durch diese Polysemantik gar ein Vorteil? Kann dieses Konzept durch seine Mehrdeutigkeit in Debatten bezüglich der embryonalen Forschung, der Wiederaufrüstung, des Notstandsgesetzes oder über Emanzipation und Rassismus eine erhebliche Rolle übernehmen?

Da eine positive Definition sich als schwierig erweist, könnte man die Analyse aus einer anderen Perspektive führen: Wann fühlen wir uns in unserer Menschenwürde verletzt? Folter, Gewalt und Beraubung sind die ersten Begriffe, die einem da in den Kopf kommen. Doch wie sieht es mit ‚banaler‘ Beleidigung aus? Mit Demütigung oder Erpressung? Oder hat jemand bereits Recht, seine Menschenwürde in Gefahr zu sehen, wenn er seine Ehre als verletzt empfindet? Die Menschenwürde aber wiederum an subjektives Empfinden oder kontingente Ehrvorstellungen zu koppeln, wird uns erneut nicht weiterbringen - eine Universalität oder Allgemeingültigkeit wird auf diesem Weg nicht gegeben werden können. 

Was nun bleibt ist die Frage nach einer einheitlichen Interpretation des Begriffs, eine Möglichkeit, das Konzept in allen Kontexten und Situationen von jedem als universell geltend und notwendig bindend zu verstehen. Einige wesentliche Elemente scheinen vor allem auch in unserer moralischen Alltagserfahrung durch: Das Recht auf individuelle Freiheit und Schutz. Behielten wir diese stets vor Augen, wäre ein respektvolles Miteinander schon selbstverständlicher und praktikabler - auch wenn die Frage nach diesem Anrecht noch immer nicht zufriedenstellend geklärt werden konnte. Die Dimensionen, die eine theoretische Analyse des Begriffs auf philosophische und auch auf juristische Ebene einnehmen, sollten dennoch keineswegs abschrecken: Das Modell einer würdigen Gesellschaft, welches von so vielen als oberstes (politisches?) Ziel ihrer Bestrebungen angesehen wird, kann von diesen schwierigen, nahezu aporetisch anmaßenden Diskussionen nur profitierten.

Weitere interessante Reflexionen diesbezüglich finden Sie auch in folgenden Werken:

Stoecker, Ralf Menschenwürde - Annäherungen an einen Begriff. Wien 2003.

Schaber, P. Instrumentalisierung und Würde, Paderborn 2010.