LUXEMBURG
JÉRÔME JAMINET

Wie steht es um die Luxemburger Literatur? Wird der momentane Aufwind ihr die gesellschaftliche Bedeutung verleihen, die sie verdient? Und: Welche Rolle spielt dabei die Kulturpolitik? Vier Schriftsteller schildern ihre Sicht der Dinge

Schon klar, wenn man in Luxemburg jemanden auf der Straße anspricht, wird man eher die Namen der drei Enkelkinder des Großherzogs (Amalia, Gabriel, Noah) als die der letzten drei Servais-Preisträger (Nico, Nora, Jean) erfahren.

Schon klar, wenn man Roland Meyer statt Wolfgang Herndorff heißt, wird man nicht so häufig an unseren Schulen gelesen. Schon klar, wenn man als luxemburgischer Schriftsteller keiner zusätzlichen Erwerbstätigkeit nachgeht, ist man ein ziemlich armer Schlucker. Das sind drei Wahrheiten über die Luxemburger Literatur, auf die sich viele werden einigen können. Aber ist es nicht auch so: Aus einem Aufeinandertreffen gleich gepolter Egos, die sich magnetisch abstoßen, entwickelt sich nur schwerlich ein Schriftstellerverband.

Und ein unverbindlicher Vorschlagkatalog, der ohne politischen Willen nach den Parlamentswahlen geschreddert wird, ergibt noch lange keinen Kulturentwicklungsplan. Andererseits sind zuletzt viele Graswurzelbewegungen entstanden, es gab Lesungen noch und nöcher, die Zahl der literarischen Übersetzungen nahm zu, sogar grenzüberschreitende Vertriebswege werden gerade geebnet oder ausgebaut. Es gibt also Hoffnung. Und die stirbt bekanntlich zuletzt. Da muss man schon ein Tragedian wie Nico Semsrott sein, um hinzuzufügen: Aber sie stirbt!

Fotos: privat/Pit Simon/Dirk Skiba - Lëtzebuerger Journal
Fotos: privat/Pit Simon/Dirk Skiba

Ian de Toffoli

An de berühmten Ateliers du jeudi, no den Assise vun 2016, ass et kloer ginn, datt et fir d’literaresch Produktiounen aus Lëtzebuerg, op egal wat fir enger vun den dräi (eigentlech scho véier) Landessprooche se geschriwwe sinn, virun allem en Exportproblem gëtt. Dat heescht: Di geschriwwe Wierker komme kaum iwwert d’Landesgrenzen eraus. Heiansdo duerch eng Iwwersetzung.
Do spillen natierlech vill Facteuren eng Roll. Éischtens: déi schwéier Vernetzung vun den Editeuren an den däitschen a franséische Vertriibssystemer. Zweetens: de Manktem un Agenten, déi d’Schrëftsteller vun hei géifen no bausse vertrieden. Well et soll een net denken, datt de Wëlle vum Schreiwer an d’Qualitéit vun engem Wierk duerginn, fir datt eppes geschitt. An den Nopeschlänner ginn et Beruffer – Literaturbüroen, Literaturscouten – déi sech just domat beschäftegen, Bicher zirkuléieren ze doen. Hei net.
Wa mer also wëllen, datt d’Literatur aus Lëtzebuerg méi bekannt gëtt – et gi sécherlech Texter, déi dat verdéngt hätten –, da misst ee sou en Acteur (Büro, Scout, Agent), vun hei oder aus dem Ausland, astellen an eng Strategie opstelle loossen, an net just fir d’Dauer vun dräi Méint. Éischt Schrëtt an déi Richtung gi grad gemaach. Lo muss een drubleiwen.


Roland Meyer

Diesmal ganz konkret: Frühjahr 2018. Vor mir sitzen rund 250 Schüler im Alter zwischen 13 und 16 Jahren, denen ich eben aus meinem Buch „Tel Mo“ vorgelesen habe. „Hat es euch gefallen?“ Alle nicken, viele heben den Finger, um das soeben Gehörte freudig zu kommentieren.
„War euch das Buch schon vor der Lesung bekannt?“ Betretenes Schweigen, keiner der 250 Schüler, für die genau dieses Buch geschrieben und mit dem „Luxemburger Buchpreis“ ausgezeichnet wurde, kannte es vor der Lesung. Kein einziger!
Dann die nächste Frage: „Wer erhält dieses Jahr den wichtigen Servais-Preis?“ Vor knapp einer Woche wurde damals Nico Helminger als Preisträger bekanntgegeben und ich war davon überzeugt, dass wenigstens ein Drittel der Schüler die Antwort kannte, dass ihre Lehrpersonen mit ihnen über Helminger und seinen „Malkowitsch“ diskutiert hatten, dass es vielleicht sogar zu Hause ein Thema war. Doch keiner rührte sich!
Alle reden über die luxemburgische Sprache, doch niemand liest sie.
Dann spürte ich Wut in mir aufsteigen, nicht auf diese unschuldigen Schüler, nein, auf all jene, die eher reden als tun: einen bücherschreibenden Minister, sich hinter Büchern versteckende Lehrer, ein überfordertes Kulturministerium, sich im Elfenbeinturm verschanzende Künstler und Eltern, die mit Büchern und Kultur nichts am Hut haben.
Wann wird dieser Teufelskreis der Ignoranz endlich durchbrochen?


Rafael David Kohn

Unsere subjektive Weltsicht vermitteln zu wollen, zeugt von einer ungesunden Selbstüberschätzung. Erfolgs- und Geltungssucht gepaart mit der Überzeugung, etwas zu sagen zu haben, treibt die meisten von uns an. Nur die wenigsten aber sind Getriebene. Mag jemand unseren Text nicht, so verkennt er unser Genie.
Lesungen und Lesereihen verkommen oft zu inzestuösen Veranstaltungen, bei denen Schriftsteller ihre neuen Ergüsse den Kollegen vorlesen, mit dem heimlichen Versprechen: „Ich komme auch zu deiner Lesung.“ Um Anerkennung zu bekommen, muss man halt auf solchen Veranstaltungen gesehen werden.
Da Schreiben ein ziemlich einsamer Prozess ist, fällt es uns schwer, Teil größerer Gruppen zu sein, in deren Mittelpunkt wir nicht stehen. Dies mag der Grund sein, warum der Beruf des Schriftstellers nicht geschützt ist und es uns so schwerfällt, gemeinsam auf politische Ziele hinzuarbeiten. Der Luxemburger Schriftsteller-Verband hat sich aufgelöst. Wer oder was ihm folgt, steht in den Sternen.
Wie kann es denn sein, dass die amerikanischen Kollegen sich als Gewerkschaft organisiert haben und selbst den Hollywoodapparat lahmlegen können? Über 20.000 Menschen besuchen jährlich Schreibworkshops in den USA. Dort ist kreatives und dramatisches Schreiben längst als Handwerk erkannt worden. Gutes Schreiben ist nicht das Resultat des Genies, sondern guter Technik. Und wenn ich kein Genie bin, dann kann ich auch von anderen verstanden werden und mit ihnen zusammenarbeiten.


Francis Kirps

Wenn ich die hiesige Literaturszene von heute mit der von vor zehn, fünfzehn Jahren vergleiche, so hat sich einiges verändert, und zwar zum Besseren. Damals kam mir das alles doch recht verstaubt und statisch vor. Deshalb wandte ich mich der deutschen Poetry-Slam-Szene zu, da entstand etwas Neues, Aufregendes und ich wollte Teil davon sein.
Mittlerweile sind Poetry Slam und verwandte Formate auch in Luxemburg angekommen, es gibt ein halbes Dutzend regelmäßige Lesebühnen, wie etwa „Désoeuvrés“ oder „Word in Progress“. Es treten junge und alte AutorInnen in Kneipen und sogar auf Festivals wie dem FFYS auf und erreichen so ein Publikum, das bisher vielleicht nicht so viel mit Literatur am Hut hatte. Dazu gibt es Einrichtungen wie CNL, KuFa oder diverse Bibliotheken, die unermüdlich Lesungen veranstalten. In anderen Worten: Es macht endlich Spaß, ein Schriftsteller in Luxemburg zu sein. Es wurde ein ambitionierter junger Verlag (Hydre) aus der Taufe gehoben und die „cahiers luxembourgeois“ sind wieder alive and kicking.
Und es gibt heute tatsächlich LiteraturkritikerInnen in Luxemburg, welche die Bücher, die sie besprechen, auch lesen und nicht bloß den Klappentext umformulieren, so wie das früher gang und gäbe war. Es ist sogar ein literarisches Café (Le Bovary) in Weimerskirch entstanden. Kann man mehr verlangen?
Das alles ist offenbar „natürlich gewachsen“ wie man so sagt. Ich für mein Teil lege keinen Wert darauf, dass sich da Politiker oder Kulturfunktionäre einmischen.
Denn selbst wenn unsere Politik ihre an Verachtung grenzende Gleichgültigkeit gegenüber der hiesigen Literatur ablegen würde: Man kann nichts erzwingen. Und man kann (literarischen) Erfolg auch nicht kaufen. Nicht mal mit staatlichen Fördermitteln.
Lassen wir der positiven Entwicklung doch einfach ihren Lauf und vielleicht, ganz vielleicht, schreibt ja irgendwann ein Luxemburger Autor einen internationalen Bestseller oder wird zum Bachmann-Wettlesen eingeladen.
Und wenn nicht: Auch nicht schlimm.

Lëtzebuerger Journal

DIE FANTASTISCHEN 3

Lisa Halliday: Asymmetry

Was hat das Liebesleben New Yorker Intellektueller mit den zerrütteten Verhältnissen im Nahen Osten zu tun? Auf den ersten Blick recht wenig, auch in Lisa Hallidays Debütroman, der gewissermaßen zwei Romane in einem enthält. Anfang der Nullerjahre lässt sich Alice, eine junge Lektorin mit literarischen Ambitionen, auf eine Beziehung mit dem altersschwachen Großschriftsteller Ezra ein, der unverkennbar die Züge Philip Roths trägt. Wenig später wird Amar, ein amerikanischer Volkswirt mit kurdischen Wurzeln, auf der Reise zu seinen Verwandten im Irak in London festgehalten und lässt seine vergangenen Besuche in Großbritannien wie auch im Nahen Osten innerlich Revue passieren. Mit genauem Blick lotet Halliday die asymmetrischen Verhältnisse aus, die unsere Gegenwart bestimmen – die zwischen Jung und Alt, Arm und Reich, Ost und West, Krieg und Frieden. Die Konstruktion mag plakativ wirken, wird von der Autorin allerdings überaus elegant gehandhabt, nicht zuletzt mit Hilfe ihrer lakonischen Sprache und ihres Vertrauens auf die Macht der Erzählkunst. Und wie hängt nun alles zusammen? Auch dieses Geheimnis vermag die Literatur zu lüften, mit einem selbstreflexiven Kniff, über den man fast hinwegliest. Von Jeff Thoss

Granta, 275 Seiten, 12.99 Pfund



Lucy Fricke: Töchter

Als Martha anruft und Betty bittet, sie und ihren sterbenden Vater auf ihrer Fahrt in die Schweiz zu begleiten, ist die Entscheidung schnell getroffen: Den finalen Weg sollte man nicht allein gehen müssen. Aber wie schafft man die letzten Kilometer miteinander und kommt innen und außen halbwegs heil raus? Am besten mit Alkohol und viel schwarzem Humor, indem man die eigenen Narben nochmal gemeinsam abklopft. Was ist geheilt, was braucht noch Versorgung und Klärung? Plötzlich beschließt der alte Vater, lieber abzubiegen und nach Italien in die Sonne zu fahren, der Liebe entgegen. Was kurzzeitig nach sepiaverseuchter Schweiger-Verfilmung klingt, ist in Wirklichkeit ein klarer, erwachsener Roman über Familie und Freundschaft Mitte Vierzig. Die Hamburger Autorin Lucy Fricke entblättert ihre rauen Charaktere bis aufs Herz, zeigt sie mit all ihren Ängsten, Sorgen, Schwächen, all dem, was wir nach vielen Lebensjahren mit uns tragen und viel zu selten teilen. Übers Sterben reden bedeutet immer auch selbst noch am Leben zu sein und das bisher Dagewesene zu resümieren, im Idealfall gelingt es, neu Anlauf zu nehmen. Fricke hat sich gegen den Kitsch entschieden – es funktioniert hervorragend, ist hart und ergreifend und trifft die Leser_Innen da, wo es wehtut, aufreißt und verändert. Von Karla Paul

Rowohlt, 240 Seiten, 20 Euro



Guillaume Poix: Les fils conducteurs

Agbogbloshie»: le mot est imprononçable, presque monstrueux. Cette suite de syllabes désigne l’une des plus grandes décharges à ciel ouvert du monde. Située à Accra, la capitale du Ghana, cette montagne d’ordures infinie devrait nous être familière: nous avons tous, sans doute, jeté au moins un objet électronique qui s’y est retrouvé. Dans Les Fils conducteurs, Guillaume Poix raconte l’histoire de Thomas, un jeune photographe payé par l’entreprise Total pour faire un reportage sur ce lieu qui représente l’envers obscur du progrès et de la mondialisation. À l’histoire de cet artiste qui tente, non sans difficultés, d’entrer dans la décharge, se tisse celle du petit Jacob qui a quitté l’école pour y travailler. Pendant que sa mère vend de l’eau en sachet, Jacob arpente Agbogbloshie avec d’autres enfants, à la recherche d’objets et de câbles à revendre. C’est dans ce milieu dangereux (à cause des gaz toxiques, notamment) que vont se lier, de manière inattendue, les destins de Jacob et de Thomas. En mettant en lumière cet enfer invisible de notre temps, le récit a une vertu didactique: il nous fait réfléchir aux travers de la société de consommation et aux discours univoques sur la croissance économique. Il pose également la question du «poverty porn», c’est-à-dire le fait de gagner de l’argent en mettant en scène la pauvreté. Le tragique désespérant de ce roman réaliste nous laisse finalement sans voix, enragés, avec une seule question en tête: comment est-ce possible? Par Julien Jeusette

Éditions Verticales, 224 pages, 18 euros
Lëtzebuerger Journal

Spickzettel

Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame

„Geld ist nichts. Aber viel Geld, das ist etwas anderes." (George Bernard Shaw)

Eine Milliarde für einen Mord – welche Bedeutung hat da noch die moralische Integrität? Frau Zachanassian kommt in ihr armes Heimatdorf Güllen und bietet der Stadt eine Milliarde, wenn ihr ehemaliger Liebhaber stirbt. Unmöglich! Wie kann sie nur! Sollte ein menschliches Leben nicht über allem stehen? Dürrenmatt weiß: Geld regiert die Welt. Und nichts ist korrumpierbarer als die menschliche Moral.
Blinde Eunuchen, Prothesen aus Elfenbein – an grotesken Elementen besteht im Bühnenklassiker „Der Besuch der alten Dame“ wahrlich kein Mangel. Der Leser schreckt aber nicht nur zurück, er fragt sich, wo denn seine eigene Schmerzgrenze liegt, ja, was er bereit wäre zu tun für eine derartige Summe. Manch einer wird sich wohl dabei ertappen, wie er felsenfeste Prinzipien über Bord werfen würde, um dem süßen Ruf des Geldes zu folgen. Die Versuchung ist groß und deshalb ist es wichtig, dass heranwachsende Schüler in einer kapitalistisch regierten Welt zumindest ein Bewusstsein dafür entwickeln und sich fragen, welche Bedeutung traditionelle Werte neben dem Geld noch haben können.
Selten hat ein literarisches Werk es fertiggebracht, ein derart allgemeingültiges und zeitloses Urteil über unsere Gesellschaft zu fällen. Wer reich ist, gewinnt – wozu sind Sie bereit, um zu gewinnen? Von Pit Rausch

Diogenes Verlag, 160 Seiten, 10 Euro