LUXEMBURG
MARCO MENG

Außerirdische Pläne klingen immer aufregend - gibt es aber nicht reale Probleme zu lösen?

Als Wirtschaftsminister Etienne Schneider die „Spaceresource.lu“-Initiative publik machte, wurde das vielfach belächelt. Rohstoffe aus dem All? Auch das neue Unternehmen „Blue Horizon“, das OHB und LuxSpace diese Woche in Luxemburg gründeten und das in diesen Kontext passt, klingt erst einmal wie reine Utopie, um es harmlos auszudrücken. Aber die „hochfliegenden“ Pläne haben durchaus irdischen Hintergrund und Nutzen. Das sagt Jochen Harms, der einst Chef von LuxSpace war und nun Geschäftsführer des neuen luxemburgischen Unternehmens Blue Horizon in Betzdorf ist.

Es wurde viel von Weltraumreisen oder Mondbesiedlung berichtet, der OHB-Chef Marco Fuchs sprach aber von „nützlichen Raumfahrtaktivitäten zum Wohl unseres Lebens auf der Erde“. Geht es also zuerst darum, das Leben auf der Erde zu verbessern?

Jochen Harms Es geht um beides. Ganz langfristig sehen wir das komplette oder partielle (als Habitat) Terraforming anderer Planeten als ein sehr wichtiges Ziel der Menschheit und wollen hieran mitarbeiten. Hier reden wir aber von 1.000 Jahren und mehr, bis wir soweit sind. Deshalb dient dies eher als Vision. Als kurz- und mittelfristiges Ziel steht in Bezug auf die planetare Erforschung deshalb im Vordergrund, die notwendigen Technologien, vor allem biologisch, zu entwickeln, die es erlauben, eine Nutzung des Weltraums zu ermöglichen. Hierfür steht das CubeHab als Beispiel - wir zeigen hiermit, dass geschlossene Ökosysteme auch dort machbar sind, wo es keine erdähnlichen Gegebenheiten gibt. Ein zweiter Schritt wäre dann die biologische Extraktion von Sauerstoff aus dem Mondgestein, welches ja grundsätzlich aus Metalloxiden besteht - haben wir Sauerstoff, können wir dies für Raketenantriebe nutzen oder zur Wasserherstellung ... die gewonnenen Metalle zum Bau von Stationen, Maschinen, Raumschiffen ...

Was genau könnte durch Weltraummissionen oder -forschung auf der Erde verbessert werden?

Harms Wir haben in den letzten Jahren erforscht, wie Lebewesen auch unter sehr schwierigen Bedingungen überleben können - wir haben gezeigt, dass man auf dem toten Mondgestein Pflanzenwachstum ermöglichen kann. Durch diese Forschung glauben wir einen neuen Weg gefunden zu haben, wie man die Wüstenbildung (oder Desertifikation) zurückdrängen kann. Fünf bis zehn Prozent der Landmasse sind Wüste, und es werden jedes Jahr mehr. Vierzig Prozent der Landmasse sind von Wüste bedroht, wo vierzig Prozent der Weltbevölkerung leben. Auch die Klimaerwärmung tut hier ihr übriges. Es gibt sogar Aussagen, dass bei einer deutlichen Verschlechterung der Lebensbedingungen die Leistungsfähigkeit um bis zu vierzig Prozent abnimmt.

Wenn man das Thema Desertifikation googelt, wird man feststellen, dass es schon seit vielen Jahren Versuche gibt, diese aufzuhalten. In Russland und Ägypten wurden riesige Kanalsysteme gebaut, um Land zu bewässern - das hat dann zehn Jahre funktioniert, danach war das Land komplett versalzen ... die Israelis arbeiten mehr oder weniger erfolgreich mit Tröpfchenbewässerung. Unsere Idee ist es nun, eine aus Algen und Bakterien bestehende biologische Matrix auf den Wüstenboden aufzubringen, so wie wir das vom Mond gelernt haben, die dann zuerst als Befestigung des Sandes gilt und als Nährstoff für die danach kommenden Pflanzen. Es gibt erste sehr sehr erfolgversprechende Versuche in China mit diesem Ansatz, der zeigt, dass man wirklich aus einer Wüste in wenigen Jahren eine Steppe machen kann, und diese Steppe über einige Zeit hinweg in eine ackerbauliche Nutzung weiterzuentwickeln. Gibt es Pflanzen, kann dies auch bedeuten, dass es wieder mehr Niederschläge gibt. Dies hat sehr viele Auswirkungen auf das Leben der Menschen. Die Leute vor Ort haben eine Lebensgrundlage (Landwirtschaft), müssen nicht mehr wegziehen ... die Vorteile für Europa brauche ich da nicht näher ausführen.

Könnte dennoch der Mond als Ressource-Kolonie dienen? Oder Nahrung und Energie künftig aus dem All kommen?

Harms Ich denke, man wird nie andere Planeten oder Monde als Ressource für die Erde selbst nutzen, da der Transport einfach zu teuer ist. Dies war oder ist vielleicht noch die Anziehung für Investoren bei einigen der anderen Firmen, aber dies ist leider nicht realistisch - außer man würde auf einem Asteroiden einen Rohstoff finden, der eine komplett neue Innovation erlauben würde - aber hier sprechen wir dann von etwas, das pro Gramm mehrere Millionen Euro kosten darf. Bisher hat aber noch keiner irgendetwas gefunden, dass darauf hindeutet. Jedoch wird man in der Zukunft vielleicht die Raumschiffe größtenteils mit Materialen vom Mond bauen, den Treibstoff biologisch herstellen, die Nahrung für die Raumschiffbesatzungen erzeugen ...

Stehen einem längerfristigen Weltraumaufenthalt nicht auch zu viele grundsätzliche Hindernisse entgegen, zum Beispiel die radioaktive Strahlung?

Harms Ja, das sehe ich genauso, deshalb reden wir auch nicht wirklich von einer Besiedlung durch den Menschen.