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Literaturkritik: „Doctor Sleep“ von Stephen King

Über 50 Bücher hat Stephen King bis heute veröffentlicht und darunter finden sich zahlreiche Klassiker. „The Shining“ gehört zu dieser Auswahl seiner besten Werke und deshalb war das Medieninteresse alles andere als gering, als King ankündigte, einen Nachfolger dazu zu schreiben. Ein Nachfolger, der es von vorne herein sehr schwierig haben sollte, es jedoch schafft, eine eigene Identität auf dem Fundament des Originales zu errichten.

Ein Wiedersehen und alte Probleme

Der erste Ansatz des Romans, um die Leser zu packen, besteht darin, Dan Torrance als eine der Hauptfiguren aufzunehmen und seine Entwicklung nach den Ereignissen von „The Shining“ darzustellen. Wie sein Vater, Jack Torrance, machten sich bei ihm schnell die gleichen Alkoholprobleme bemerkbar, die bereits seinen Vater plagten. Wenig überraschend wirkt es also, wenn Dan Torrance ebenfalls ein hochgradig gewaltbereiter und leicht reizbarer Mensch geworden ist, der versucht, mit dem Alkohol sein Shining zu unterdrücken. Sein Kampf mit der eigenen Abhängigkeit bietet einen ordentlichen Handlungsstrang und macht ihn als Protagonisten greifbar. Vor allem die zusätzlichen Traumata und Erfahrungen, die sich dadurch ergeben, machen ihn jenseits der Ereignisse in „The Shining“ interessant und plastisch. Hier zeigt sich, dass King einiges richtig macht: Anstatt sich auf die Zugkraft des Originals zu verlassen, werden neue Elemente eingesponnen, die der Eigenständigkeit des Romans zuarbeiten und die Geschichte spannender machen.

Ungleichgewicht der Kräfte

Doch Dan ist nicht wirklich der Motor der Geschichte. Eigentlich dreht sich alles um die Teenagerin Abra, die starke Shining-Kräfte entwickelt und zum Ziel einer Gruppe wird, die sich der „Wahre Knoten“ nennt. Dabei handelt es sich um eine Gruppe, die systematisch diese Art begabter Kinder sucht, um sie zu töten und sich an ihrem Lebenssaft zu laben. Sie sind also in gewisser Hinsicht „Shining“-Vampire, und als Plotelement funktionieren sie hervorragend. Abra dagegen stellt das größte Problem der Handlung dar, denn eigentlich wird der Eindruck vermittelt, dass sie keine Hilfe von Dan Torrance braucht. Ihre Kräfte übersteigen alles, was im Vorgänger beschrieben wurde und übertrumpfen eigentlich den „Wahren Knoten“ in fast jeder Situation. Da den Vampiren so schnell der Zahn gezogen wird, geht leider auch ein Teil der Spannung verloren, auch wenn Kings Schreibstil einen antreibt, weiter zu lesen.

Fans des Originals und Dauerleser des Autoren sollten hier also ohne Gewissensbisse zugreifen. Sicherlich befindet sich „Doctor Sleep“ nicht auf Augenhöhe mit „The Shining“ - dafür sind die Figuren zu unausgewogen und der Plot teils zu verworren - doch Spannung liefert King hier auf jeden Fall.
Die deutsche Fassung von Doctor Sleep
von Stephen King ist bei Heyne erhältlich
ISBN 3453268555, 704 Seiten, Preis: 22,99€