LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Beethoven im Mittelpunkt einer Trilogie in der Philharmonie

Wohl über keinen anderen Komponisten und speziell über seine Symphonien wurde soviel geschrieben, philosophiert und analysiert wie über die neun Meisterwerke Ludwig van Beethovens. Selbst wenn man die völlig neue Struktur der melodiösen Einfügungen in das klassische Gesamtkonzept außer Acht lässt, kommt man nicht umhin, seine berühmte 3., die „Eroïca“, als Referenzstück in punkto Metrik, Fantasie und Beginn einer neuen Ära, die sich von allem bisher Gehörtem deutlich unterscheidet, einzustufen.

Umso interessanter war es, innerhalb von vier Tagen, zwei grundverschiedene Ausführungen seiner angesehen Komposition, zwischendurch ergänzt durch ein aufklärendes, perfekt konzipiertes Exposé des französischen Musikologen Jean-François Zygel, zu erleben.

Kommentierte 3. Symphonie

Am vergangenen Montag gelang dem ständig inspirierten Christoph König, an der Spitze der „Solistes Européens, Luxembourg“ nach einer gefälligen, geschmeidigen Interpretation von Johannes Brahms‘ 1. Klavierkonzert mit dem Solisten Alexander Lonquich, eine erstklassige Auslegung dieses Monuments der Musikgeschichte.

Oft betitelt als symphonisches Werk mit Klavierbegleitung, das sich im „Schatten Beethovens“ bewegt - so das Motto der Soirée - konnte in der ersten Partie das Opus des damals 26-jährigen Brahms durch die überzeugende Regiearbeit Königs, die das Gleichgewicht zwischen den kontrolliert vorgetragenen Soloparts Lonquichs und den umrahmenden Tutti bestens wiedergab, uneingeschränkt Anklang finden.

„Dating: Beethoven“ hieß es am Mittwoch in einem kommentierten Konzert mit dem von Funk und Fernsehen bekannten Jean-François Zygel und dem „Orchestre Philharmonique du Luxembourg“, bei dem wiederum die 3. Symphonie Beethovens im Mittelpunkt stand.

Warum die Melodien klassischer Werke dieser Ära oft auf einem Dreiklang aufgebaut sind, wie die Tongeschlechter Dur (majeur) und Moll (mineur) die Gefühlsstimmungen beeinflussen oder warum Pausen oder die Stille in großorchestralen Kompositionen so wichtig sind, diese und viele andere Bausteine der musikalischen Architektur erläuterte der Moderator am Mittwoch fachmännisch mit dem Charme eines routinierten, populären Entertainers.

Wie im Flug verging die Zeit während des über zweistündigen Monologs oder besser Dialogs mit den verschiedenen Sektionen des OPL unter der Leitung des charismatischen britischen Dirigenten Richard Egarr, einer vorbildlichen Lektion in Sachen Musikgeschichte, -theorie und -analyse, permanent gespickt mit auflockernden Bonmots und Anekdoten, die zum Beispiel vom Dirigenten erzählten, der sich schwarze Handschuhe zum Dirigieren des Trauermarsches überstreifte. So sollte Schule sein.

Dass nach dieser vergnüglichen, kurzweiligen Lehrstunde alles anders ist, diese Erfahrung konnten wir am darauffolgenden Abend bei der „Gala Croix Rouge“ machen, wo, vor besagter Symphonie, im ersten Teil Rossini und Mozart auf dem Programm standen. Die Ouvertüre zu Rossinis letzter Oper „Semiramide“, die einen melodiös, informativen Querschnitt durch die gesamte Oper bietet, eignete sich durch die verschiedenen Klangkombinationen und der ansprechenden Mischung aus populär anmutenden Tongebilden besonders gut zur vorsichtigen Einstimmung auf die hochkarätige Soirée. So ähnlich wie Brahms im Schatten Beethovens steht, kann man das Verhältnis Rossinis zu Mozart einordnen.

Wertvolle Erfahrungen

Hörbar wohler präsentierte sich das „Orchestre Philharmonique du Luxembourg“ anschließend mit dem spektakulären 24. Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart, das seinerzeit als Zukunftsmusik angesehen wurde. Beeindruckend war in erster Linie die fließende Leichtigkeit und die überzeugende Eleganz mit der Richard Egarr seine Rolle als Solist und Dirigent zur Schau stellte. Dass der geschätzte Barock- und Tastenspezialist mit Hauptfach Cembalo diesem Werk, das eigentlich ohne Höhepunkt ist, da das rund 30-minütige Concerto während der ganzen Spieldauer ein einziges Nonplusultra ist, trotzdem noch fesselnde Highlights abgewinnen konnte, ist mehr als außergewöhnlich.

Nach dieser „leichteren Kost“ erlebten wir dann eine raffinierte Interpretation der „Eroïca“ mit der Beethoven sicherlich eine neue musikalische Welt geschaffen hat. Obschon rund 20 Jahre vor Rossinis auf Opernthemen basierender Ouvertüre entstanden, zeigt die beliebte, großangelegte Vorzeigenummer des Romantikers deutlich modernere Züge. Ohne dem Ablauf des etablierten Programmstücks unbedingt seinen persönlichen Stempel aufzudrücken, meisterte Egarr die interpretatorische Herausforderung mit spürbarem Einfühlungsvermögen, was die rhythmische Vitalität der entsprechenden Abschnitte in den Vordergrund stellte. Im Kontrast zu den furiosen Ensembleparts, gefiel besonders der besinnliche 2. Satz, der berühmte Trauermarsch, dank der ausgeprägten, kontinuierlich aufgebauten Dynamik, die das OPL meisterhaft in Szene setze.

Eine vergnügliche, informative und kulturell kostbare Woche voller Höhepunkte. Wer den drei spannungsreichen Ereignissen beigewohnt hat, sieht seinen kulturellen Horizont zweifellos um wertvolle Erfahrungen bereichert.