LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Aus Ungarn auf den Broadway: Aus „Liliom“ wird „Carousel“ -

Komponist Richard Rodgers und sein Texter Oscar Hammerstein II. konnten mit ihrer ersten Zusammenarbeit, dem Musical „Oklahoma“, 1943 einen Riesenerfolg am Broadway feiern. Mit 2.212 Vorstellungen in Folge brach die Show alle Rekorde zu diesem Zeitpunkt. Somit lagen die Erwartungen für ein zweites Musical sehr hoch.

Liliom, der Karussell-Betreiber

Das dramatische Theaterstück „Liliom“ vom ungarischen Autor Ferenc Molnár irritiert bei der Premiere 1909 in Budapest das Publikum wegen seines Schlusses. 1921 wird es in New York gespielt, mit Joseph Schildkraut in der Titelrolle. Die offizielle Übersetzung stammt von Benjamin Glazer. Anscheinend soll es aber Lorenz Hart gewesen sein, der ehemalige Texter von Rodgers, der das Stück übersetzte. So kennt Rodgers das Stück, ehe er 1940 ein Revival am Broadway sieht, mit Burgess Meredith und Ingrid Bergman in den Hauptrollen. Auch Hammerstein besucht diese Theaterfassung.

In New York beirrt der esoterisch angehauchte Schluss die Zuschauer. Der Karussell-Betreiber Andreas Zavocky, genannt Liliom, verliebt sich in die Serviererin Julie. Sie ziehen zusammen, verlieren aber ihre Arbeit. Liliom will Julie verlassen, tut dies aber nicht, weil sie schwanger ist. Zusammen mit seinem Kumpel Ficsur begeht er einen Raubüberfall, der schief läuft. In seiner Verzweiflung sticht sich Liliom sein Messer ins Herz - wobei er im Musical unglücklich in sein Messer fällt. Er kommt in den Himmel, wo er 16 Jahre im Fegefeuer verbringen muss. Dann darf er für einen Tag auf die Erde zurück, um die Fehler an seiner Frau und Tochter wieder gut zu machen.

„Carousel“ entsteht

Um „Oklahoma“ produzieren zu können, mussten Rodgers und Hammerstein viel kämpfen. Schließlich finanzieren Theresa Helburn und Lawrence Langner von der Theatre Guild das Musical. 1943 treifft sich das Komponisten-Duo regelmäßig mit den zwei Produzenten. Sie nennen sich „the Gloat Club“ („to gloat“ bedeutet „sich hämisch freuen“). Die Produzenten schlagen eine musikalische Fassung von „Liliom“ vor, ein Stück, das die Theatre Guild 1921 produzierte. Doch Rodgers und Hammerstein sind wegen des Schlusses abgeneigt. Nachdem sich darauf geeinigt wird, die Geschichte von Budapest nach New England zu verlegen, regt sich ihr Interesse. Die Theatre Guild lädt Molnár zu „Oklahoma“ ein. Er sagt anschließend, wenn Rodgers und Hammerstein „Liliom“ so schön adaptieren könnten, wie sie „Green Grow the Lilacs“ zu „Oklahoma“ werden ließen, bekämen sie die Rechte. Zuvor hatte Molnár Angebote von Kurt Weil, George Gershwin und Giacomo Puccini abgelehnt. Im Oktober 1943 bekommt die Theatre Guild die Rechte übertragen, und das Musical heißt nun „Carousel“.

Zwei unbekannte kalifornische Sänger, John Raitt und Jan Clayton, werden für die Hauptrollen gecastet. Aus Liliom wird Billy Bigelow und Julie behält ihren Vornamen und heißt mit Nachnamen Jordan. Das zweite Paar im Musical, Carrie Pipperidge und Enoch Snow, wird von Jean Darling und Eric Mattson gespielt. Die Broadway-Premiere ist im Majestic Theatre am 19. April 1945. Es folgen 890 Vorstellungen. Molnár ist übrigens von dem neuen Schluss begeistert.

Das Musical beginnt nicht traditionell mit einer Ouvertüre, sondern mit der wunderbaren „Carousel Waltz“. Weitere Hitsongs sind „If I Loved You“, „June Is Bustin‘ Out All Over“, „Blow High, Blow Low“ und natürlich „You’ll Never Walk Alone“, den sich viele Fußballklubs als Hymne angeeignet haben. Zuerst ist es der FC Liverpool, der den Song zu seinem Fangsong macht, nachdem die Gruppe Gerry and the Pacemakers 1963 mit einer Coverfassung in die Hitparaden aufstieg. Das Musical wurde 1956 von Henry King verfilmt, mit Gordon MacRae und Shirley Jones.