NIC. DICKEN

Es bleibt zu hoffen, dass die letzten drei Wochen bis zur Europawahl am 25. Mai etwas mehr Klarheit in die Positionen der unterschiedlichen Parteifamilien bringen werden, als das bislang der Fall war. Von den Medien vermittelt, und deshalb auch für die große Mehrheit der Wahlbürger auch so wahrnehmbar, war bislang lediglich die Fokussierung auf ein Duell zwischen den beiden „Spitzenkandidaten“ Jean-Claude Juncker und Martin Schulz, von denen der eine ja nicht einmal wirklich Kandidat für das eigentlich zu wählende Europaparlament ist. Gewusst ist irgendwie auch, dass beide ein „sozialeres“ Europa wollen, wobei aber wiederum sehr offen bleibt, was genau man sich darunter vorzustellen hat, weil sie selbst sich ja gerade um Sinn und Bedeutung dieses Begriffes streiten. Nicht zuletzt muss die Frage erlaubt sein, warum bislang keiner der beiden Spitzeneuropäer, die ja schon mehr oder weniger lange mit an den Schalthebeln der europäischen Politik sitzen, die Gemeinschaft diesem Ziel bislang nicht näher bringen konnten.

Besonders Jean-Claude Juncker hat aufgrund der in der eigenen Parteifamilie vertretenen Positionen zunehmend Schwierigkeiten, eine klare Linie glaubhaft zu vermitteln. Heckenschützen in den eigenen Reihen à la Berlusconi und Wauquiez, aber auch markante Sprüche etwa von maßgeblichen Wortführern der Unionsparteien in Deutschland, machen Juncker das Leben schwer, weil sie deutlich zeigen, wie unterschiedlich doch innerhalb einer politischen Familie die Vorstellungen über eine europäische Marschroute und über eine gemeinschaftliche Zukunft sind.

Fast schon sträflich wäre es in dieser Auseinandersetzung um hehre Begriffe ohne nachweisbare Rückendeckung für die Position der Kandidaten zu übersehen, wie sich an den Rändern des politischen Spektrums Populisten und Hetzer massenweise Zulauf verschaffen mit simplen nationalistischen und protektionistischen Parolen, die einem vom bisherigen EU-Bürokratismus zunehmend enttäuschten Wahlvolk so richtig in den Kram passen.

Wer mehr Europa will, muss auch einstehen für mehr Miteinander, und wo es mehr Miteinander geben soll, bleibt weniger Platz für nationale Einflüsse und Alleingänge. Wenn Europa mehr werden soll als eine Gemeinschaft von Wirtschaftsinteressen, dann muss man die Menschen dafür stärker begeistern können. Das aber haben bislang weder Juncker noch Schulz wirklich geschafft, auch wenn sie sich zweifellos darum bemüht haben.

Europa braucht ein Gesicht, eine unverkennbare Identität, die nicht hinter jedem nationalen Interesse eines der großen Mitgliedstaaten zurückstecken muss, wie es auch jetzt, fast sechs Jahrzehnte nach der Gründung, immer noch der Fall ist. Europa braucht Glaubwürdigkeit und neue Perspektiven, die weniger von den Launen der Wirtschaftspartner in anderen Weltregionen als vielmehr von der eigenen Weltanschauung, von den eigenen Werten geprägt sein müssen.

Als Gesicht dafür fällt einem auf Anhieb nur „de Charel“ ein.