PATRICK WELTER

Es passte wie die Faust aufs Auge, mindestens. Am Neujahrsabend war auf dem Digitalsender zdf.info eine mehrteilige Dokumentation über den amerikanischen Bürgerkrieg zusehen. Nicht in schönen bunten Bildern à la Fackeln im Sturm oder mit dem Pathos einer Scarlett O’Hara, sondern mit Karten und ersten brutalen Kriegsfotos illustriert. Bilder vom kindlichen Trommler bis hinauf zu Jefferson Davis und Abraham Lincoln. Was noch mit 150 Jahren Abstand beeindruckt, wenn nicht erschreckt, ist die Entschlossenheit, die Brutalität und der Siegeswillens. Unionist schoss auf Föderalist, Föderalist auf Unionist, ohne jede Rücksicht. Männer die dieselbe Militärakademie gemeinsam besucht hatten massakrierten sich. Unionsgeneral Sherman zog eine Spur der „verbrannten Erde“ durch den Süden, durch ein Land, das dem Verständnis des Nordens nach das eigene Land war. Robert E. Lee ließ seine Föderierten in Gettysburg wieder und wieder gegen die Unionslinien anrennen, trotz der immer wahrscheinlicheren Niederlage. Lieber mit wehender blutgetränkter Fahne untergehen, als auch nur an einen Kompromiss denken.

Anderthalb Jahrhunderte nach dem Bürgerkrieg standen sich zum Zeitpunkt der Fernsehübertragung im US-Kongress die Vertreter eines tief gespaltenen Landes gegenüber und schlugen eine Schlacht ohne Rücksicht auf Verluste. Soll die Nation doch über die Klippe springen, und mit ihr die gesamte Weltwirtschaft, dachten sich die Vertreter der Tea-Party, die Rechtsaußen der Republikaner. Nicht um ein Jota klüger geworden, nach dem Debakel der Präsidentschaftswahl, wollten die Beschützer der waffentragenden Reichen ihr Dogma „Keine Steuererhöhungen“ durchsetzen. Bar jeder Logik, denn durch das Auslaufen des alten Gesetzes am Silvesterabend sprangen die Steuern für alle in die Höhe. Kein Kompromiss!

Im letzten Moment schafften der Senat und dann doch noch das „House“, das republikanisch beherrschte Repräsentantenhaus, einen Kompromiss auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Dank einiger republikanischer „Abweichler“, die trotzt des Dauerbeschusses durch die Teetrinkerbande dann doch noch ihr Gehirn benutzt haben. Darunter der Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan und Mehrheitsführer John Boehmer. Die Demokraten Barack Obama und Joe Biden können zufrieden sein, die Republikaner haben sich mal wieder selbst erledigt. Aber das nächste Haushaltsloch kommt bestimmt.

Wieso ist ein Land, das sich in seinem Selbstverständnis für „Gottes eigenes Land“ hält, so unfähig zum Kompromiss? Waffenbesitz, Abtreibung, Homo-Ehe, Steuern, Schulgebet etc. Jede Diskussion wird bis aufs Blut geführt. Rechthaberei aus Prinzip.

Ist es die späte Rache des konservativen Südens? Wobei sich die Rollenverteilung der Parteien gewandelt hat. Die Demokraten sind heute zart progressiv, die Republikaner jeden Tag mehr von gestern.

Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, wenn die Mason-Dixon-Line zu einer Staatsgrenze geworden wäre. Geschiedene Paare vertragen sich oft besser als verheiratete, die sich wie die Kesselflicker streiten - aber die Frage stellt sich nicht mehr.