PATRICK WELTER

Eigentlich sollten wir den ganzen Quatsch doch längst hinter uns gelassen haben, von wegen „Ende der Geschichte“ und so. Die Hoffnungen auf ruhige Zeiten nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Blocks 1989/1990 wurden nicht mal für ein paar Jahre erfüllt. Schon das Anwachsen der NATO nach Osten war pure Vorsicht. Erstens weil sich Russland nach dem Wodka-Rausch der Jelzin-Jahre wieder aufraffte, um auf die Weltbühne zurückzukehren. Zweitens weil genau das wieder Ängste von Tallin bis Kiew auslöste. Durchaus zu recht, wie man am Beispiel Krim gesehen hat. Jahrhunderte alte russische Außenpolitik, Schwamm drüber.

Nur dass Väterchen Putin angefangen hat, wie seine kommunistischen Altvorderen, mit Mittelstreckenraketen zu spielen ist nicht so nett. Die Sache mit dem Bau der alten SS-20 war ab 1980 eine besonders blöde Art des politischen Selbstmords, an den Folgen der eigenen Rüstung ist die Sowjetunion 1990 leise verröchelt. Außerdem standen sich damals rationale Menschen gegenüber. Der Unterschied zwischen 1980 und 2019 ist der, dass das Verhältnis der Großmächte heute weniger von Ideologien und einer Grundüberzeugung, die Welt nicht zu vernichten, geprägt ist, sondern von Eitelkeit und Dummheit, schlimmer noch von Trotz. Der „Leader in Chief“ im Weißen Haus ist völlig unberechenbar. Unbelehrbar kindisch. Ein Rumpelstilzchen wie ihn sich die Gebrüder Grimm nicht besser hätten ausmalen können. Sogar da, wo Trump mal Recht hat, wie bei der Anerkennung des neuen venezolanischen Präsidenten Guaidó, baut er Mist. Anstelle auf Diplomatie zu setzen, schwadroniert die Trump-Bande über eine Intervention - Wasser auf Maduros rostige Mühlen.

Anstelle mit Putin zureden, den er ja so bewundert, zerreißt Trump gleich ganze Abrüstungsverträge. Dabei hat ihm der Russe kräftig geholfen, die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen, das zeigen schon die bis jetzt bekannten Müller-Ermittlungen. Wollte Putin unbedingt einen Trottel im „Oval Office“?

Im Gegensatz zu dem trotzigen Kind in Washington ist Putin berechenbar. Zurück zu alter Größe und wieder mitmischen im Weltgeschehen ist die globale Seite. Syrien, Iran, das Verhältnis zu China, jetzt Venezuela, die dumme Hetze gegen Kuba. Überall wo Trump Porzellan zerschlägt, sammelt Putin die Scherben auf, und hilft - zu seinen Konditionen. Wobei Putin ideologiefrei vorgeht, weder Assads Terrorregime, noch Venezuelas gescheiterter Diktator Maduro interessieren ihn wirklich. Ihm geht es darum, das alte russische Banner genau vor Trumps Füßen in den Boden zu rammen. Womit wir bei Putins europäischer Seite sind. Dort gilt „Peter der Große reloaded“. Die russische Einflusszone muss wieder so weit reichen wie unter den Zaren, im Westen wie im Süden. Vorrangige Aufgabe: Die Verluste von Gorbatschow und Jelzin zumindest zum Teil rückgängig machen. Klingt nicht nett, ist aber nachvollziehbar. Kurz, man kann sich auf den Mann einstellen. Die Antwort war daher wichtig: Auch wenn im Baltikum und Polen nur ein paar tausend NATO-Hansel stehen, das reicht als Zeichen aus. Da ist jetzt Ruhe. Aber ich werde weder auf die Unabhängigkeit Weißrusslands noch die der Ukraine in ihrer ursprünglichen Form wetten.