SIMONE MOLITOR

Früher war alles besser. Diese Behauptung wird immer wieder gerne, von einem lang gezogenen, wehmütigen Seufzer begleitet, in den Raum geworfen. Früher war aber auch alles anders. Die Gesellschaft hat sich gewandelt, genauso wie sie sich immer schon gewandelt hat. Vor dem „Früher war alles besser“, gab es immer ein „noch früheres Früher“, wo noch alles besser war. Gegenwart und Zukunft stellen uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Alles Schwelgen in der Vergangenheit und Festhalten an Altbekanntem hilft nichts, manches muss der Zukunft wegen überdacht und erneuert werden.

Die auffälligsten Spuren hat der gesellschaftliche Wandel in den Schulen hinterlassen. Seit Jahren versuchen wechselnde Bildungspolitiker und -experten mit Reformen dagegen anzukämpfen. Es wurde vereinfacht und dann wieder verkompliziert, bevor schließlich mit „Differenzierung“ ein neues Zauberwort gefunden war.

„Wir müssen differenzieren“: Diesen Satz hat sich Bildungsminister Claude Meisch auf die Fahne geschrieben. Wir brauchen einen differenzierten Unterricht, ein differenziertes Schulangebot, differenzierte Lehrmethoden… Und er hat Recht! Die Schülerpopulation ist heute derart heterogen, dass wir nicht erwarten können, dass sie noch in die eine Schule reinpasst, in die wir irgendwann früher einmal reinpassten. Auch damals fehlte es der Schule indes bereits an Antworten, allerdings wurden die dazugehörigen Fragen - dieser Eindruck wurde jedenfalls erweckt - erst gar nicht gestellt. Die Probleme waren wohl nicht groß genug, beziehungsweise die Anzahl der Schüler, die nicht ins damalige Schulsystem passten, zu gering. Früher war alles besser… Nein, früher war alles anders!

Ja, wir müssen heute differenzieren, wir müssen die Schule an die Gegebenheiten und künftigen Anforderungen anpassen, wir müssen verschiedene Schulmodelle für verschiedene Schüler schaffen. Diese Erkenntnisse sind nicht neu. Allerdings fehlt es mancherorts noch an dem nötigen Bewusstsein. Das Festhalten an alten Denkmustern, an überlebten Schulmodellen, am Unterricht von gestern bringt niemanden weiter. Derweil in den Grundschulen bereits eine Differenzierung stattgefunden hat, besteht in den Sekundarschulen noch deutlicher Nachholbedarf.

Freiheiten, die den Lyzeen von Seiten des Unterrichtsministeriums in ihrer jeweiligen Programmgestaltung zugestanden werden, bleiben noch zu ungenutzt. Das stellte auch Minister Meisch im „Journal“-Interview zähneknirschend fest. Zu viele Lyzeen würden das Gleiche bieten, bemerkte er. Es fehlt an… Differenzierung.

Ob es am mangelnden Willen der jeweiligen Direktionen liegt, sich das Lehrpersonal schwer mit Neuerungen tut oder es schlicht an der nötigen Einsicht fehlt, dass sich die Zeiten, die Schüler und die Anforderungen geändert haben, wird er spätestens nächstes Jahr herausfinden. Dann nämlich wenn er sämtliche Lyzeen des Landes besucht, um diesen Stein ins Rollen zu bringen. Eine gute Initiative. Dass er allerdings während seiner „Lycées-Tour“ gleich Berge versetzt, wagen wir dann doch zu bezweifeln.