COLETTE MART

In den letzten Wochen haben wir die Erfahrung gemacht, dass es durchaus möglich ist, eine Zeitlang ohne Konsum auszukommen, und uns auf unsere Versorgung und gegebenenfalls unsere Umstellung auf Telearbeit zu konzentrieren.

Uns passiert gar nichts, wenn wir weniger Kleider kaufen, allerdings stellt der Einbruch in der Textilbranche ein verheerendes Problem in der globalisierten Welt dar. Die Kleider italienischer Markendesigner zum Beispiel werden unter anderem in Bangladesch genäht, verschiedentlich auch in Äthiopien, und dort gibt es jetzt keine Aufträge mehr, so dass zehntausende Näherinnen kein Einkommen mehr haben. Der Hunger macht sich bereits breit, und dies in Ländern, die seit Jahren wegen ihrer niedrigen Löhne in der Textilbranche Schlagzeilen machen. Dies bedeutet, dass wir uns die richtigen Fragen stellen sollten, wie wir nach der Pandemie verantwortungsvoll mit diesen Problemen umgehen sollen.

Wenn wir weniger kaufen, verlieren Ärmere komplett ihr Einkommen. Gerade diese Erkenntnis sollte dazu ermutigen, vielleicht hier und jetzt in der Kleiderbranche andere Wege zu gehen. Im Rahmen der EU-Kooperationspolitik wäre es doch eine echte Herausforderung, an der Ausarbeitung menschenwürdiger Kollektivverträge und eines Sozialversicherungssystems mitzuwirken, die den Näherinnen armer Länder erlauben würden, sich selbst und ihre Familien zu ernähren, so dass ihre Kinder nicht schon von klein auf das gleiche Schicksal erleiden.

Des Weiteren wäre auch der Moment gekommen, uns die Arbeitsbedingungen dieser Menschen näher anzusehen, da sie oft in der Hitze viele Stunden arbeiten, ohne korrektes Licht.

In einer globalisierten Welt, in der wir vieles erfahren, können wir die Augen nicht mehr verschließen vor einer Misere, die direkt mit uns in Verbindung steht.

In diesen Zeiten lohnt sich ebenfalls ein Blick auf die Lebensmittelproduktion, weil zurzeit zehntausende Erntehelfer aus Osteuropa zu uns kommen müssen, um zum Beispiel bei der Spargel- und Erdbeerernte zu helfen. In Südeuropa wird die Gemüseernte oft von Flüchtlingen erledigt, die keine Aufenthaltsgenehmigung haben, oder auch von Gastarbeitern aus Nordafrika. Nordafrikanische Frauen sind der sexuellen Willkür in den Gemüseplantagen ausgesetzt, so dass die Nahrungsmittel- und die Kleiderproduktion uns wirklich zum Nachdenken anregen sollten.

Ein humanistischer Weg ging hier Portugal, in dem es sogenannte „Illegale“ integrierte, und zwar im Rahmen des Kampfes gegen die Pandemie. Die Suche nach Lösungen, die im Endeffekt Möglichkeiten des wirtschaftlichen Austauschs auf einer ebenbürtigeren Ebene schaffen könnten, ist eine wichtige Herausforderung in den Zeiten der Pandemie. Hier und jetzt, wo wir in unserer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, lohnen sich auch einige Gedanken an Kulturen und Situationen, in denen Frauen zum Beispiel sehr eingeschränkt leben müssen.

Allgemein rückt uns die Pandemie noch näher aneinander heran, und Zusammenhänge sind noch klarer zu erkennen. Diese Erkenntnisse sollten im Sinne eines besseren interkulturellen Verständnisses und der Gleichberechtigung der Menschen nach der Krise genutzt werden.