COLETTE MART

Die politische Sommerpause ist ein guter Moment für uns alle, über Aspekte des gesellschaftlichen Lebens auf einer tieferen Ebene zu reflektieren, da sie im Alltag der politischen Aktualität gerne zu kurz kommen.

Kulturelle Ereignisse sind ein ausgezeichneter Zugang zum kollektiven Unbewussten, und sie können durchaus positiv genutzt werden, um unsere Gesellschaft besser zu verstehen.

Der Sommer 2017 kann in diesem Kontext als Zeit des Rückblicks, oder der Rückkehr in eine andere Zeit, eine andere Epoche gesehen werden. Im hauptstädtischen Ratskeller zeigt nämlich die Fotothek Bilder aus der Berufswelt von früher, im Düdelinger „Centre National de l’Audiovisuel“ (CNA) führt eine Ausstellung in die Erziehung junger Männer im „Lycée Technique Emile Metz“ zwischen 1911 und 1937, und im Utopia läuft seit mehreren Wochen der Film „Rückkehr nach Montauk“, nach einem berühmten Werk von Max Frisch.

Es ist also der Blick zurück, in die persönliche und die kollektive Erinnerung, die hier im Mittelpunkt steht und dabei helfen soll, spätere Entwicklungen im Leben der betroffenen Menschen oder Gesellschaften richtiger einzuordnen.

In „Return to Montauk“ (Volker Schlöndorff) spürt ein Mann einer vergangenen Liebe nach, und will am gleichen Ort, an dem er mit der Frau gewesen ist, also in Montauk auf Long Island, verstehen, wieso die Wege zwischen ihnen auseinandergingen, was aus ihnen geworden ist, und was aus ihrer Liebe vielleicht hätte werden können. Es geht also um eine Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Liebe, und demnach ist „Rückkehr nach Montauk“ ein wichtiger kultureller Moment hier in Luxemburg. Die Fotothek der Hauptstadt rührt ihrerseits an die Entwicklung und Veränderung der Berufswelt in den letzten 50 Jahren, erinnert an Werte, die verlorengingen, dokumentiert eine radikale Veränderung des Stadtbildes und der Aktivitäten von Männern und Frauen, und kurbelt dabei eine kritische Reflexion darüber an, was wir waren, was aus uns geworden ist, was wir hinzugewonnen haben und was vielleicht doch an Gemeinschaftlichkeit und sozialem Zusammenhalt verloren ging.

In „La Forge d’une société moderne“ offenbart der CNA seinerseits, mit welchen Werten junge Männer Anfang des 20. Jahrhunderts für die Stahlindustrie ausgebildet wurden, wie letztere um Arbeiter, Beamte und Ingenieure warb, wie sie sich selbst dabei darstellte, und welches Interesse bereits in dieser Zeit für die Arbeitswissenschaften bestand. Das soziale Engagement der Stahlindustrie, aber ebenfalls die Notwendigkeit der Gründung der Gewerkschaften werden hier bereits ab 1911 transparent, und so hilft die Ausstellung, geschichtliche und soziale Zusammenhänge zu verstehen.

Es ist demgemäß wichtig, die Sommerpause dazu zu nutzen, über den Weg der Kultur besser zu verstehen, wer wir sind, und warum wir uns in den letzten 100 Jahren in eine bestimmte Richtung entwickelt haben. Diese Lehren sind wichtig, damit wir alle den gesellschaftlichen Fortschritt mitgestalten können, und auch bestimmte Entwicklungen kritisch hinterfragen können.