COLETTE MART

Die aktuelle Krise verstärkt die Ungleichheiten in der Gesellschaft. Am härtesten betroffen sind die Obdachlosen, die nicht zuhause bleiben können, weil sie keines haben, und denen die Tagesstrukturen geschlossen wurden.

Des Weiteren trifft die Krise Familien, die kleine Wohnungen haben, und von heute auf morgen Kinder den ganzen Tag beschäftigen müssen. Auf engem Raum entsteht leichter Streit, und dort, wo zugeschlagen wird, wo Frauen, manchmal auch Männer und Kinder Gewalt ausgesetzt sind, können sich die Ausgangsbeschränkungen verheerend auswirken.

Kinder bekommen ihre Hausaufgaben oft über Email nach Hause geschickt, nicht alle Familien haben einen Drucker, nicht mal alle einen Computer, so dass sich im Rahmen des E-Learning soziale Graben auftun, insbesondere zwischen jenen Kindern, denen die Eltern bei den Aufgaben helfen können, und jenen, die auf sich selber gestellt sind.

Auch zwischen den Lehrern gibt es Ungleichheiten. Während einige das perfekte Home-Office besitzen und ohne Problem online mit allen Schülern in Verbindung treten können, besitzen andere, die vielleicht prekäre Arbeitsverträge haben, nicht die perfekte informatische Ausstattung, was sich dann auf die Qualität der Kommunikation mit den Schülern auswirken kann.

Nicht-luxemburgische Kinder, die über Wochen nicht in Kontakt mit der Luxemburger Sprache kommen, werden an Lernkompetenzen verlieren; dies trifft auch für jene Kinder zu, die zuhause lediglich vor dem Fernseher sitzen, während andere durch Aktivitäten in der Natur, mit ihren Eltern oder durch Lektüre beständig dazu lernen. Demnach ist davon auszugehen, dass schwache Schüler nach der Krise noch weiter geschwächt sind, derweil gute Schüler sich zusätzliche Lernkompetenzen aneignen konnten.

Ein zusätzlicher Graben wird sich in den nächsten Monaten zwischen dem Privatsektor und der öffentlichen Funktion auftun. Kleine Betriebe oder Unabhängige können von heute auf morgen einen großen Teil ihres Einkommens verlieren, ihre Familien nicht mehr ernähren und ihre Mitarbeiter nicht mehr bezahlen. Deshalb ist es wichtig, alle Initiativen zu unterstützen, bei denen Arbeitsplätze erhalten bleiben, so zum Beispiel, wenn Restaurants jetzt auf Take Away umstellen oder aber Mahlzeiten nach Hause liefern.

Damit kleine Betriebe überhaupt überleben können, müssen die staatlichen Unterstützungen schnell und effizient kommen, und hier sollte daran erinnert werden, mit welch hohen Beträgen unser Land anlässlich der Finanzkrise 2008 Banken rettete.

Von dieser Krise sind ebenfalls Menschen betroffen, die einsam sind und in eine Depression fallen können, oder aber ältere Menschen, die in der modernen Welt nicht mehr so gut zurechtkommen und keinen Besuch mehr haben.

Darüber hinaus wäre zu sagen, dass sich neben einer beeindruckenden Solidarität ebenfalls ein wachsender Egoismus in der Bevölkerung breitmacht. Die Gewinner der Krise verlieren eher an Sensibilität für die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft, Gewinner und Verlierer begegnen sich kaum noch, und der soziale Graben wird demnach alsbald zur politischen Herausforderung.