COLETTE MART

Unsere Welt steht Kopf. Unsere Gewissheiten, unsere gelegentliche Arroganz, unsere Überzeugung, alles besser zu machen als andere, halten derzeit einer tiefgründigeren Analyse nicht mehr stand.

Hoffentlich wurde ein bisschen an unserem Weltbild gerüttelt, als kubanische Ärzte (vorwiegend Schwarze, also die Enkel der Sklaven, die Europäer nach Kuba verschleppt hatten) in Italien eingeflogen wurden, um einem überforderten Land bei der Pflege der Corona-Kranken zu helfen. Dies ist für uns alle eine Lektion der Bescheidenheit, und eine Chance, den Nordsüddialog zu überdenken.

Hier und jetzt hat es uns getroffen, so wie es die Afrikaner bei der Ebola-Krise traf, die wir nur am Rande mitbekamen und mitverfolgten. Wir sind uns damit hoffentlich bewusst geworden, wie schnell eine Weltordnung kippen kann, wie empfindlich unsere Gesundheit, unsere Wirtschaft und unsere ganze Gesellschaft auf ein Virus reagierten, und wie begrüßenswert es ist, Schützenhilfe aus einem kleinen, wirtschaftlich boykottierten Entwicklungsland zu bekommen. Dies müsste eine Zeit des Umdenkens einläuten. Interessanterweise verwies ein rezentes „Tageblatt“-Interview mit Gesundheitsministerin Paulette Lenert auf deren Versuch, als ehemalige Kooperationsministerin den Nordsüddialog und die luxemburgische Kooperationspolitik anders anzugehen.

Sie wollte aus den festgefahrenen Bahnen ausbrechen, sie kam damit in der Szene nicht unbedingt gut an, denn die Luxemburger Entwicklungshilfe hat sich in den letzten 40 Jahren kaum verändert, und wurde nie ernsthaft analysiert und ausgewertet. An ihr hängen Geldflüsse, Arbeitsplätze, und damit verbundene Lobbys, zum Teil aus christlichen, zum Teil aus sozialistischen Vereinigungen. Wenn es um Geld und um Interessen geht, beißt der Reformwille der Politik auf Granit. Auch wenn einige Luxemburger NGOs durchaus die Zeichen der Zeit erkannten, und sensibel an Tabuthemas herangehen, auch wenn viele kleine NGOs Einzelprojekte im Schul- oder Gesundheitsbereich mit viel Einsatz durchführen, was unbedingt unterstützenswert ist, fehlt bei uns Europäern der ebenbürtige Dialog mit den Menschen der Entwicklungsländer auf wirtschaftlicher und politischer Ebene, und im gemeinsamen Umweltschutz.

Man findet sich nicht. Wir stören uns an der Art und Weise, wie der andere denkt, wir werfen den Entwicklungsländern Menschenrechtsverletzungen und Korruption vor. Dabei ignorieren wir, dass wir als Europäer über Jahrhunderte Sklavenhandel betrieben haben, lokale Märkte in Afrika kaputtmachen, über Firmen Bodenschätze ausrauben, und während der Kolonialzeit ungleiche wirtschaftliche Strukturen geschaffen haben. Und jetzt kommen die Enkel der Sklaven zu uns als Ärzte zurück. Das wäre doch eine wichtige Lektion! Im Rahmen einer neuen Welt, die wir nach der Krise aufbauen müssten, im Rahmen eines neuen Weltbildes, das wir schaffen sollten, wäre es wichtig, mit den Menschen aus den Entwicklungsländern in Verbindung zu treten, einen egalitären Dialog zu suchen, der Forschung, Wirtschaftsförderung, und der Nutzung moderner Technologien einen Platz zu geben, und auf diese Weise Fortschritt, Menschlichkeit und Wohlstand im Interesse aller zu schaffen.