NIC. DICKEN

Das Land Luxemburg hat einige Probleme, die nicht nur arme Staaten in der Dritten Welt, sondern auch die meisten - wenn nicht alle - EU-Staaten gerne mit uns teilen würden. Das trifft zwar nicht unbedingt zu auf den Wohnungsmarkt, die Bildungspolitik, den Arbeitsmarkt und die Verkehrsproblematik, wo auch bei uns so manches im Argen liegt, weil in den vergangenen Jahrzehnten auf diesen Gebieten einige drängende Herausforderungen ganz einfach ignoriert oder zumindest nicht mit der notwendigen Ernsthaftigkeit und Konsequenz aufgegriffen wurden. Als Folge davon müssen jetzt gleichzeitig einige Notbremsen und Hilfsfallschirme betätigt werden, um den absehbar unausweichlichen Crash zu vermeiden.

Es hat auch in Luxemburg Zeiten gegeben, da sich die Menschen in Notzeiten einander zuwandten, gemeinsam nach Lösungen suchten und daran arbeiteten, die Lebensbedingungen zu verbessern und alle am Wohlstand teilhaben zu lassen, der aus und auf den Trümmern des Zweiten Weltkrieges aufgebaut werden konnte. Manche noch lebenden Zeitgenossen können sich an Zustände der 50er und 60 Jahre erinnern, da trotz zahlreicher Mängel weniger gequengelt und gejammert als vielmehr entschlossen zugepackt und geholfen wurde. Es wurde nicht lange gefragt warum, man kannte die Situation des Nebenmenschen und stand ihm bei, sofern es die eigenen Mittel und Möglichkeiten erlaubten.

Mit den Jahren wurde diese natürliche und menschliche Solidarität, eine „Nachbarschaftshilfe“, bevor es diesen Begriff überhaupt gab, von der staatlichen Fürsorge abgelöst, die durch zunehmende finanzielle Mittel aus florierenden Wirtschaftszweigen ermöglicht wurde. Einen entscheidenden Konstruktionsfehler hatte dieses Modell jedoch von Anfang an: Alle beruflichen und sozialen Schichten des Landes, vom Lehrjungen in der Lagerhaltung bis zum Industrie- oder Bankdirektor wurden vielfach in gleichem Maße als „bedürftig“ eingestuft und dementsprechend wurde auch das vorhandene Geld verteilt. Müßig zu sagen, dass durch diese, von allen Parteien damals getragene, Gießkannenpolitik auch viele Leute profitieren konnten, die darauf sehr wohl hätten verzichten können, während die Menschen am unteren Ende der Einkommenstabelle gerne eine substantiellere Hilfe in Anspruch genommen hätten.

Das über Jahrzehnte währende Modell, das zumindest genau so viele neue soziale Härtefälle schuf wie es deren lindern konnte, wurde nun kurz- und mittelfristig von der Regierung zum Auslaufmodell erklärt. Nicht das Anspruchsdenken, sondern vielmehr die tatsächliche Bedürftigkeit von Menschen und Familien sollen in Zukunft die staatliche Verteilungspolitik wieder stärker beeinflussen.

Der Einsatz ist ernst genug: Die Frage stellt sich nämlich mittlerweile, ob durch vernünftige Korrekturen das System als solches langfristig gerettet und gesichert werden, oder ob man es bei der nach wie vor - zum Teil auch in Politikerkreisen vertretenen - „après nous le déluge“-Mentalität belassen soll.

Für individuelle und Gruppenegoismen wird der Raum zwangsläufig enger.