CLAUDE KARGER

Ängstlich blicken viele Bürger in und außerhalb der USA schon seit einiger Zeit nach Washington, wo Donald Trump heute als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt wird. Ängstlich, weil sie den Politik-Novizen, der im Sommer 2015 bei den Republikanern als Lachnummer gestartet war zu einem allerdings dann aber unvergleichlichen Durchmarsch, bislang durchgehend erlebten als einen totalen Egomanen, der alle Tabus brach. Der sich regelmäßig Minoritäten vorknöpft - und natürlich die kritische Presse - und sich als Meister der Flucht aus Diskussionen herausstellte, die sein auf bestenfalls wackligen Argumenten aufgebautes Weltbild schnell zu Fall gebracht hätten.

Kritik kanzelt er einfach als eine Art „Majestätsbeleidigung“ ab, jede bestärkt den vom Milliardär (!) aus steinreichem Hause aufgebauten Mythos des Opfers eines diffusen „Establishments“, dem „The Donald“ quasi allein als Verteidiger der „kleinen Leute“ die Stirn bieten muss. Die Rechnung ging im vergangenen November auf - und hat mittlerweile Europas Rechte ordentlich beflügelt.

Die treffen sich übrigens einen Tag nach Trumps Vereidigung und zu Beginn eines an wichtigen Urnengängen reichen Jahres zu einem Gipfel der Europaskeptiker in Koblenz. Bei dem bizarren Schulterschluss jener, die die EU zerstören wollen, um ihre Länder wieder abzukapseln, dürfte auch dem neuen US-Präsidenten gehuldigt werden, dem „Front National“-Chefin Marine Le Pen dieser Tage bereits bei einem Besuch in Forbach Blumen streute, setzten er und die britische Brexit-Premierministerin Theresa May doch das FN-Programm des „wirtschaftlichen Nationalismus“ und „intelligenten Protektionismus“ um. Als ob solche rückwärtsgewandten und unrealistischen Konzepte in einer globalisierten Welt realistischer würden, nur weil jemand anders sie auch predigt. Und tatsächlich gehört das Wettern gegen Handelsabkommen und der Eingriff durch Drohungen in die globalen Strategien von US-Unternehmen längst zum Repertoire des künftigen „America first“-POTUS, dessen Land bislang DAS Symbol des Freihandels war. Derart, dass der chinesische (!) Präsident beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos eine flammende Rede gegen den Protektionismus hielt. Verkehrte Welt! Was freilich am meisten beunruhigt, ist, dass bislang niemand außer Trump genau weiß, welche Welt der neue POTUS will, der nicht, wie manche annahmen, nach der gewonnenen Wahl langsam aber sicher realistischer und staatsmännischer würde. Er geriert sich nach wie vor als dünnhäutiger Kampf-Twitterer, dessen verbalen Eruptionen über alles Mögliche verschiedene Mitglieder seines Regierungsteams in spe bereits vor Amtsantritt zu Rückrudermeistern machte. Wird der Mann, der übrigens zu Wochenanfang in einem Interview unterstrich, wie egal ihm die EU ist, ernst machen mit seinen großspurigen Ankündigungen, von denen viele auf Konfrontation und Spaltung hinauslaufen - zuhause und in der Welt? Wer im „Oval Office“ sitzt kann viel Gutes tun, aber auch Schlimmstes anrichten.

Hoffentlich nimmt sich Donald Trump vor allem diesen Ratschlag seines Vorgängers Obama zu Herzen: „Die Realität hat es an sich, zurückzuschlagen, wenn Du sie nicht ausreichend beachtest.“ Und schlägt sie zurück, kann das im Fall USA die ganze Welt erschüttern.