WOLFSBURG
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Nach Machtkampf an der Konzernspitze: VW-Patriarch Piëch tritt zurück

Die Natur hat eiserne Gesetze. So verliert auch der stärkste Löwe irgendwann auf seine alten Tage erstmals wieder einen Kampf. Eine solche Niederlage bedeutet dann sein Ende als Chef im Rudel. Ähnlich ist es nun auch Volkswagen-Patriarch Ferdinand Piëch ergangen.

Seinen wichtigsten Kampf um die Machtfrage bei Europas größtem Autobauer hat der 78-Jährige am Samstag verloren - er trat noch am selben Tag zurück. Die Machtarchitektur des VW-Konzerns ist damit nicht nur erschüttert. Sie steht vor einer historischen Wende.

Es klingt wie ein Rausschmiss samt Fußtritt

Piëch war am Ende nicht mehr zu halten. Stundenlang hatte der engste Machtzirkel von Volkswagen am Samstag ab Mittag in einem Bürogebäude am Braunschweiger Flughafen konferiert, nach einer anderen Lösung gesucht, ohne Erfolg. Am frühen Abend zieht das Präsidium die Reißleine und beschließt das Ausscheiden des 78-Jährigen aus dem Amt. Die Worte, mit denen der Konzern den Rücktritt mitteilt, spiegeln die Dramatik des tagelang auch öffentlich ausgefochtenen Machtkampfes wider. Die sechsköpfige Aufsichtsratsspitze lässt erklären: „Die Mitglieder des Präsidiums haben einvernehmlich festgestellt, dass vor dem Hintergrund der vergangenen Wochen das für eine erfolgreiche Zusammenarbeit notwendige wechselseitige Vertrauen nicht mehr gegeben ist.“ Keine Rede von „gegenseitigem Einvernehmen“, einem Dank für die geleistete Arbeit oder guten Wünschen für die Zukunft. Es klingt wie ein Rausschmiss samt Fußtritt, ein Vom-Hof-Jagen.

Vorausgegangen war ein Showdown, wie ihn ein Drehbuchautor sich kaum zu schreiben trauen würde - ein bis dato selbst für Insider fast unvorstellbarer Vorgang. Piëch galt in seiner bisherigen Funktion als Volkswagen-Großaktionär, langjähriger früherer VW-Vorstandschef und amtierender Aufsichtsratsboss als Machtzentrum, als Gesetzgeber, strategische Führungs- und lange unumstrittene Identifikationsfigur.

Die Entscheidung wirkt nach den tagelangen Querelen um Vertrauensentzug und Machtgebärden wie eine Ironie: Was mit Piëchs medial verbreitetem Vertrauensentzug gegen Konzernchef Martin Winterkorn begann, endete mit einem Vertrauensentzug für ihn selbst. „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“, hatte Piëch vor gut 14 Tagen dem „Spiegel“ gesagt. Doch am Ende ist es der Konzern, das Lebenswerk des Patriarchen, der auf Distanz zu Piëch gegangen ist.

Nicht mehr lösbarer Vertrauensverlust

Am Abend müht sich Piëchs Stellvertreter Berthold Huber, der die Aufsichtsratsgeschäfte zunächst kommissarisch weiterführt, zwar noch um Schadensbegrenzung. „Ferdinand Piëch hat sich große Verdienste um Volkswagen und die gesamte Automobilindustrie erworben“, sagt Huber in Hannover. Doch die letzten Tage hätten einen Vertrauensverlust gebracht, der sich als „nicht mehr lösbar erwiesen“ habe. Ähnlich äußert sich Präsidiumsmitglied und Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), als er für die Kapitalseite spricht: „Gerade in Niedersachsen haben wir Prof. Piëch viel zu verdanken. Dennoch war es in der jetzt eingetretenen Situation zwingend geboten, die Personalspekulationen zu beenden.“ Es habe Klarheit hergemusst.

Doch welche Folgen hat das Drama für den hinter Toyota zweitgrößten Autokonzern der Welt? Piëchs Fußspuren sind nach insgesamt mehr als 22 Jahren an Vorstands- und Aufsichtsratsspitze kaum zu füllen. Wer könnte ihm folgen und die langfristige Ausrichtung von VW überwachen? Jemand von außerhalb - oder am Ende doch Winterkorn?

Der 67-Jährige sieht vorerst wie der große Gewinner des historischen Kampfs um das Sagen im Konzern aus. Und trotzdem steht ihm schon in zwei Monaten eine Teil-Entmachtung als Vorstandschef bevor. Dann nämlich übernimmt mit dem früheren BMW-Vorstand Herbert Diess ein neuer Mann die Leitung der zentralen Hausmarke Volkswagen-Pkw rund um Golf und Passat. Dort lauern die größten Probleme des Dax-Riesen, dort dürfte auch Piëchs Kritik an Winterkorn angesetzt haben.

Ist das erst der Anfang eines gewaltigen Strukturwandels bei Europas größtem Autobauer? Mit zuletzt gut zehn Millionen verkauften Fahrzeugen pro Jahr sind die Wolfsburger weltweit die Nummer zwei hinter Toyota aus Japan. Die Volkswagen-Gruppe hat rund 600.000 Beschäftigte, davon fast die Hälfte in Deutschland. Zu den zwölf Marken zählen die VW-Pkw, Audi, Porsche und Skoda, aber auch Nutzfahrzeugriesen wie MAN und Scania. Größter Markt ist China, wo VW gut jedes dritte Fahrzeug absetzt. Im globalen Pkw-Geschäft stammt jedes achte Auto aus dem Konzern. 2014 machte Volkswagen mit fast 120 Werken weltweit 202,5 Milliarden Euro Umsatz. Der Konzerngewinn nach Steuern lag bei 10,8 Milliarden Euro.

Dieser gigantische Konzern wurde bislang zentralistisch gelenkt - sowohl Piëch als auch Winterkorn lassen sich mit diesem Führungsstil identifizieren. Doch einige Experten bewerten das als nicht mehr zeitgemäß. Selbst Betriebsratschef Bernd Osterloh übte bereits Kritik.

Zwar habe der VW-Zentralismus dort seinen Platz, wo es um die technologische Steuerung gehe - etwa um die Gleichteilestrategie des Legostein-Bauprinzips für die Marken. Aber für Osterloh stand auch eine Strukturdebatte auf der Agenda: „So wie die Nutzfahrzeuge eine eigene Sparte bilden müssen, um optimal arbeiten zu können, müssen wir auch andere Potenziale in Sparten bündeln.“

Ein harter Schlussstrich

Ist das der Startpunkt für eine neue Struktur und neue starke Köpfe im Vorstand? Neben dem neuen Nutzfahrzeug-Chef Andreas Renschler könnte etwa Porsche-Chef Matthias Müller eine ähnliche Rolle für die Oberklasse-Marken des Konzerns spielen. Den 61-Jährigen hatte Piëch sogar schon als kurzfristigen Winterkorn-Nachfolger favorisiert. Das Machtvakuum an der Spitze des Aufsichtsrats lässt in jedem Fall Raum für Spekulationen in alle Richtungen - ebenso herrscht noch immer Rätselraten um Piëchs Intention, Winterkorn infrage zu stellen.

Denn immerhin: Der Löwe Piëch opferte mit seinem finalen Kampf am Ende die Schlüsselrolle in seinem Lebenswerk, aus dem er sich nun auch mit Ehefrau Ursula zurückzieht, die bisher ebenfalls im Aufsichtsrat saß. Es ist ein harter Schlussstrich, mit dem sich Piëch aber auch treu blieb. „Er oder ich“ - nach diesem Motto hatte er stets gekämpft.