Konnten die Kongresse der christlich-sozialen Volkspartei in der Vergangenheit bislang meist unter der Rubrik „überraschungsfreie Pflichtveranstaltung“ abgehakt werden, bei denen die Delegierten erst schön brav die administrativen Berichte über sich ergehen lassen mussten, um dann aber umso heftiger ihrem Premierminister zujubeln zu dürfen, der ja sowieso - quasi von Gottes Gnaden - immer der CSV angehörte, so verspricht die morgige Veranstaltung im Limpertsberger „Tramsschapp“ für einmal spannend zu werden. Hierbei handelt es sich nämlich um den ersten Kongress seit 1979, den die CSV als Oppositionspartei abhalten muss, und das mit der Opposition fällt der mit rund 10.000 Mitgliedern immer noch bei weitem größten Partei Luxemburgs verdammt schwer.

Als Hauptredner figuriert zwar auch morgen wieder - wie in den 20 Jahren zuvor - Jean-Claude Juncker, der diesmal aber nicht länger als Regierungschef das Wort ergreifen wird, sondern als Oppositionsführer und Fraktionschef der CSV. Auch wird Juncker diesmal nicht alleine „zesummen no vir kucken“ (wie das Kongressmotto lautet), sondern - ausgerechnet - gemeinsam mit EU-Kommissarin Viviane Reding, die es ja nicht unbedingt nach Luxemburg zurückzieht und auf EU-Ebene somit indirekt als direkte Konkurrentin Junckers zu betrachten ist, stehen unserem Land doch mit Sicherheit nicht unbegrenzt europäische Spitzenposten zur Verfügung.

Der Juncker’sche Umzug nach Brüssel ist dann auch immer noch alles andere als geritzt, auch wenn die in dieser Frage alles entscheidende Deutschkanzlerin dem neuen Luxemburger Premier Xavier Bettel gestern bei dessen Antrittsbesuch in Berlin verriet, dass sie Juncker „größere Sympathien entgegenbringe“, die Entscheidung aber erst auf dem EVP-Kongress Anfang März in Dublin gefällt werde.

Ginge es allerdings nach der jungen Garde, die insbesondere von den Jungtürken der CSJ vertreten wird, dann hätten Juncker & Co, in diesem Falle der abtretende CSV-Chef Wolter, sich lieber gestern als morgen nach einem neuen Job umsehen müssen, werde doch dringend ein Neuanfang gebraucht. Wenn in der Vergangenheit Kritik ausgeübt worden sei, dann sei das oft geradezu als Majestätsbeleidigung empfunden worden, wie der scheidende CSJ-Präsident, der CSV-Abgeordnete und - zusammen mit Laurent Zeimet, Mylène Wagner-Bianchy und Serge Hoffmann - Kandidat für den CSV-Generalsekretärsposten Serge Wilmes, auf dem letztwöchigen CSJ-Kongress monierte, um aber direkt von Juncker und Wolter zurückgepfiffen zu werden: Die Partei müsse sich nicht erneuern, sondern vielmehr weiterentwickeln.

Dass Michel Wolter nun in den Staatsrat wechseln will, dürfte bei den Vertretern der neuen CSV dann auch mit einer gewissen Freude zur Kenntnis genommen worden sein, wobei der zukünftige CSV-Präsident Marc Spautz als Mittler zwischen der alten und der jungen Garde herhalten muss. Ab nächster Woche darf die neue CSV-Spitze, wie immer sie auch aussehen mag, dann zeigen, ob es ihr mit dem anvisierten Neuanfang wirklich ernst ist oder nicht. Eine Zeitenwende dürfte aber trotzdem nicht zu erwarten sein...