DÜDELINGEN
SIMONE MOLITOR

Mit der „Teutloff Collection“ gelingt der Brückenschlag der „The Family of Man“ in die Gegenwart

Seit ihrer Entstehung im Jahr 1955 hat die von Edward Steichen zusammengestellte Ausstellung „The Family of Man“ zahlreiche Künstler, Kuratoren, Schriftsteller und Sammler inspiriert. So auch den Unternehmer, Galeristen, Ausstellungsmacher und - vor allem - passionierten Sammler Lutz Teutloff (1938-2017). Unter dem Titel „The Contemporary Family of Man“ hat er eine einzigartige Sammlung zusammengetragen, die nach seinem Tod vom „Centre National de l’Audiovisuel“ (CNA) übernommen werden konnte.

Als „sehr sympathischen und trotz seiner schweren Krankheit begeisterungsfähigen Mann“ hatte ihn CNA-Direktor Paul Lesch im Mai 2017 kennengelernt, als sich Lutz Teutloff und Sabine Weichel-Kickert, Kuratorin der „Teutloff Collection“, bei einem Besuch in Düdelingen näher über das Institut informierten. „Teutloff war sehr darauf bedacht, noch vor seinem Ableben einen idealen Ort für seine wertvolle Fotokollektion zu finden“, erklärte Lesch bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. „Er bot uns die Chance, die künstlerisch äußerst wertvolle Sammlung für eine geradezu symbolische Summe zu kaufen. Er hatte sich also für das CNA als endgültige Heimat für seine Kollektion entschieden“, erzählte der Direktor. Einige Monate später erlag Teutloff seinem schweren Krebsleiden.

Idealer Ausstellungsort in Clerf gefunden

Wie Lesch informierte, sei mittlerweile auch ein geeigneter Ausstellungsort gefunden worden, wo Teile der Sammlung gezeigt werden können: Direkt gegenüber des Clerfer Schlosses, in dem „The Family of Man“ bekanntlich untergebracht ist, im historischen Brauhaus, das in Besitz des Kulturministeriums ist, jedoch noch renoviert werden muss. Bevor Werke aus der „Teutloff Collection“ gezeigt werden können, werden aber ohnehin noch ein paar Jahre ins Land ziehen. Zuvor steht nämlich noch die aufwendige Restaurierung und Digitalisierung an, wie Anke Reitz, Kuratorin und Sammlungsleiterin der „Steichen Collections“, weiter ausführte. Sie selbst kam 2010 zum ersten Mal mit Teutloff in Kontakt, dies zu einer Zeit, als sich die Ausstellung „The Family of Man“ gerade in der Renovierungsphase befand. Das verhinderte aber nicht, dass es zu einem regen Austausch kam, in dessen Verlauf der Kunstsammler die Idee formulierte, die eigene fotografische Sammlung und „The Family of Man“ zusammenzuführen, beziehungsweise einen Dialog entstehen zu lassen, was sich dann im Jahr 2017 konkretisiert hat.

„The Family of Man“ als Inspirationsquelle

„Die ,Teutloff Collection‘ ist von der ,Family of Man‘ inspiriert, und doch gibt es viele Unterschiede. Steichens Sammlung ist mit ihren humanistischen Ansätzen in der Nachkriegszeit verankert, derweil die Teutloff-Kollektion in einem anderen Kontext und mit einem anderen Ziel entstanden ist. Sie beschäftigt sich mit dem Bild des heutigen Menschen und seinem Platz in der Welt. Somit gibt es sowohl verwandte Themen, zum Beispiel Arbeit, Familie, Religion oder Einsamkeit, wie auch neue Themen, die deutlich über die Darstellung von Steichen hinausgehen und einen anderen Blick auf unsere Gesellschaft werfen. Der Fokus zwischen den beiden Sammlungen wird somit verschoben, zeitlich und thematisch“, beschrieb Anke Reitz. Bei „The Family of Man“ sei es vor allem darum gegangen, die Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen in Szene zu setzen. Die Teutloff-Sammlung hingegen zeichne ein uneinheitliches Menschenbild. „Das Individuum selbst steht im Mittelpunkt“, brachte sie es auf den Punkt, „für uns ist diese neue Kollektion ein zeitgenössischer Gegenpart zur ‚Family of Man‘“.

471 Kunstwerke von 195 Künstlern

Eine erste Ausstellung sei voraussichtlich 2023 geplant. Bis dahin bleibe noch sehr viel Arbeit, meinte die Kuratorin. Die Sammlung umfasst nicht weniger als 471 Kunstwerke von 195 Künstlern aus 40 Ländern. „Bei den Objekten handelt es sich hauptsächlich um Fotografie, aber auch Grafiken, Malereien und Installationen sind dabei. Das reicht vom zwei auf drei Meter großen Polaroid bis hin zum 80 cm-Foto. Die ganze Bandbreite der fotografischen Technik ist vertreten. In der Tat ist es eine große Herausforderung, die Sammlung in unser Archiv aufzunehmen. Das CNA-Team arbeitet eng mit externen Experten zusammen“, berichtete Reitz. Jedes Bild durchlaufe einen Kreislauf, der aus Identifizierung, Authentifizierung, Restaurierung und Digitalisierung bestehe.

Neue Existenz als Galerist und Sammler

Am Donnerstag war auch Sabine Weichel-Kickert, Kuratorin der „Teutloff Collection“, zugegen, die näher auf die Geschichte der Sammlung einging. „25 Jahre meiner Arbeit laufen heute hier zusammen“, sagte sie. Sie freue sich, dass die Kollektion erhalten bleibe und darüber hinaus in einen kunsthistorischen Kontext mit ihrer Inspirationsquelle „The Family of Man“ gesetzt werde. Damit sei ihre Mission als Kuratorin erfüllt - ein Kapitel, das am 11. November 1992 begonnen hatte. Er habe damals in der gleichen Straße wie sie eine Galerie eröffnet, fest entschlossen noch einmal eine neue Karriere zu beginnen, nachdem er 1989 sein Unternehmen erfolgreich verkauft hatte. „Mit dem Erlös wollte er sich eine neue Existenz in der zeitgenössischen Kunst aufbauen. Er nahm Kontakt mit den Künstlern auf, kaufte obsessiv Kunst und organisierte erste Ausstellungen. Bereits damals konzentrierte sich die Sammlungsaktivitäten auf das Medium Fotografie, ergänzt durch Videokunst“, wusste Sabine Weichel zu berichten.

„Über die Jahre profilierte sich die Sammlung. Ab der Jahrtausendwende wurde sie kontinuierlich durch Ankäufe erweitert. Inhaltlich begann er sich auf den menschlichen Körper zu fokussieren und die damit beginnende Frage der Würde des Menschen. Gesammelt wurde der Mensch in all seinen Facetten, von der Geburt bis zum Tod und darüber hinaus, kurz Conditio Humana“, führte sie weiter aus. Einen entscheidenden Impuls habe die historische Ausstellung „The Family of Man“ gegeben. „Ein antiquarischer Ausstellungskatalog war schließlich die Inspirationsquelle für die Idee, dort anzuknüpfen, wo Edward Steichen 1955 aufgehört hatte: mit der Visualisierung einer zeitgenössischen Menschheitsfamilie“, so Weichel.

Der Name ist Programm: „The Contemporary Family of Man“. „In Anlehnung an die historische ,Family of Man‘ wurden bestimmte Sammlungskriterien festgelegt: Zeugung/Ursprung, Geburt, Mutter und Kind, Kindheit, Adoleszenz, Paare, Sexualität, Schönheit, Tattoo, Einsamkeit, Emanzipation, Prostitution, Familie, Gender, Religion, Unrecht, Krieg, Jenseits der Norm, Alter, Tod und Transformation“, listete sie auf. Genau wie die historischen Vorbilder, sollten die Fotos politisch und moralisch provozieren und zur geistigen Auseinandersetzung sowie kontroversen Diskussionen anregen. Die „Teutloff Collection“ umfasst bemerkenswerte Werke von Künstlern der letzten 50 Jahre von internationalem Rang.

Der Mensch mit all seinen Schattenseiten

Bei seinem letzten Besuch in Düdelingen wurde die Übernahme der Sammlung schließlich in die Wege geleitet. „Seine Vision einer ,Contemporary Family of Man‘, die das Bild des Menschen mit all seinen Widersprüchen und Schattenseiten aufzeigt und damit auch Tabuthemen in die Mitte der Gesellschaft zurückführt, wird damit posthum erfüllt. Die Idee Edward Steichens, die Gemeinsamkeiten der Menschheitsfamilie in Szene zu setzen, wird durch die Auseinandersetzung mit heutigen gesellschaftlichen Themen neu diskutiert, visualisiert und letztendlich sinnstiftend ergänzt. Damit gelingt der Brückenschlag der ,Family of Man‘ in die Gegenwart“, meinte Sabine Weichel abschließend. 2023, frühestens, werden wir uns davon überzeugen können.