LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Brechts „Antigone des Sophokles“ im TNL: Antiker Stoff im modernem Gewand

Sie ist zweifelsfrei eine der bekanntesten Figuren des antiken Theaters: die „Antigone“ des Sophokles. Mit dieser Tragödie schuf der griechische Dichter Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. das erste Konfliktdrama der Weltliteratur. Der deutsche Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht seinerseits griff den mythologischen Stoff in der Übersetzung von Friedrich Hölderlin 1948 unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs auf und machte damit das damals nach wie vor aktuelle Potenzial deutlich. Ein Potenzial, das indes auch 70 Jahre später noch spürbar ist, beziehungsweise in der Inszenierung des Stuttgarter Regisseurs Bernhard M. Eusterschulte stellenweise greifbar wird. Muss man sich den Gesetzen beugen oder darf man in Ausnahmesituationen seinem Gewissen folgen? Diese Frage ist zeitlos.

In modernerem Gewand ist „Die Antigone des Sophokles“ - eine Koproduktion zwischen „Théâtre National du Luxembourg“ (TNL), Deutsches Staatstheater Temeswar, Theater Heidelberg und TARTproduktion Stuttgart - nun im TNL zu sehen.

Einfache Bühnenrequisiten

Mag die Bühnenkulisse auch auf den ersten Blick etwas karg erscheinen, so macht sie im Verlauf des Stücks doch Sinn und gibt mehr her, als man beim Betreten des Theatersaals vielleicht denkt. Links eine nackte Matratze, dahinter ein Tisch mit diversen Küchenutensilien. In der Mitte thront ein roter Polstersessel. Auf einem weiteren Möbelstück in schwarzer Farbe flackern ein paar Kerzen. Daneben ein Salontisch oder Podium. In der rechten vorderen Ecke steht ein Klavier, auf einem Stuhl liegt eine E-Gitarre. Musik wird in diesem Stück eine nicht unwesentliche Rolle spielen. Zwei Seile mit zusammengeknüllter Alufolie baumeln wie Girlanden im Bühnenzentrum von der Decke. Sie sind wohl als Allusion auf die Säulen im Original gedacht.

Sieben Personen haben bereits Stellung auf der Bühne bezogen - sitzend, herumlungernd, abwartend -, als sich der Saal langsam zu füllen beginnt. Pascale Noé Adam im dunklen Arbeiteroverall richtet sich schließlich via Walkie-Talkie an die Technik. Man sei nun so weit, sagt sie, markiert dann mit weißem Klebeband noch eine Stelle auf dem schwarzen Bühnenboden, wartet darauf, dass der Scheinwerfer richtig eingestellt ist und erklärt dem Publikum, wie es sich während der nächsten anderthalb Stunden zu verhalten hat. Handy ausschalten. Keine Fotos oder Tonaufzeichnungen machen... Derweil streicht Sound-Designer Roderick Vanderstraeten mit dem Bogen über seine Gitarre und schlägt vereinzelte Noten am Klavier an. Nickel Bösenberg empfindet es als notwendig, eben noch zur Sicherheit mit weißer Kreide eine Linie auf die Bühnenbretter zu ziehen, die die Schauspieler nicht übertreten dürfen. Hat das Stück bereits angefangen oder soll vielmehr die Stimmung etwas aufgelockert werden? Immerhin weiß der Zuschauer, was auf ihn zukommt, und dass dies kein leichter Stoff sein wird…

Antiquierte Sprache erschwert den Zugang

Brechts antiquierte Sprache ist bisweilen schwer zugänglich, wer sich nicht im Vorfeld mit dem Inhalt der „Antigone“ befasst hat, wird dem Ganzen möglicherweise nur bedingt folgen können. Was man wissen sollte: Im Stadtstaat Theben in Griechenland, an dessen Spitze Kreon als König steht, herrscht Krieg. Vor den Toren der Stadt fällt Polyneikes, der seinen Bruder Eteokles hat sterben sehen und deshalb nicht länger bereit war, den Eroberungskrieg gegen Argos weiterzuführen. Da er aus diesem Grund als Verräter und Staatsfeind gilt, wird ihm eine würdige Beerdigung verwehrt. Stattdessen soll sein Leichnam, um als abschreckendes Beispiel zu dienen, den Vögeln zum Fraß überlassen werden. Wer sich diesem durch das Gesetz erlassenen Befehl widersetzt, dem droht die Todesstrafe.

Antigone, die Schwester von Polyneikes, handelt dennoch gegen den Willen des Herrschers, der indes ihr Onkel ist, folgt stattdessen dem Gebot der Götter und beerdigt den Toten. Ihre Schwester Ismene, die sich anfangs eher passiv verhält und Antigone nicht bei der Bestattung helfen will, versucht die Schuld im Nachhinein auf sich nehmen, was Antigone aber ablehnt. Am Ende nimmt sie sich das Leben.

Was man wissen kann, aber nicht muss, da es die Vorgeschichte betrifft: Antigone ist die Tochter des berühmten Ödipus, der unwissentlich seinen Vater erschlug und, ebenfalls ahnungslos, seine Mutter Iokaste heiratete. Mit ihr hatte der neue König von Theben vier Kinder, Antigone, Ismene, Eteokles und Polyneikes, die nach dem Tod der Eltern bei Kreon, dem Bruder von Iokaste, aufwachsen.

In Eusterschultes Inszenierung tritt Antigone (Oana Vidoni) im klassischen Hosenanzug auf, während ihre eindeutig ausgeflipptere Schwester Ismene (Olga Török) im Minirock über die Bühne tänzelt und nach „dem Beat“ verlangt, zu dem sie dann in vielen Szenen ausgelassen tanzt. Kreon (Nickel Bösenberg) wütet und tyrannisiert im weißen Hemd mit Krawatte, während ihn der Seher Teresias (Germain Wagner) mit rosafarbenem Haarschopf umzustimmen versucht. Hämon (Steffen Gangloff), der Verlobte von Antigone und Sohn von Kreon, gibt sich leidenschaftlich, doch auch er kann die Tragödie nicht abwenden.

Spannungsbogen mit Längen

Es dauert, bis die Charaktere der einzelnen Figuren als solche erkennbar werden und es dem Zuschauer gelingt, das Puzzle der Geschichte zusammenzusetzen, das ihm anhand vieler Andeutungen aufgetischt wird. Eusterschulte gelingt es derweil, einen gewissen Spannungsbogen aufzubauen, obwohl doch zwischendurch einige Längen zu beklagen sind und das Spiel mal mehr, mal weniger dynamisch ist. Einige starke Bilder beziehungsweise Szenen schaffen bleibenden Eindruck. Aufgelockert wird das Brecht-Stück indes durch moderne Elemente, etwa die elektronische Soundkulisse oder einzelne Aussagen zeitgenössischer Art, die wie zufällig eingestreut werden.

„Die Antigone des Sophokles“ wird noch heute (17. Januar) um 20.00 im TNL gespielt. Infos und Tickets: www.tnl.lu