BETTEMBURG
SIMONE MOLITOR

Kaleidoskop-Theater: Spielzeit 2019/20 mit vier neuen Inszenierungen

Mit „Spieglein, Spieglein an der Wand…“ überschreibt Jean-Paul Maes sein Vorwort im Programmheft des Kaleidoskop-Theaters. „Diesmal blicken wir gemeinsam in den Spiegel, beziehungsweise bieten Stücke von Autoren, die uns den Spiegel ihrer Zeit vorhalten“, sagt der künstlerische Leiter der Truppe. Wie jedes Jahr habe er auch diesmal versucht, einen roten Faden für die anstehende Spielzeit zu finden. „Die vergangene Saison stand unter dem Motto ,Was für ein Glück‘, dieses Mal ist es der Spiegel, in den man schaut und sich selbst subjektiv sieht. Ich könnte aber auch von einem Kaleidoskop reden, das, je nachdem wie man es dreht, andere Bilder zeigt. Es kann die Dinge schöner machen, manchmal aber auch brutaler, hässlicher und deutlicher“, erklärt er weiter, um die Brücke zu den vier deutschsprachigen Inszenierungen zu schlagen, die das Kaleidoskop-Theater in der Spielzeit 2019/20 präsentiert. Obwohl drei der vier Autoren bereits tot sind, würden ihre Stücke Parallelen zu unserer Zeit aufweisen. „Sie verdeutlichen letztlich, dass sich die Menschheit nicht geändert hat“, bemerkt Maes.

Fest verankert in Bettemburg

Seit 2013 hat das Kaleidoskop-Theater seinen Sitz und seine Bühne bekanntlich im Bettemburger Schloss, was Patrick Hurt vom Kulturbüro der Gemeinde als klaren Mehrwert auf kultureller Ebene sieht. „Das Ensemble hat seinen festen Platz in der Gemeinde gefunden. Die hochprofessionelle Truppe bietet jedes Jahr Top-Qualität“, lobt er bei der Programmvorstellung. Und die Qualität muss stimmen, um das Publikum nach Bettemburg zu ziehen. „Immerhin gibt es in Luxemburg 21 Bühnen. Das sind viele“, gibt Maes zu bedenken, „auch wenn wir nur vier Stücke pro Saison inszenieren, heißt das noch lange nicht, dass es leicht ist, diese vier zu finden, weil wir genau überlegen müssen, was hier funktioniert, was nach Bettemburg und zu dem Publikum passt. Ich bin der Meinung, dass es hier immer noch etwas schwieriger ist als beispielsweise in der Hauptstadt. Ich hoffe, dass wir irgendwann auch noch die letzten Vorbehalte aus den Köpfen der Leute bekommen“. Es gelte demnach bereits im Vorfeld einiges zu bedenken, bevor man sich auf die Suche nach den passenden Stücken respektive einem roten Faden machen könne. „Für mich ist es immer wichtig, eine Richtung zu haben, genau wie eine Aussage, wenn man will sogar eine politische, wodurch man letztlich auch direkt Stellung nimmt. Jedes Stück, egal worum es geht, hat eine sozialkritische und auch politische Aussage“, ist er sich sicher.

Auftakt mit „Nur Kinder, Küche, Kirche“

Der Startschuss in die neue Spielzeit fällt mit dem aus dem Italienischen übersetzten Stück „Nur Kinder, Küche, Kirche“ der beiden bedeutenden Autoren Dario Fo (1997 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet) und Franca Rame, das ursprünglich aus elf Monologen bestand. Auf die Bettemburger Bühne werden aber nur drei gebracht, die sich indes mit der Frage beschäftigen, ob Frauen vollkommene Mütter, Liebhaberinnen sowie Freundinnen sein können und überdies erfolgreiche Karrieren vorweisen. Laut Dramaturg Sascha Dahm weise das Stück aus den 1970er Jahren immer noch eine immense Aktualität auf. „An sich beinahe schon eine erschreckende Aktualität, wenn man sich die Themenkomplexe anschaut, wie etwa Gleichberechtigung oder die Frage, was eine Frau überhaupt ist. Es ist kein Stück, das irgendetwas beschönigen will, sondern das auch sprachlich ganz konkret auf den Punkt kommt und das Kind beim Namen nennt. Man verlässt den Theatersaal nicht, ohne sich Gedanken zu machen. Das Stück soll polarisieren und bewegen, das war uns bei der Inszenierung wichtig“, erklärt er.

Für ihn hätte „Nur Kinder, Küche, Kirche“ erst einmal nach einer Boulevardkomödie aus den 70er Jahren geklungen, demnach nicht unbedingt interessant, gesteht Regisseur Florian Hackspiel. Nach der ersten Lektüre hatte er seine Meinung aber bereits geändert: „Es ist nicht komisch sondern richtig absurd, und das mag ich total. Aus heutiger Sicht geht es nicht um Kinder, Küche, Kirche, sondern um #MeToo und zwar richtig radikal. Genau diese Debatte will ich als Regisseur nahbar machen, deshalb auch die Idee, den Zuschauerraum und die Bühne verschmelzen zu lassen, das Publikum sitzt also in einem Kreis um die Bühne“. Er wünsche sich viele Männer unter den Zuschauern. Angst, dass es sich um „ein Emanzenstück“ handelt, muss man nicht haben: „Es ist eine Komödie, man lacht, niemand wird belehrt, aber man erschreckt gelegentlich. Es ist ein Feuerwerk an Absurditäten“. Premiere ist am 5. November. Auf der Bühne stehen Rosalie Maes und Friederike Majerczyk.

Königsstück „Der Richter und sein Henker“

„Pro Saison haben wir immer ein Königsstück, diesmal ist es ,Der Richter und sein Henker‘ von Friedrich Dürrenmatt“, fährt Jean-Paul-Maes fort, der unter der Regie von Judith Kriebel neben Timo Wagner, Tim Olrik Stöneberg, Alexander Ourth und Manfred Paul Hänig dann auch selbst auf der Bühne steht. Diese komplexe Kriminalgeschichte in ein Bühnenwerk umzuwandeln, sei durchaus eine Herausforderung, erklärt die Regisseurin. „Die Textgrundlage bietet viele Fährten, Verdächtigungen, überraschende Auflösungen am Schluss, viel Spannung und eine sehr greifbare Atmosphäre aus Düsternis, Nässe und Kälte“, beschreibt sie. Darüber hinaus könne man von einer philosophischen Abhandlung über das Wesen des Guten und des Bösen reden, wobei auch die politische Dimension eine Rolle spiele. „Es geht um Fragen wie, welche Kräfte in der Gesellschaft welche Macht haben, die Dinge zu bestimmen, denen sich auch die Instanzen unterwerfen, wie die Wirtschaftslobbyisten Einfluss auf die Polizeiarbeit nehmen, inwiefern der Zweck die Mittel heiligt und so weiter. Das sind aktuelle Themen“, bemerkt die Regisseurin. Premiere ist am 30. Januar.

Coup de coeur „Stella“

Mit „Stella“ von Johann Wolfgang von Goethe bringt Jean-Paul Maes als Regisseur dann im März seinen persönlichen „Coup de coeur“ auf die Bühne. „Nach ,Die Leiden des jungen Werther‘ und ,Faust‘ ist es nun das dritte Mal, dass ich mit dem Meister zu tun habe. ,Stella‘ ist eines seiner Jugendwerke, das jedoch selten gespielt wird. Die Behauptung, dass es sich hierbei um eine Tragödie handelt, kann ich nicht unterschreiben. Für mich ist es eine hochkarätige Komödie. Das Stück habe ich indes viel bearbeitet, es gibt sehr witzige Dialoge, ein witziges Spiel und Musik von Jessica Quintus“, erklärt er. Was die Handlung anbelangt, so geht es um zwei Frauen, die einem Mann ein Dreiecksverhältnis vorschlagen, womit Goethe im 18. Jahrhundert einen Skandal auslöste. „In ,Stella‘ werden sehr kritische Themen aufgegriffen. Den Bezug zu heute findet man immer noch“, meint Sascha Dahm. Premiere ist am 12. März. Es spielen Rosalie Maes, Edda Petri, Tim Olrik Stöneberg, Friederike Majerczyk, Lynn Reimen, Julie Gross und Claude Faber.

„Warte nicht auf den Marlboro-Mann“ von Garofalo

Als letztes steht die Luxemburger Erstaufführung von Olivier Garofalos „Warte nicht auf den Marlboro-Mann“ unter der Regie von Heidemarie Gohde auf dem Spielplan. In dem Kammerspiel treffen zwei Menschen aufeinander, die eigentlich nicht miteinander können. Die Absurdität des Lebens zwingt sie, ungewollte Entscheidungen zu treffen. „Es ist uns wichtig, auch einheimischen Autoren eine Plattform bieten. Es gibt in Luxemburg viele junge Leute, die wunderbare Stücke schreiben. Diese dann auch noch von jungen Regisseuren inszenieren und jungen Schauspielern spielen zu lassen, gibt dem Ganzen eine neue frische Dynamik“, unterstreicht Dahm. Garofalo selbst hatte Maes sein Stück vorgeschlagen. „Ich freue mich immer, wenn mir jemand ein Stück schickt. Das tun aber nicht sehr viele. Da herrscht wohl eine gewisse Scheu oder Angst vor Ablehnung“, mutmaßt der Leiter des Kaleidoskop-Theaters. „Warte nicht auf den Marlboro-Mann“ feiert am 22. April Premiere mit Friederike Majerczyk und Jean-Paul Maes in den Hauptrollen.


Alle Informationen unter www.kaleidoskop.lu

„Entdecken Sie Lyrik“
Neben den vier Inszenierungen gibt es in der neuen Spielzeit des Kaleidoskop-Theaters auch eine Neuheit: Lesungen unter dem Motto „Entdecken Sie Lyrik“ im „Bicherkueb“, der sozialen Buchhandlung der Gemeinde, die im Juni 2019 in Zusammenarbeit mit dem „Cent Buttek“ eröffnet wurde. „Gedichte zur Weihnacht“ werden am 9. und 10 Dezember geboten, „Kästner für Erwachsene“ am 13. und 14. Januar, „Liebesgedichte“ am 10. und 11. Februar sowie „Gedichte von und mit Pit Hoerold mit SchauspielerInnen ergänzt“ am 9. und 10. März, immer um 19.00 bei freiem Eintritt.