LUC SPADA

Mein Protagonist Maurice in meinem Roman, der hoffentlich nächstes Jahr erscheint, erinnert sich daran, dass er früher, als er zwölf war, auf dem Boden im Lyzeum saß und dabei die Wand anstarrte. Der Gedanke: Die nächsten sieben Jahre in diesem Gebäude verbringen, wo es nach Schweiß, Lehrerparfüm und Thunfisch-Sandwich riecht. Und das Tag für Tag. Wie soll ich das bloß aushalten?

Das ist autobiografisch und ist einer dieser Momente, die ich nicht mehr vergessen kann. Zudem wurden bei mir aus sieben Jahren zehn Jahre, weil ich ein furchtbar fauler Schüler war. Ich hatte nie kapiert, dass wenn man die Schule SCHNELL beenden möchte, einfach ein bisschen lernen muss, dann schafft man’s schneller bis ans Ende, Abitur. Endlich, Freiheit. Höhö.

Dieses Gefühl von „Wann geht das endlich vorbei?“ oder „Hilfe! Das wird nie enden“ habe ich heute so eigentlich nicht mehr so oft erlebt, ja, ich sehne mich fast danach, dass die Zeit sich öfters verdoppelt bis verdreifacht, um mehr von ihr zu haben, mit Ausnahme bei der Warteschlange an der Kasse eines Supermarkts oder in der Notaufnahme im Krankenhaus, die ich glücklicherweise noch nicht allzu oft von innen erleben musste.

Jetzt ist das so, dass ich noch so viel schaffen muss, also will, so viel erleben, und gefühlt rennt die Zeit mir davon. Ich, hinter der Zeit, sie nie hinter mir. Zeit, komm zurück.

Ich bin immer am Machen, am Konzepte ausarbeiten, am Texten, am gecastet werden, am E-Mails aktualisieren, gerade aktualisiert, keine neue E-Mail, verdammt.

Langsam, bitte langsam, liebe Zeit, ich will noch Preise gewinnen, mehr E-Mails kriegen, Bücher und Artikel schreiben, auftreten, andere Länder sehen, nicht unbedingt diese Selbstfindungsländer für europäische sich nie selbstwirklich „genugte“ Scheinindividuelle: Indien, Vietnam oder Laos, nein, viel lieber Island, Norwegen, auf keinen Fall Paris und äääh, Japan.

Aber reisen ist eigentlich nicht das Wichtigste, es ist die Bewegung, die mir wichtig ist. Dass morgen was Neues kommt, aber dann auch zeitig wieder durch was anderes Neues ersetzt wird.

Damit ich mehr Neues in der mir immer viel zu wenig verfügbaren Zeit unternehmen kann. ABWECHSLUNG.

In meinem Alter (in zwei Monaten 32 Jahre) fangen die Menschen um einen rum an, sich sehnsüchtigst nach Ruhe, Nichtrauchen, SICHERHEIT, Yoga, alkoholfrei zu sehnen, obwohl sie noch nicht EINmal unruhig und unsicher in ihrem Leben waren. Alles lief immer wie am Schnürchen.

Wie viel Ruhe und Sicherheit denn noch?

Wir haben Krankenkasse, die meisten, die ich kenne, auch noch ein Dach über dem Kopf, und die wollen noch mehr Dach, noch mehr Krankenkasse, mehr Hochzeit, mehr Ruhe, mehr All-Inclusive, mehr Gläser, aus denen sie nie trinken für ihre neueste Vitrine, die so (aber wirklich) schön funkelt neben den anderen neuen Sachen, die auch so schön funkeln. Aber der Staub, immer dieser Staub.

Und dann sitzen die so da, sind müde von der Arbeit und das jeden Abend, freuen sich montags schon auf Freitag, wie kann man sich montags auf Freitag freuen? Dazwischen liegen drei Tage, die man doch nicht einfach absitzen kann, als wären sie Mittel zum Zweck. Dann noch bisschen Lieblingsserie gucken, die früher auch mal besser war, ein letztes Kind zeugen, damit das andere sich nicht so alleine fühlt, und Weihnachten erzählt man sich dann, wie schnell die Zeit doch vorbeigeht, obwohl sie doch montags schon, Ihr wisst, was ich meine.

Wie kann das denn sein, dass mit so einem Leben, was ich ja nicht schlecht machen möchte, die Jahre schnell vorbeigehen? Dass man auf der einen Seite immer will, dass alles schnell vorbeigeht und auf der anderen beschwert man sich, wie schnell man älter, weil die Zeit rast, wird.

Ich selbst werde schon nervös, wenn ich zwei Wochen am Stück im selben Bett schlafe und habe dann Angst, dass ich mich nicht genug bewegt habe. Aber würde ich jeden Tag dasselbe machen, wäre die Zeit doch immer auf meiner Seite. Was? NOCH vier Stunden bis Feierabend? Bei mir ist es eher: Oh nein, in vier Stunden muss das fertig sein und danach treffe ich noch Mister Auftraggeber. Zeit, nicht so schnell. Ich brauche Dich, klau den anderen von Dir und gib mir ein bisschen ab. Text fertig. Jetzt schnell zum Steuerberater.