LUXEMBURGCLAUDE MÜLLER

Der Musiker Maurice Clement im Interview

Im Rahmen des 63. Wiltzer Festivals gibt der luxemburgische Musiker Maurice Clement im Vorprogramm des „Paolo Fresu Quintet“ am Sonntag eine Kostprobe seiner Visionen der freien Improvisation auf dem Konzertflügel zum Besten. Anlässlich dieses nicht alltäglichen Events hat der vielseitige Interpret uns freundlicherweise einige Fragen beantwortet.

Sicherlich sind Sie durch das große Jazzinteresse Ihres Vaters Raymond Clement mit dieser Musikrichtung von Kindesjahren an konfrontiert. Was hat Sie da am meisten beeindruckt und eventuell bei Ihren aktuellen Arbeiten beeinflusst?

Maurice Clement Ich habe meine Kindheit und Jugend in den 1970er und -80er Jahren verbracht. Durch meinen Vater, der sich in diesen Jahren besonders leidenschaftlich mit dem Jazz für seine Arbeit als Fotograf und Radiomoderator einer Jazzsendung befasst hat, bin ich sehr früh mit der Welt des Jazz konfrontiert worden. Ich war als kleiner Knirps schon regelmäßig auf den großen Festivals dabei, in Den Haag, Berlin oder Montreux .

Es wirkte für mich sehr erfrischend, exotisch und witzig, diesen vielen Musikern aus fremden Kulturen zu begegnen. Es war wie Zirkus: Farbige Zelte, viel Gedränge und Lärm, süßer Duft. Und dann diese verrückten Musiker, die sonderbare Dinge mit ihren Instrumenten anstellten. Lebendig, zauberhaft, anders, die Welt der Freiheit. Die Musiker spielten das, was sie waren. Authentisch und vielfältig und unglaublich kommunikativ. Die Musik war ein Spiel. Es ist die Freiheit, die diese Musik ausstrahlte, die mich stark beeindruckt hat und bis heute in meinem eigenen Spiel beeinflusst.

Bestimmt bedeutet es eine große Anforderung im Vorprogramm eines Weltstars wie Paolo Fresu aufzutreten. Was können wir uns am 28. Juni in Wiltz erwarten?

Clement Vollkommen improvisiert und einem intuitiven Prozess folgend, hält meine Art von Musik der Analyse, der Kodifizierung und einer akademischen Annäherung stand. Einem ersten Ton folgt ein zweiter, ein Akkord führt eine harmonische Welt in ständiger Entwicklung herbei. Diese geht von der Klassik bis zur zeitgenössischen Musik, von der Weltmusik bis zum Jazz, von mystisch langsamen Adagios bis zu schwindelerregenden Geschwindigkeiten. Improvisieren bedeutet im Geiste reisen: Die Zuhörer nehmen teil an meiner inneren Partitur, die über meine eigenen Grenzen und die Grenzen der musikalischen Genres hinausgeht. Ich freue mich besonders dies auf der Freilichtbühne in Wiltz tun zu dürfen. In meiner Jugend habe ich kein Konzert der vielen Jazzgrößen auf dieser Bühne verpasst..

Als klassisch ausgebildeter Musiker und hauptberuflich mit der E-Musik konfrontiert stellt sich die Frage, was einen „etablierten“ Musiker bewegt, sich in einem komplett verschiedenen Umfeld zu bewegen. Bei andern bekannten Interpreten, die vom Jazz her kommen wie zum Beispiel Chick Corea oder Keith Jarrett, ist es ja genau umgekehrt

Clement Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich in einem anderen Umfeld bewege, wenn ich die Musik spiele, die mich ausmacht und die ich verkörpere. Als ich als kleiner Junge auf unserem Klavier Melodien und Rhythmen zu ertasten begann, waren für mich, mitten im Spiel, diese Klänge wie eine lebendige Quelle aus einer geheimnisvollen Welt. Seither hat das Eintauchen in diese Quelle mich dazu getrieben ihrem Lauf zu folgen und mit Musik meine eigene Welt zu schaffen und eine Verbindung zum Reich der Gefühle zu finden. Natürlich ist es anders wenn ich Bach spiele. Das Unvorhersehbare, das Spielerische und Intuitive sind beim Improvisieren vordergründig. Die Improvisation kann man in all ihren Rollen und Erscheinungsformen als die Zelebration des Augenblicks verstehen. Sie ist ihrem Wesen nach flüchtig und ihr Brennpunkt liegt im Moment ihrer Darbietung.

Die Improvisation ist in der Musik wie die gesprochene Sprache in der Literatur. Ich liebe es Geschichten zu erzählen, die in jedem Moment eine unvorhersehbare Richtung einschlagen können und deren Ausgang bis zuletzt offen bleibt, genau wie das Leben.

Könnten Sie sich Soloauftritte als Organist auf der Kirchenorgel im Sinne einer Barbara Dennerlein oder eines Clare Fischers vorstellen?

Clement Nein, natürlich nicht. Gerade bei der Improvisation liegt ja der Reiz, in sich selbst zu graben, um sich mit den Möglichkeiten seines Wesens auszudrücken. Warum sollte ich da die Sprache eines anderen benutzen? Das mache ich, wenn ich andere Komponisten studiere und interpretiere. Wenn die Frage gemeint ist, wie ich es mit dem reinen Swing als Musikstil auf der Pfeifenorgel halte, so muss ich eingestehen, dass ich relativ skeptisch diesem „mélange du sacré und du sucré“ gegenüber stehe.

Ist Ihr musikalisches Schaffen in dieser Richtung auf Soloauftritte beschränkt oder erwogen Sie eventuelle eine Zusammenarbeit mit weiteren Musikern?

Clement Improvisieren im Duo oder im Kollektiv ist natürlich besonders aufregend. In der Vergangenheit habe ich das für verschiedene Projekte mit Musikern aus allen Bereichen gemacht wie Martin Grubinger, Pascal Schumacher, Ernie Hammes, Michel Pilz ...

Im kommenden März improvisiere ich in der Philharmonie zusammen mit André Mergenthaler, Guy Frisch, Katharina Bihler und dem Videokünstler Melting Pol. Vor mehreren Jahren kam eine CD zusammen mit der französischen Jazzsaxofonistin Nelly Pouget heraus. Es stimmt, dass es meist bei einzelnen Projekten bleibt. Teil einer fest bestehenden Gruppe bin ich nicht. Vielleicht ist der Steppenwolf in mir daran nicht ganz unschuldig. Die Orgel als allumfassendes Soloinstrument zeigt ja auch in diese Richtung.

Zum Schluss die klassische Frage. was sind deine Pläne für die nahe Zukunft?

Clement Meine kommenden Konzerte gehen in grundverschiedene Richtungen. Es ist genau diese Komplementarität die ich mag.


www.mauriceclement.org