Davon überzeugt, es sei das Gift einer jeden Diktatur, bejubeln manche das Internet. Vor allem nach dem Arabischen Frühling, als die subversive Unkontrollierbarkeit des Internets hoch gelobt wurde, formte sich bei mir der Gedanke, dass die Menschen ein paar Dinge endlich kapiert hätten: Etwa, dass das Internet sich nicht zensieren oder beherrschen lässt und Einschränkungen der für Demokratien wichtigen Meinungsfreiheit schaden könnten.

Im Jahr 2014 hat sich dann selbst beim größten Optimisten eine gewisse Ernüchterung eingestellt. Wenn der Europäische Gerichtshof entscheidet, dass Suchergebnisse gelöscht werden müssen, da jeder ein Recht auf Vergessen besäße, dann klingeln nicht nur bei mir die Alarmglocken. Auch die Tatsache, dass das Thema Netzneutralität sowohl national als auch international hochgradig vernachlässigt wird, lässt mich nur den Kopf schütteln.

Ich bin nicht der einzige, der feststellt, dass wir mit dem Geschenk „Internet“ erstens nicht umzugehen und zweitens es gar nicht zu schätzen wissen. Das ist im wesentlichen keine Frage des Alters, die Begründung wäre mir grundsätzlich zu flach oder pauschal. Es liegt vielleicht eher daran, dass wir einfach noch nicht begriffen haben, was das Internet eigentlich ist.

Das liegt auch an der Fragenstellung: Der Diskurs läuft zu sehr in die Richtung „Was stellt das Internet mit uns an?“ anstatt zu fragen „Was stellen wir mit dem Internet an?“. Wenn Konferenzen und Fachtagungen zum Thema „Internetsucht“ stattfinden und man als gefährdet gilt, sobald man es wagt, längere Zeiträume in den sozialen Netzwerken zu sein, stelle ich mir Fragen, inwiefern wir eigentlich Medienkompetenz vermitteln können. Der digitale Graben wird offensichtlich, wenn vier Stunden Fernsehen am Tag aus normativer Perspektive in Ordnung geht, aber vier Stunden Internetkonsum als exzessiv gilt. Dabei wird verkannt, dass die Fragen „Wie oft?“ und „Wie lange?“ ziemlich irrelevant sind im Vergleich zu Fragen wie „Wozu?“ und „Wie?“. Denn anstatt uns selbst in die Pflicht zu nehmen, wie wir mit Informationen im Internet umgehen, schieben wir das Problem wieder auf das „böse“ Google.

Denn das Urteil des EuGh impliziert, dass Google und Co. die Suchergebnisse in Zukunft stärker moderieren. Wenn jemand eine Person googelt, kann er etwa, vollkommen legal, auf Zeitungsartikel zu dieser Person stoßen. Mithilfe des „Rechts auf Vergessen“ kann allerdings bewerkstelligt werden, dass diese Informationen nicht bei Google auftauchen. Zwar werden die Quellen der Informationen nicht vernichtet, aber praktisch betrachtet könnte die Information genau so gut nicht mehr existieren. Eine digitale Vertuschungsaktion also, die nicht gerade für die Transparenz steht, die gerne in dieser Hinsicht gefordert wird. Natürlich besteht das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und man muss natürlich auch erwähnen, dass jeweils von Fall zu Fall abgewogen wird, ob und was vergessen werden darf. Wenn es gut geht, dann wird dieses Recht auf Vergessen nur in berechtigten Extremfällen greifen. Aber Sie wissen ja: Was schief gehen kann…