CLAUDE KARGER

Heute ist der 22. internationale Tag der Beseitigung der Armut. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen leben weltweit etwa 836 Millionen Menschen in extremer Armut, das heißt, dass sie unter schwerem Mangel an allem leiden, was sie für die Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse - neben Nahrung und sauberem Trinkwasser zählen laut UN-Definition dazu auch der Zugang zu sanitären Einrichtungen, Gesundheitspflege, Unterkunft, Bildung und Information - benötigen.

Seit 1990 konnten die extremen Armutsraten global um die Hälfte reduziert werden, was sehr zu begrüßen ist. Ob es gelingen wird, gemäß den im September angenommenen UN-Nachhaltigkeitszielen Hunger und bitterste Armut komplett zu beseitigen, steht auf einem anderen Blatt.

An Hunger und dessen Folgen sterben heute noch täglich 24.000 Menschen - während 30 Prozent der Weltnahrungsproduktion verschwendet oder weggeworfen wird.

Im „Tageblatt“ weist der ehemalige luxemburgische UN-Botschafter Jean Feyder darauf hin, „dass Hunger nicht so sehr ein Problem der Produktion von Lebensmitteln, sondern der Verteilung und der Kaufkraft“ ist. Betroffen seien nämlich vor allem die kleinen Bauern und Fischer, die kaum auf Unterstützung hoffen können, wenn einmal eine Ernte schlecht ausfällt, geschweige denn, um ihre Aktivität auszubauen. Daran werden sie auch durch Weltkonzerne gehindert, die quadratkilometerweise Land aufkaufen und Lebensmittel zu Dumpingpreisen auf die Märkte werfen, zu denen sie gemäß Freihandelsabkommen günstig Zugang haben. Es liegt auf der Hand, dass das System hinterfragt werden muss. Die Herausforderung Armutsbekämpfung liegt aber nicht nur im subsaharischen Afrika oder im südlichen Asien, wo die meisten der 1,3 Milliarden Menschen leben, die weniger als 1,25 Dollar täglich zur Verfügung haben, sondern auch vor unserer Haustür. Laut gestern veröffentlichten Zahlen von Eurostat laufen 122 Millionen Bürger - das sind 24,4 Prozent der Gesamtbevölkerung der EU - das Risiko, in die Armut und den sozialen Ausschluss abzugleiten. In Rumänien, Bulgarien und Griechenland ist die Risiko-Quote - die immer noch nicht unter jener des Krisenjahres 2008 liegt - besonders hoch, in der Tschechischen Republik, in Schweden und in den Niederlanden am niedrigsten. In Luxemburg liegt sie laut Statec bei 19 Prozent - fast 107.000 Bürger wären demnach betroffen, fast 7.900 leben unter schlimmen materiellen Mängeln.

Die Gefährdung von ausländischen Mitbürgern ist dabei über zweimal so hoch wie die der Luxemburger. Überdurchschnittlich gefährdet sind auch die Bürger mit niedrigem Bildungsgrad, Arbeitslose und Alleinerziehende. Der „Rapport travail et cohésion sociale“, zeigt auf, wo am dringendsten anzusetzen ist. Die Ansatzstellen dürften der Politik längst bekannt sein. Trotzdem würde es sich aufdrängen, diesen Bericht im Parlament zu diskutieren. Denn Armut ist Gift für die Kohäsion, auf der Armut gedeiht der Unfriede. Aufdrängen würde sich auch eine verpflichtende Checklist für alle internationalen Verträge: Respektieren sie die UN-Nachhaltigkeitsziele, oder nicht? Denn eine Welt-Agenda 2030 ist zwar schön und gut, aber nur Schall und Rauch, wenn die Umsetzung nicht klappt.