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Literaturkritik: „Dunkle Halunken“ von Terry Pratchett

Prattchetts Kunst besteht darin, Geschichten mit mehreren Abstraktionsebenen zu schreiben. Dadurch gelingt es ihm, gesellschaftskritische Kommentare, eingepackt in einer Fantasy-Geschichte, leicht bekömmlich und unterhaltsam an die Leser zu bringen. Das tut er nun bereits seit Jahrzehnten, und das mit einem gewissen Erfolg: Über 40 Bände umfassen bereits seine Scheibenweltromane, womit er bis heute eine der meist gelesenen britischen Autoren aller Zeiten ist.

In den vergangenen Scheibenwelt-Romanen wurde jedoch immer deutlicher, dass der Moloch einer Stadt namens Ankh-Morpork sich immer mehr zu einem viktorianischen London verwandelt. Die Satire ist näher an das Original gerückt und in „Dunkle Halunken“, das explizit kein Scheibenwelt-Roman sein will, wird Ankh-Morpork schlicht durch London ersetzt.

Charmeverluste

Der Verlust der Abstraktionsebene nimmt der Erzählung natürlich ein wenig den eigentümlichen Charme. Auch die Tatsache, dass Pratchett dieses Mal versucht eine Geschichte rund um einen liebenswerten Jungen der Unterklasse, der sich, im wahrsten Sinne des Wortes, durch Scheiße wühlen muss um zu überleben, und einer mysteriösen Frau, die er zu Beginn des Romans rettet, dreht, verwirrt ein wenig. Denn üblicherweise setzt Pratchett auf technologische Irritationen eines Fantasy-Settings um Unterhaltung zu schaffen. „Going Postal“ oder „Making Money“ erzählten etwa, wie eine Fantasywelt auf die Einführung der Post oder des Geldscheines reagieren könnte. Dies war üblicherweise der Nährboden der Komik und Spannung. Dagegen wirkt dieser Roman sehr nüchtern: Der Aufstieg der Figur „Dodger“ unterhält zwar immer noch im Ansatz, muss sich jedoch zu sehr auf eine, für Pratchetts Verhältnisse, relativ flache Figur verlassen. Dodger, so sein Spitzname, wirkt ein wenig zu unausgereift, doch seine naive Perspektive auf das Geschehen gibt der eigentlich belanglosen Geschichte einen netten erzählerischen Dreh.

Stattdessen fixiert sich der Fantasy-versierte Autor dieses mal auf das viktorianische London. Dank seines erfrischenden Schreibstils wird es trotz des relativ düsteren Szenarios nicht trocken, schafft Pratchett es doch zu jedem Moment, das ganze mit unterhaltsamen Bildern zu zeichnen. Es ist auch genau diese Bildlichkeit, die einen antreibt weiter zu lesen. Der Plot hat zwar ein vernünftiges Tempo und die meisten Nebenfiguren, allen voran Solomon, können einen begeistern, aber es wird dann doch relativ schnell offensichtlich, dass die Faszination eines Scheibenweltromanes nicht erreicht wird.

Toller Sprachwitz

Umso bedauernswerter ist dies natürlich, weil Pratchett immer noch eine unnachahmliche Sprache besitzt, die hier ganz kompetent ins Deutsche übertragen wurde und kaum ins Stocken gerät. Beschreibungen sind spielerisch leicht, Dialoge wirken authentisch und die eine oder andere Zeile kommt gleichzeitig witzig, natürlich und denkwürdig rüber. Nebenbei eingestreute Sätze, die fast wie Belanglosigkeiten wirken, zeigen auf den zweiten Blick eine eigene Klasse, um die Pratchett nie verlegen ist. Der Autor spielt hier in seiner ganz eigenen Liga, in der er die meisten anderen Autoren wie armselige Amateure aussehen lässt.

„Dunkle Halunken“ könnte eventuell als Einsteigerwerk in die schriftstellerische Welt dieses Autoren gelten, handelt es sich dabei um eine abgekoppelte, in sich geschlossene Geschichte, die auch jenen Spaß macht, die keine Fantasy mögen. Trotzdem fehlt die offene parodistische Ebene fast komplett. Nein, hier handelt es sich eher um eine Hommage an Charles Dickens, der zeitgleich auch als tatsächliche Figur im Roman in Erscheinung tritt. Was hier also geliefert wird, kann nach den Standards von Pratchett als Durchschnittsware bezeichnet werden, was eigentlich eine Enttäuschung wäre, würde er sich damit nicht weit über dem generellen Durchschnitt befinden.

Für Fans des Schriftstellers ist es also von größter Wichtigkeit, von vorne herein zu wissen, worauf sie sich hier einlassen. Denn wer sich ein Buch in Richtung der Scheibenweltromane erwartet, der wird hier enttäuscht sein. Wer sich von diesen Erwartungen loslösen kann, wird hier immer noch klasse Unterhaltungsliteratur finden.


„Dunke Halunken“ von Terry Pratchett ist in der deutschen Übersetzung bei ivi, Piper Verlag. ISBN 978-3-492-96368-8. Preis: 19,99