PARIS
SABINE GLAUBITZ (DPA)

„Voyage autour de ma chambre“: 225 Jahre alter Bestseller wird neu entdeckt

Was kann man über ein Zimmer schreiben, in dem man 42 Tage eingesperrt ist? Erstaunlich viel. „Die Reise um mein Zimmer“ heißt der 1795 erschienene autobiografische Roman von Xavier de Maistre, der zu einem der Bestseller des 19. Jahrhunderts wurde. In Zeiten von Ausgangssperren und -beschränkungen wird das Buch wiederentdeckt. Es beschreibt auf geistreiche und unterhaltsame Art, was wir kaum noch wahrnehmen: die alltäglichsten Dinge.

Gleich zu Beginn gibt de Maistre dem Leser für seinen Streifzug durch sein Zimmer eine Reiseroute zur Hand: „Mein Zimmer liegt nach den Messungen von Padre Beccaria unter dem fünfundvierzigsten Breitengrad; seine Lage zeigt von Osten nach Westen; es bildet ein Rechteck, das ganz nah der Wand sechsunddreißig Schritt im Umfang hat. Meine Reise wird jedoch deren mehr enthalten; denn ich werde in ihm oft ohne Plan und ohne Ziel hin und her oder diagonal wandern. Ich werde sogar im Zickzack gehen, und wenn es erforderlich ist, in allen möglichen geometrischen Linien laufen.“

Gegen Trend der großen Weltreisen

Mit seinem Roman „Voyage autour de ma chambre“ hat der Schriftsteller (1763-1852) das Genre der Zimmer-Reisen mitbegründet, das sich dem Trend der großen Welt- und Entdeckungsreisen entgegensetzte. De Maistre, ein junger Offizier, wurde wegen eines unerlaubten Duells 42 Tage unter Hausarrest gestellt. Jeden Tag hielt der damals 27-Jährige als ein Kapitel fest. Von dem Buch sind auf Deutsch mehrere Übersetzungen erschienen, zuletzt 2011 im Aufbau-Verlag. Als Podcast des Bayerischen Rundfunks ist eine Lesung zu hören.

Die Entdeckungsreise führt vom Bett zum Lehnstuhl und weiter zum Schreibtisch, wobei de Maistre Reflexionen verfasst und Dialoge von Philosophen inszeniert, deren Bücher in seinen Regalen stehen. Am fünften Tag gelangt er zu seinem Bett, das sich nördlich seines Sessel befindet.

Bei diesem Möbelstück beginnt er zu phantasieren und zu träumen. Hier schließe man seine Gattin das erste Mal in die Arme, eine Freude, die ihm derzeit vergönnt sei. Im Bett vergesse man ein halbes Leben lang die Sorgen der anderen Hälfte des Lebens. Das Bett sieht, wie wir geboren werden und wie wir sterben. Für ihn ist das Bett Wiege, Thron der Liebe und Grab zugleich.

Unermessliche Fundgrube

Die Schubladen seines Schreibtisches sind eine unermessliche Fundgrube, die so manche weit zurückliegende Erinnerungen bergen. Er findet Briefe aus seiner Jugendzeit, die viele glückliche Momente wach rufen, aber auch eine verdorrte Rose, trauriges Andenken an eine Frau.

De Maistre haucht den Alltagsgegenständen Leben ein. Dabei taucht der Leser streckenweise auch tief in die Psyche des Autors ein. Der Roman sei eine Hymne an die Meditation, erklärte Emmanuel Laurentin im Radiosender „France Culture“ das wieder neu entdeckte Interesse an dem Buch. „Ein noch so kleiner Raum hat unbekanntes Potenzial. Jedes Objekt wird zu einer Quelle der Reflexion, Fantasie und Träumerei“, so der Kritiker und Historiker. De Maistre hat sein kleines, im Original etwas mehr als 100 Seiten langes Buch deshalb verfasst, weil er seine vielen „interessanten Beobachtungen“ mit so vielen Menschen wie möglich teilen wollte: „Mein Herz empfindet eine unaussprechliche Befriedigung, wenn ich an die zahllosen Unglücklichen denke, denen ich ein sicheres Hilfsmittel gegen die Langeweile und eine Linderung der Leiden, die sie erdulden, anbiete.“

Der französische Schriftsteller Frédéric Beigbeder („Neununddreißigneunzig“) meinte in der französischen Tageszeitung „Le Figaro“ sogar: Derzeit gebe es drei Milliarden Xavier de Maistres auf der Welt, die womöglich irgendwann mit Nostalgie an die Ausgangssperre denken werden, wenn wir wieder unseren hektischen Rhythmus als Kohlendioxid-Emittenten aufgenommen haben.