LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Ist Ihr Nachbar vielleicht ein Zombie?

Mit dem bereits ausführlich diskutierten Begriff des Nation Branding hat diese Kolumne nichts zu tun, keine Angst. Nun, vielleicht auf den dritten oder vierten Blick dann wieder doch, aber greifen wir nicht vor, Zusammenhänge ergeben sich schließlich erst aus dem Zusammen von Einzelnem. Das da wäre: Zombies. Körper. Bewusstsein.

Eines der wohl bekannteren philosophischen Gedankenexperimente, welches die Unabhängigkeit von Körperlichkeit und Bewusstsein unterstreichen soll, stammt von David Chalmers, australischer Philosoph, momentan 51 Jahre alt und dem äußerlichen Erscheinungsbild her vielleicht ein wenig an Kid Rock erinnernd. Eine seiner Spezialgebiete behandelt den Dualismus von Körper und Geist. Laut Chalmers‘ Argument ist ein Zombie ein körperliches Etwas, das seinem menschlichen Abbild eigentlich in jeder Weise identisch ist, außer dass es selbst nicht über ein Bewusstsein verfügt. Grob gesagt, Zombies wandeln umher und kriegen nichts mit. Ja, man könnte nun sagen, dass dies eigentlich mitunter auch als Merkmal der menschlichen Gattung gesehen werden könnte, aber wir wollen heute mal nicht so sein. Nun denn, akzeptieren wir den Zombiezwilling ohne Gefühle und Gedanken.

Die These Chalmers‘, die zu unterstreichen gedenkt, dass es auch eine körperliche Welt unabhängig von Geist, Seele, Bewusstsein geben kann, behauptet, dass es ohne jeglichen Widerspruch möglich sei, sich eine Zombie-Welt vorzustellen, in der in physischer Hinsicht alles genau so abläuft wie bei uns, nur dass eben alle Bewohner dieser Welt mit einem Vakuum im Oberstübchen und auf Gefühlsebene ausgestattet sind. Da es eher möglich ist, sich dies vorzustellen, als eine Welt mit Wesen, die nicht leben, atmen, oder verdauen würden, besagt Chalmers, dass sich mit seinem Gedankengang dafür ausgesprochen werden kann, eine metaphysische Möglichkeit für eine Zombie-Welt anzunehmen. In dem Sinne wäre also eine Welt von Wesen mit Bewusstsein (wir) und eine Welt von bewusstlosen Wesen (Zombies) gleichermaßen plausibel, sodass Chalmers das nichtkörperliche Bewusstsein, welches den Bonus unserer Welt ausmacht, als nicht-physische Eigenschaft bewiesen ansieht.

Aber hat Chalmers mit diesem Beweisschritt tatsächlich die These des Physikalismus gebrochen? Diese besagt nämlich, dass alles, was in unserer Welt existiert, also auch das Bewusstsein, physikalisch notwendig ist. Eine Welt, die also, wie Chalmers sie avanciert, identisch zu unserer sein soll, müsste, gemäß des Physikalismus, demnach auch wirklich alles, was in unserer Welt existiert, gleichermaßen beinhalten - also auch das Bewusstsein. Nun sagt Chalmers doch aber, dass eine Welt ohne Bewusstsein vorstellbar wäre und schließt daraus auf deren Möglichkeit. Das bloße Argument des Vorstellbaren ist aber von vielen Seiten als zu schwach angesehen worden, um den Widerspruch der Physikalisten gegen Chalmers Argument einfach abtun zu können. Ja, auch Einhörner und siebenäugige Menschen sind vorstellbar, aber reicht dies denn aus, um ihre Tatsächlichkeit behaupten zu können? Aber Chalmers ist noch an einem weiteren Punkt zu kritisieren. So nimmt er eine Prämisse des Physikalismus an, die er jedoch eigentlich zu deklinieren versucht: Er sagt, dass eine Welt, die identisch zu der unsrigen möglich sein kann. Eine Welt, die alles enthält, was auch bei uns enthalten ist. Das ist eigentlich die These der Physikalisten, nur dass Chalmers das Bewusstsein gezielt hieraus ausklammert. Denn wäre das Bewusstsein wiederum physikalisch, würde Chalmers‘ Argument um die Unabhängigkeit von Körper und Geist nicht bestehen können. Demnach scheint Chalmers zunächst fundamentale Gedanken des Physikalismus als wahr anzunehmen (eine identische Welt mit all dem was in ihr existent ist, ist möglich), wobei er sein Argument aber auch auf die Annahme stützt, dass der Physikalismus irrt (weil schließlich ein nicht-körperliches Bewusstsein bewiesen werden soll).

Es tut sich in diesem Sinn aber noch eine Frage auf. Wenn wir Zombies als zu uns identische Wesen annehmen, denen jedoch eine für uns spezifische Eigenschaft fehlt, nämlich das Bewusstsein, also ein geistiges Vermögen, so kann man doch eigentlich gar nicht mehr von einer Identität sprechen. Eine Identität weist sich schließlich durch das „Idem“, Dasselbe aus. Sobald eine Abweichung vorhanden ist, ist es schlicht und ergreifend nicht mehr das Gleiche.

Gehen wir nun jedoch mit Chalmers, ergibt sich ein interessanter Denkansatz bezüglich der Möglichkeit durch bloße Vorstellbarkeit, sowie der Annahme eines Bewusstseins als körperlich unabhängiger Eigenschaft. Wie sehen Sie das? Ist die bloße Vorstellung eines menschlichen Zwillings wirklich so abwegig? Na, Hollywood nährt diese Idee liebend gern, und eine gewisse Faszination bringt dieser Gedanke auf jeden Fall mit sich, seit jeher, und immer noch. Passen Sie also lieber auf, die Unterschiede in dem Verhalten ihrer Bekannten könnten von größerer Tragweite sein, als Sie bisher wahrhaben wollten.