LUC SPADA

Diagnose: Bakterielle Bindehautentzündung. Nicht so schlimm, hat sie gesagt, sie, die Ärztin. Nicht so schlimm haben sie gesagt, sie, meine Freunde. Und meine Freunde müssen es schließlich wissen, unter ihnen („ihnINNEN“) sind sogar Schwangere. Und schwangere Frauen, das wissen wir alle, haben es wahrlich nicht einfach. Neun Monate Rückenschmerzen und so einen Ballon vor sich herschieben, schmerzhafte Geburt und als Belohnung gibt es späterhin vollgeschissene Windeln und Pubertät. Bakterielle Bindehautentzündung, verrückt, ich wusste nicht einmal, dass es sowas gibt.

Immer schön Hand- und Badetuch waschen, wechseln, nicht dich mit den Augen gegen andere Augen reiben, so oder so ähnlich, weil Ansteckungsgefahr. Ob ich mir ins Auge gefasst habe? Nein, EIGENTLICH nicht, nicht BEWUSST. Das Auge, die Augen, ist, sind, so ziemlich der einzige „Teil“, die einzigen „Teile“, an oder in meinem Körper, den oder die ich nicht anfasse oder in den oder die ich nicht reinfasse.

Hier, vor meinem Laptop, sehe ich alles etwas unscharf. Denken, als Dichter denkt man doch so viel, geht auch nicht wirklich gut. Als würde das Auge ständig hoch ins Gehirn springen wollen, vielleicht ist das dieses kuriose Fremdkörpergefühl, von dem sie (die Ärztin) gesprochen hat. Es eitert links und rechts aus meinen Augen, nicht besonders sexy. Dass sowas geht, dass da Flüssigkeiten aus meinem Auge scheiden, die nicht Tränen sind, das gibt mir schon zu denken. Wenn das Gott war, dann war der wirklich nicht so perfekt, wie seine zahlreichen Gläubigen annehmen.

Sehr schade um meine Augen, sie, die Freunde, die Ärztin allerdings nicht, sagen doch immer, dass ich so schöne, grüne Augen habe. Wirklich schade. Jetzt sehen sie gelblich-grün-rot aus. Ich sehe so aus, als hätte ich drei Nächte am Stück im Berghain Pillen geschmissen. Auf dem Weg zur Apotheke winkten mir zwei Junkies zu, willkommen im Club, schön, ein Teil einer Community zu sein. Die Leute sagen doch immer, zusammen fühlt man sich nicht so allein.

Mein Auge, das rechte Auge, es juckte erst ein bisschen, dann ging die Schleimerei los, dann machte das linke Auge auch mit. „Das pocht so ganz eklig. Werde ich erblinden?“, fragte ich die Frau Doktorin. „Nein, das werden Sie nicht“, beruhigte Frau Doktorin mich.

Darf ich hier erwähnen, dass die Ärztin wirklich entzückend war? Ich habe versucht, ihren Namen herauszufinden, aus NEUGIERDE, aber es war völlig unmöglich, das Namensschild zu erblicken, was an ihrer Brust befestigt war, ohne dabei in der Sexismusküche zu Geschnetzeltes zu werden.

Zudem meinte sie ständig, ich solle geradeaus schauen, irgendwas mit Druck, Licht und Messung. Sie sagte, dass nur in ganz seltenen Fällen mit schlimmeren Komplikationen zu rechnen ist. Und von den seltenen Fällen ist man ja selber nie betroffen.

24 Stunden später. Die Kolumne ist immer noch nicht fertig, die Augen schleimen schon weniger, aber immer noch ständig müde und jetzt auch noch Halsschmerzen. Bin ich doch einer der seltenen Fälle? Fall für die Notaufnahme? Wird die Kolumne je fertig? Wird es meine letzte, dafür aber die meistgelesenste werden?
Ich bin eigentlich nie krank, somit ist das, was für Angela Merkel das Internet ist, nämlich Neuland, für mich jedes weitere „Symptom“ rund um diese ominöse Bindehautentzündung. Mit jedem weiteren Symptom eine kleine weitere Panikattacke. Den Augen geht’s allerdings, was die Gesamtsituation betrifft, trotz andauernder Panikattacken, deutlich besser. Wahrscheinlich bin ich WIRKLICH keiner dieser seltenen Fälle.

24 Stunden später. Kein Alkohol, wenn Antibiotikum. Gilt das auch für Antibiotikum-Salbe, die man sich unters Auge in den Tränensack schmiert? Ja, das gilt auch dann. Das geht doch ins Blut über, egal über welchen Weg das Antibiotikum eingenommen wird. Leicht verständnisloses Kopfschütteln von Frau Doktorin.