LASAUVAGE/LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Ford Ranger Raptor - Ein Kerl für alle Fälle

Wollen Sie in den Krieg ziehen?“ lautet die Frage der Nachbarin als ich mit dem Testwagen zuhause vorfahre. Zugegeben, dieses Auto hat schon ein bisschen was von „Mad Max“ - der Ford Ranger Raptor, so sein voller Name, ist bewusst aggressiv gestylt. Der breite Schriftzug Ford in der Kühlermaske strahlt den Charme von gefletschten Zähnen aus. Lackiert in Schlachtschiffgrau und geschmückt mit einigen Tarnflecken am Heck könnte der Feldzug gleich beginnen.

Formal handelt es sich um einen Pick-up mit viertüriger Doppelkabine „Crew-Cab“ und einer „Fleetside“-Ladefläche, also ohne ausgestellte Radhäuser. Dicke All-terrain-Reifen auf 17“-Felgen tun ihr Übriges zum Auftritt. Die Motorhaube liegt so hoch wie das Dach eines VW Golf. Die Trittbretter an der Seite sind keine Show, sondern Notwendigkeit, um vernünftig einsteigen zu können.

Ein echtes Weltauto

Der durchschnittliche Mitteleuropäer schaut, staunt und meint „Was für ein dickes Ding!“ Irrtum, Herr Nachbar! Der Ford Ranger ist der kleinste (!) unter den Ford-Pick-ups, der Millionenseller Ford F-150, das meistverkaufte Auto in den USA, ist eine deutliche Nummer größer. Von den F-350 oder F-450 gar nicht zu reden. Ein Blick in die Papiere liefert dann eine erstaunliche Erkenntnis - Hersteller ist Ford (Australia).

Ford hat mit dem Ranger in den internationalen Baukasten gegriffen und selbst mit der (europäischen) Topversion „Raptor“ ein erstaunlich vernünftiges Auto geschaffen. Das verstärkte Chassis ist - laut Buschfunk - mit dem des weltweit erprobten Toyota Hilux identisch, die Karosserie ist australisch-amerikanisch und der Antrieb verblüffend europäisch: Ein Zweiliter-Bi-Turbodiesel mit einer Leistung von 213 PS, kombiniert mit einer Zehn-Gang-Automatik - kein Sparfuchs, aber auch kein ungehemmter Säufer wie seine US-Vettern.

Trotz des martialischen Auftritts und der dicken Bereifung, ließ sich der in Deutschland als „Lastkraftwagen“ zugelassene Testwagen aus Down Under ganz ungezwungen mit Dauertempo 160 über die deutsche Autobahn scheuchen. Also ein Softie, der nur auf brachial macht? Von wegen! Dagegen sprechen schon die drei Basis-Fahrprogramme - Hinterradantrieb, Allradantrieb schnell und Allradantrieb „low“. Hinzu kommen weitere elektronische Modi für verschiedene Untergründe.

Gehen Sie ins Gelände!

An dieser Stelle ein ganz großes Lob für die Presseabteilung von Ford BeLux. Wenn wir Zeitungsredakteure einen SUV oder einen Geländewagen für zwei bis drei Testtage von anderen Herstellern übernehmen heißt es immer: „Bitte nicht in die Kiesgrube“ oder kategorisch „Keine Geländefahrten!“ Wir müssen also glauben, dass die Kiste wirklich so geländegängig ist, wie von den Marketingleuten behauptet.

Anders bei Ford: Wir wurden ausdrücklich aufgefordert, mit dem Ranger Raptor ins Gelände zu gehen. Im Wagen lag eine Kontakttelefonnummer für ein privates 4x4-Gelände bei Lasauvage, knapp jenseits der Grenze. Ohne allzu viele Worte zu machen: Diese schwere Kiste kann praktisch die Wand hochfahren und auf der anderen Seite wieder hinunter. Und wenn der Ranger zwischendrin mal aufsetzt, dann kracht es zwar laut und vernehmlich, was das, für das australische Outback konstruierte Chassis aber nicht weiter interessiert. Auch die dicken Schweißnähte an der Anhängerkupplung bewähren sich, bei der Einfahrt in besonders steile Wege wird der Anhängerhaken zur Pflugschar. Wir kurven den Berg hinauf, hinab und auch mal durch den Bach, trotz seiner Größe schlägt sich der Ranger Raptor bestens.

Der Besitzer des 4x4-Geländes findet ihn mit 213 PS etwas schwach, er habe einen „vrai raptor“, der ginge besser. Mag sein, aber um graduell besser zu sein, benötigt sein Raptor mit „King-Cab“ einen monströsen US-V8-Benziner mit über 400 PS Leistung. Dagegen ist der Kölner Ford Ranger Raptor schon fast ein Vernunftauto.