LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Autor Tom Hillenbrand über seinen neuen kulinarischen Krimi „Gefährliche Empfehlungen“

In seinem neuen kulinarischen Krimi „Gefährliche Empfehlungen“ nimmt Autor Tom Hillenbrand die Leser erneut mit auf eine rasante Schnitzeljagd durch Luxemburg, Paris, Berlin und Lothringen. Während einer Feier des legendären Gastroführers „Guide Gabin“ verschwindet eine extrem seltene Ausgabe des „Guide Bleu“ von 1939. Der Luxemburger Koch und Amateurdetektiv Xavier Kieffer beginnt, Nachforschungen anzustellen und erfährt bald, dass wegen der „Sternebibel“ bereits mehrere Menschen sterben mussten. Woher er die Inspiration für diesen neuen spannenden, mit historischen Fakten gespickten Krimi nahm und welchen Bezug er zu Luxemburg hat, erklärt der Spiegel-Bestsellerautor im „Journal“-Interview.

Was hat Sie zu dieser neuen Geschichte inspiriert?

Tom Hillenbrand Tatsächlich habe ich zufällig bei einer Lesung in der Eifel eine alte Ausgabe des „Guide Michelin“ gefunden, von der ich total begeistert war. Sie war gut gemacht, mehrfarbig gedruckt und erhielt tolles Kartenmaterial. Es ist ja in der Tat so, dass der „Guide Michelin“ genau aus diesem Grund damals in gewisser Weise kriegswichtig war. Sowohl die Nazis als auch die Alliierten haben ihren Offizieren „Guides rouges“ wegen des darin enthaltenen Kartenmaterials von Frankreich mitgegeben. Kein Land in Europa war seinerzeit so detailliert in Karten wiedergegeben. Ich habe mir dann selbst eine solche antiquarische Ausgabe besorgt, genauer recherchiert und wurde schließlich auf diese Zweite-Weltkriegs-Geschichte aufmerksam. Es war also ganz eindeutig ein Glücksfund.

Im Vordergrund steht wieder der Luxemburger Koch Xavier Kieffer. Wie kamen Sie überhaupt auf ihn?

Hillenbrand Eine bestimmte Person hat er nicht als Vorbild. Eigentlich weiß ich gar nicht so genau, wo er herkam. Dass die Kieffer-Serie in Luxemburg spielt, rührt daher, dass ich 1997 hier bei der EU ein Praktikum gemacht habe, aber der Typ, so wie er ist, der war irgendwie plötzlich da. Ich habe ihn nicht auf dem Reißbrett entworfen, nein, er ist mir einfach zugeflogen.

Wie ist er denn so, dieser Typ?

Hillenbrand Auf jeden Fall starrsinnig. Und sehr heimatverbunden. Ein Gewohnheitstier. Noch dazu ist er ein bisschen aus der Zeit gefallen. Er arbeitet immer noch viel mit Papier, telefoniert mit einem alten Nokia-Telefon und hat nichts mit Internet am Hut, ist also ein bisschen hängengeblieben. Das führt gleichzeitig dazu, dass er Sachen etwas unkonventionell macht und dann doch immer wieder überraschend zu Lösungen kommt.

Sie kennen sich inzwischen ganz gut in Luxemburg aus. Wie kommt’s?

Hillenbrand Meine Zeit als Praktikant reichte damals natürlich nicht aus, um alle Ecken kennenzulernen. Das Land habe ich seither mehr als einmal besucht. Ich lerne immer noch dazu und entdecke Neues. Es verändert sich ja auch alles. Schauplätze für bestimmte Szenen laufe ich natürlich ab, damit am Ende möglichst alles stimmt.

Hat man Sie dennoch schon mal auf Fehler aufmerksam gemacht?

Hillenbrand Klar, das kommt vor. Ich habe eine luxemburgische Testleserin, die viele große Klöpse herausnimmt, aber natürlich kann immer mal etwas übersehen werden, also nicht unbedingt Luxemburg-Bezüge, sondern auch Details aus dem kulinarischen Bereich, das ist ja eine Fachsprache für sich. Irgendjemand beschwerte sich mal wegen einer Passage über einen teuren Rotwein aus einer bestimmten Bordeauxlage, was angeblich kompletter Schwachsinn war, weil gerade jenes Jahr ein sehr schlechtes war. Es gibt immer einen „Nerd“, der es besser weiß.

Hatten Sie nie Bedenken, dass dieser Luxemburg-Bezug die deutsche Leserschaft weniger interessieren könnte?

Hillenbrand Ich hätte eher umgekehrt die Furcht gehabt, dass es den Luxemburgern nicht gefällt, wenn jemand anderes über ihr Land schreibt. Aber für den deutschen Leser - obwohl nicht ganz so weit weg - hat es ein leicht exotisches Flair. Der durchschnittliche Deutsche weiß von Luxemburg ja überhaupt nichts, nur: klein, EU, Jean-Claude Juncker und fertig. „Steuerschlupfloch“, würden die Leute vielleicht noch sagen, wenn man sie fragen würde, aber das wäre es dann auch schon mit den Assoziationen. So lernen sie demnach beim Lesen auch noch etwas hinzu.

Und wie haben Sie sich das kulinarische Wissen angeeignet?

Hillenbrand Essen, lesen, kochen, ausprobieren. Ich habe inzwischen einen großen Fundus an Büchern, sowohl Kochbücher als auch Küchenhistorien. Eins meiner Lieblingsbücher ist „La Technique“ von Jacques Pépin. Darin enthalten ist beispielsweise eine Anleitung, wie man ein Hähnchen tranchiert und solche Sachen. Selbst zu kochen macht mir großen Spaß. Ab und zu versuche ich mich auch mal an einem Sternemenü, gut genug dafür bin ich aber nicht. Natürlich habe ich in der einen oder anderen Profiküche vorbeigeschaut und informiere mich bei Köchen.

Die bisherigen Kieffer-Krimis waren große Erfolge. Lassen Sie sich dadurch unter Druck setzen?

Hillenbrand Nein, mit diesem Druck kann ich umgehen. Ich beschäftige mich ganz bewusst zwischendurch mit anderen Genres, etwa Sci-Fi-Thrillern oder historischen Romanen, da ich mich sowieso für viele verschiedene Sachen interessiere. Die Abwechslung brauche ich, zum anderen tut es auch der Kieffer-Serie gut.

Wie gehen Sie überhaupt vor, wenn Sie ein Buch schreiben?

Hillenbrand Erst einmal ganz viel lesen, ganz viele Informationen reinschaufeln. Beim Krimi muss man sich natürlich frühzeitig Gedanken über den Plot machen, sich demnach eine ungefähre Abfolge überlegen. Ideen notiere ich auf Karteikärtchen. Welche Figuren und Locations ich brauche, weiß ich größtenteils, bevor ich mit dem Schreiben loslege. Und dann geht es relativ schnell. Wenn es zu lange dauert, hat das Buch zu wenig Schwung. Mein Ziel sind 10.000 Zeichen am Tag. Mit einem solchen 300-Seiten-Buch sollte man spätestens nach drei Monaten durch sein. Dann ist es natürlich noch totale rohe Grütze.

Sie haben also ganz normale Arbeitstage? Wie sieht so ein typischer Tag aus?

Hillenbrand Eigentlich wahnsinnig langweilig. Ich stehe um 6.15 auf, gegen 8.00, wenn alle weg sind, meditiere ich 20 Minuten, drücke mich dann noch so eine Dreiviertelstunde vor dem Arbeiten und sitze schließlich kurz nach 9.00 an meinem Schreibtisch. Und dann schreibe ich bis mittags um 13.00 meine 10.000 Zeichen. Wenn ich früher fertig bin, darf ich auch gehen. Nach der Mittagspause kommt der nichtschreibende administrative Teil.

Ihr erster Roman „Teufelsfrucht“ wird demnächst unter dem Titel „Le fruit du diable“ von „Iris Productions“ verfilmt. Sind Sie schon gespannt?

Hillenbrand So weit ich weiß, sollen die Dreharbeiten in diesem Jahr beginnen. Da es ein Film ist, muss es natürlich anders werden als in der Buchvorlage. Auf jeden Fall ist es gut, dass ein luxemburgisches Studio den Film macht, da kann man dann doch auf eine gewisse Werktreue, zumindest was die Schauplätze anbelangt, hoffen. Ich bin ganz guter Dinge. Der vorgesehene Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu ist auf jeden Fall ein toller und vielseitiger Schauspieler. Ansonsten: „Wait and see“.

ZUR PERSON

Spiegel-Bestsellerautor Tom Hillenbrand

Tom Hillenbrand, geboren 1972, studierte Europapolitik, volontierte an der Holtzbrinck-Journalistenschule und war Ressortleiter bei „Spiegel Online“. Seine Sachbücher und Romane - darunter die kulinarischen Krimis mit dem Luxemburger Koch Xavier Kieffer als Ermittler - haben sich bereits Hunderttausende Male verkauft, sind in mehrere Sprachen übersetzt und standen auf der Spiegel-Bestseller- sowie der Zeit-Bestenliste. Für seinen Roman „Drohnenland“ wurde er unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis für den besten Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. Am 12. Januar 2017 ist mit „Gefährliche Empfehlungen“ ein neuer kulinarischer Krimi mit Amateurdetektiv Xavier Kieffer in der Hauptrolle im KiWi-Verlag erschienen. ISBN 978-3-462-04922-0