LUXEMBURG
LJ

Das Projekt Europa braucht engagierte Teilnehmer, wie die Geschichte zeigt

Manchmal sei es wichtig, einen Blick auf die Vergangenheit zu werfen, um sich für eine bessere Zukunft auszurichten. Das unterstrich gestern Yuriko Backes der EU-Kommission bei der Vorstellung der wissenschaftlichen Arbeiten im Rahmen der „Nos cahiers“-Reihe zum Anlass des 60. Jubiläums der Verträge von Rom. „Europa ist inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit, zu einem reinen Alltag für die meisten Menschen geworden“, betonte sie. Es sei deshalb töricht, die wichtigen Schritte, die zu diesem bequemen Ist-Zustand geführt haben, zu vergessen, und die dabei geleistete Arbeit nicht zu wertschätzen.

Einen genauen Blick auf das Geleistete warfen deshalb die beiden Historiker des Nationalarchivs, Corinne Schröder und Charles Barthel, die sich ganz genau mit der Rolle der Unterhändler Luxemburgs bei den damals überaus wichtigen Verhandlungen vor den Verträgen von Rom beschäftigten und zu dem Schluss kamen, dass Verhandlungskünstler wie Eugène Schaus, Joseph Bech oder Pierre Werner eine ungleich wichtige Rolle bei der Wahrung einer luxemburgischen Identität im Rahmen der Gründung der Europäischen Gemeinschaft und bei der Festlegung von europäischen Institutionen im Großherzogtum gespielt haben dürften.

Diplomatische Schwergewichte trotz schlechtem Stand

So sei es den Unterhändlern gelungen, viele wichtige Interessen des Großherzogtums zu wahren, obwohl die Ausgangsposition zu Beginn der Verhandlungen keineswegs als stark zu bezeichnen war: Mit Frankreich, Belgien, Italien, Deutschland und den Niederlanden saßen fünf Gesprächspartner am Tisch, die gerade erst aus den Trümmern des Militärbündnisses der Westunion herauf blickten und dem kleinen Großherzogtum nicht immer Gehör schenken wollten. „Da haben die Akteure der luxemburgischen Vertretung ganze Arbeit geleistet“, meinte Schröder.

Etwa bei ursprünglich strittigen Themen wie den Freizügigkeitsabkommen für das freie Reisen von Arbeitern; „hier wurden knallhart die nationalen Interessen und vor allem die nationalen Gehälter in der Stahlindustrie geschützt“, meinte Schröder. „Da ging es auch um die Integrität der Gesellschaft.“ Als dann der Bedarf nach weiteren Arbeitskräften, unter anderem aus Portugal, rasant stieg, wendete sich das Blatt. Beim Thema der Agrarunion schließlich konnten die Interessen des Landes und seines Sektors gewahrt bleiben: „Durch ihr Verhandlungsgeschick gelang es, eine Spezialbehandlung für Luxemburg herauszuschlagen“, erklärte die Historikerin.

Das sei unter anderem nur gelungen, weil sich das Großherzogtum bei den Verhandlungen geschickt anlegte und etwa bei dem Thema der Atomunion (EURATOM) Zugeständnisse machte. „Bech war zum Beispiel ein Meister darin, zu wissen, wann er punkten musste, um sich durchzusetzen“, meinte Barthel gestern. „Er war ein extrem guter Taktiker und wartete den richtigen Moment ab.“ So rangen sie den größeren Partnern Zugeständnisse wie ein Stimmrecht oder den Schutz des nationalen Agrarsektors ab - und zeigten sich als diplomatische Schwergewichte, die das Großherzogtum als souveränen Staat und als aktiven Teilnehmer an dem europäischen Projekt fest verankerten. So müsse es auch in Zukunft weitergehen, um das Projekt Europa auch weiter positiv zu entwickeln.