LUXEMBURGCLAUDE KARGER

Der Historiker Steve Kayser über Luxemburg und die „Drôle de guerre“

Im April 1939 feierte Luxemburg hundert Jahre Unabhängigkeit, im September brach mit der Invasion Polens durch Nazi-Deutschland der Zweite Weltkrieg aus; im Osten zeichnete sich Schlimmes ab. Das Jahr 1939 war ein Jahr der Höhen und Tiefen für das kleine Großherzogtum, das wenige Monate später von Hitlers Truppen überrannt werden sollte. Wir haben mit dem Historiker Steve Kayser über diese Zeit gesprochen.

Herr Kayser, wie war die internationale Lage Luxemburgs bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs?

Steve Kayser Luxemburg war seit Ende 1938 diplomatisch isoliert. Es gab von keiner Seite eine klare Stimme für den Erhalt der Neutralität des Landes. Wer damals gut zugehört hatte, wusste welche Absichten Deutschland verfolgte. Die deutsche Presse, insbesondere Gustav Simon, der Leiter des NSDAP-Moselland-Gaus hatte bereits durchblicken lassen, dass Luxemburg seiner Meinung nach ins Reich gehört. Frankreich hatte sich hinter die Maginot-Linie zurückgezogen.

Die Neutralität Luxemburgs sah der Nachbar eher als hinderlich, da einem Vorrücken von Truppen gegen Deutschland im Falle des Falles im Weg stand. Belgien und die Niederlande waren auf sich selbst fokussiert.

England war nicht interessiert, sich hinter Länder auf dem Kontinent zu stellen. Dass unter diesen Umständen kein gemeinsamer Plan zustande kam. um auf eine deutsche Aggression zu reagieren, verwundert nicht.

Keine Garantie also für die Neutralität. Was hat die damalige Regierung unternommen, um sie zu wahren?

Kayser Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem das neutrale Luxemburg ja auch besetzt wurde, hatten die Regierungen versucht, einen neuen internationalen Statut zu definieren. 1919 ging es um den Fortbestand des jungen Staates. Sowohl die Franzosen, als auch die Belgier erhoben Annexionsansprüche.

1920 nach langem Hin und Her trat Luxemburg dem Völkerbund bei. Und trotzdem stärkte man der Neutralität den Rücken nicht. Eigentlich erfüllte man die Bedingungen nicht.

Der Statut wurde nie vom Parlament gut geheißen und in der Verfassung verankert. Als sich die Lage in Europa verschlimmerte, setzte die Regierung Bech zunächst auf multilaterale Gespräche, um Garantien für die Neutralität des Landes zu erhalten. Danach versuchte man es in Gesprächen mit Belgien, Deutschland und Frankreich und anschließend auf bilateraler Ebene. 1939 drehte Deutschland dann langsam den Hahn zu.

Der Druck auf den wehrlosen Nachbarn wurde erhöht. Man ging soweit, von Luxemburg eine „geistige Neutralität“, folglich eine strikte Neutralität in allen Belangen zu fordern - sogar was die Kommentierung der deutschen Politik anbelangte. Als die Regierung im Sommer 1939 erwog, die luxemburgischen Metallindustrie solle Lieferungen an potenzielle Kriegsparteien einstellen, um auf diesem Wege seine Neutralität zu untermauern, machte Deutschland Gegendruck gegen diese Pläne. Die provokatorischen Vorfälle an der Grenze häuften sich. Luxemburg und seine Neutralität waren längst zum Spielball geworden.

Dabei hatte das Land noch im April 1939 das 100. Jubiläum seiner Unabhängigkeit gefeiert...

Kayser Die Veranstaltung diente klar dazu, der Bevölkerung Mut zu machen und sie um die Großherzogin zu scharen. Die Regierung wusste, dass die Unabhängigkeit alles andere als gewahrt war und hatte längst begonnen, sich auf den Ernstfall einzustellen. Davon zeugt etwa, dass im Haushalt 1939 Maßnahmen vorgesehen waren, um die Kontroll- und Verteidigungsmaßnahme an den Grenzen und insbesondere an der Grenze mit Deutschland zu stärken.

Man dachte nun auch über Schutzmaßnahmen für die Bevölkerung nach. Die Evakuierung der südlich an Frankreich liegenden Gegenden wurde in Erwägung gezogen. Anfang 1940 wurden dann vor allem entlang der östlichen Grenze Straßenbarrikaden errichtet - die so genannte „Schuster-Linie“.

Wie reagierte die Regierung unmittelbar auf den deutschen Angriff in Polen?

Kayser Das Einzige, was den Luxemburgern blieb, war die Neutralität und insgeheim die Hoffnung, dass Frankreich einen deutschen Angriff zurückwerfen würde. Bereits am 27. August 1939 gab die Regierung eine Erklärung unter dem Titel „l’Europe en état d’alarme“ ab, in der die Neutralität des Landes wiederum unterstrichen wurde. Am 6. September geschah das erneut in einer offiziellen Erklärung. Und am 15. September wurde die Neutralität in einem „arrêté grand-ducal“ bestätigt.

Anfang 1940 hielt die Regierung fest, dass sie im Falle des Falles ins Exil gehen würde, mit der Staatschefin, der Großherzogin Charlotte und eine Verwaltungskommission unter Albert Wehrer die laufenden Regierungsgeschäfte weiter führen sollte. Indem sie das Exil wählten, entzogen sie dem Aggressor symbolisch die Kontrolle über die verfassungsgebende Macht und gewährleisteten so ihre Kontinuität. Es zeugte aber sogleich von realpolitischer Einschätzung: Der deutsche Angriff auf Luxemburg war längst eine unausgesprochene Gewissheit. Der erneute Bruch des Völkerrechts schien unausweichlich.

Aber man war sich bewusst, dass man die Gelegenheit nutzen musste, Fehler aus der Besatzung des 1. Weltkrieges nicht mehr zu begehen und bereits Weichen für die Zeit nach dem Konflikt zu stellen. Über diese Periode gibt es noch sehr viel aufzuarbeiten.