SIMONE MOLITOR

„Die Gesundheitskrise ist etwas Dramatisches, aber wir dürfen die Rückkehr ins Leben nicht verpassen“, sagte Cannes-Festivalleiter Thierry Frémaux in einem Interview. In Zeiten der allgemeinen Lockerungen in Europa sind sich die meisten wohl einig, dass dies nicht zu schnell und unüberlegt passieren darf. Doch es muss passieren. Und es müssen Wege gefunden werden, auch die baldige Rückkehr auf die Bühnen zu ermöglichen.

Die Kultur-, Theater- und Konzerthäuser bereiten diese „Rentrée“ für die Herbstsaison gerade vor, obwohl die Zukunft noch viele Unbekannte birgt. Werden wir uns auch im September oder Oktober noch an die Abstandsregel von zwei Metern halten müssen? Wird nach wie vor die Maskenpflicht gelten? Dürfen sich mehrere Künstler die Bühne auch dann noch nicht teilen? Planungssicherheit sieht anders aus. Der Großteil dürfte Verständnis dafür haben, dennoch wächst die Ungeduld. Künstler brauchen Bühnen. Leiter von Kultureinrichtungen brauchen Künstler. Alle brauchen ein Publikum. Und alle sehnen sich nach etwas mehr Normalität. Natürlich spielt Geld in diesem Kontext keine unwesentliche Rolle – Geld, das die Künstler und Kulturschaffenden derzeit nicht verdienen, aber auch Kreativität, die nicht ausgelebt werden kann.

„Wir verlegen die Unsicherheit immer weiter in die Zukunft“, formulierte es ganz treffend Künstler Serge Tonnar am Freitag bei einem vom Büro des Europaparlaments in Luxemburg organisierten Webinar über die Zukunft der Kultur nach der Corona-Krise. Ja, die Museen, Kunstgalerien und Bibliotheken dürfen seit Montag wieder Besucher empfangen. Ja, es folgen progressiv nächste Etappen, die jedoch abhängig von der weiteren Entwicklung definiert werden. Und diese lässt sich noch nicht genau einschätzen, ergo kann man der Kulturszene keine Versprechungen machen und auch kein Stichdatum für die Rückkehr auf die Bühnen nennen. Das Resultat ist, dass geplant wird, dann wieder umgeplant werden muss, um schließlich erneut zu verschieben und von vorne anzufangen. Es ist ein Jonglage-Akt, der Ausdauer verlangt. Würde die Motivation auf der Strecke bleiben, würde sich der Vorhang mancher Bühnen vielleicht überhaupt nicht mehr heben.

Bisher haben Kultur und Kunst der Corona-Krise getrotzt, so gut sie können. Künstler, Kulturschaffende und Häuser haben dafür gesorgt, dass es weiterhin ein Angebot gibt, wenngleich nur in digitaler Form. „Solche Sachen ersetzen nicht das Spectacle vivant“, unterstrich Carole Lorang, Direktorin des Escher Theaters, bei der gleichen Gesprächsrunde. Virtuell können nie die gleichen Emotionen geweckt werden, es ist in der Tat ein komplett anderes Erleben, das allenfalls in die Kategorie „Unterhaltung“ fällt, wenn natürlich teils auch gut gemachte.

„Wir können jetzt nicht permanent in einem Ausnahmezustand leben. Wir müssen uns ein Stück Normalität zurückerkämpfen“, fügte Lorang auch noch hinzu. Und natürlich weiß sie, dass dies mit Einschränkungen und Auflagen verbunden ist. Jeder weiß das. Und die Kulturszene ist kreativ und einfallsreich genug, um adäquat darauf zu reagieren. Das sollte man ihr zutrauen, ohnehin muss sie sich immer wieder anpassen und Kompromisse eingehen.