NIC. DICKEN

Ist es Zufall, dass die in das weltweite UNESCO-Erbe übernommene Echternacher Springprozession luxemburgischen Ursprungs ist? Fühlen wir uns dieser Tradition mittlerweile so sehr verpflichtet, dass wir sie implizit in allen nur denkbaren Lebensbereichen zu applizieren trachten? Während wir dazu tendieren, die erste Frage eher mit einem klaren Nein zu beantworten, so möchten wir im zweiten Fall doch ein beherztes Ja äußern. Darin kommt weniger die Genugtuung über ein respektvolles Traditionsbewustsein zum Ausdruck als vielmehr Enttäuschung und Verärgerung darüber, dass sich in Luxemburg offenbar immer mehr die Meinung durchsetzt, man könne, auf den knapp 2.600 qkm das Rad der Geschichte permanent zurückdrehen und so tun, als gingen uns weltweite Entwicklungsströmungen allenfalls am Rande etwas an.

Die Erfolgsgeschichte, die das Großherzogtum im Verlauf der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts schreiben konnte, beruhte sowohl auf vernünftigen und maßvollen politischen Weichenstellungen, wie auch auf mutigen Unternehmerinitiativen und dem Arbeitseifer einer Bevölkerung, die sich vom positiven Virus eines Strebens nach besseren Lebensbedingungen aufgrund eigener Leistung hatte anstecken lassen.

Wieviel von dieser pragmatischen und grundlegend positiven Einstellung ins 21. Jahrhundert herübergerettet werden konnte, scheut man sich immer mehr aufzurechnen. Der Wohlstand in Luxemburg wurde zur Selbstverständlichkeit erklärt, kräftiges Wirtschaftswachstum wurde in den Rang eines Verfassungsartikels erhoben und alle anderen Staaten, Nachbarn wie entlegene Partnerländer, sollten sich doch gefälligst danach richten.

Zumindest der letzte Punkt funktioniert nicht, das haben wir in den letzten Jahren schmerzhaft feststellen müssen, und ob es mit den beiden anderen so klappen wird, darüber sind zuletzt auch immer mehr begründete Zweifel entstanden. Die zunehmende Sozialisierung bis in die höchsten Einkommensklassen hinein hat nicht dazu beigetragen, die sozialen Unterschiede zu verringern, sondern hat die Gräben nur noch breiter und tiefer werden lassen.

Dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann, liegt auf der Hand und gebietet energisches Handeln. Allein die Tatsache, dass bei einem ständig wachsenden Arbeitsmarkt mittlerweile 21.700 Leute beim Arbeitsamt als Stellenbewerber eingetragen sind, verdeutlicht das Dilemma, in dem Luxemburg steckt: einerseits der nach wie vor anhaltende Erfolg des Standortes, andererseits aber das immer stärkere Auseinanderdriften der Bevölkerungsteile.

Diesbezügliche Warnungen sind übrigens nicht neu und wurden über die Jahre immer und immer wiederholt. Genützt haben sie allerdings nur wenig, die Mahner wurden sogar noch arrogant als Spielverderber mit eigennütztigen Hintergedanken verunglimpft und materielle Freizügigkeit wurde zur Maxime politischer Kompetenz erklärt.

Wann, wenn nicht sofort, wollen wir zur Rückbesinnung, zur Umkehr, zum neuen Anlauf mit realistischen Zielvorgaben aufbrechen?