LUXEMBURG
SIMON LAROSCHE

Als erster Nicht-Zeitgenosse steht Erny Lamborelle seit 2009an der Spitze der „Fédération des Enrôlés de Force Victimes du Nazisme“

Für sich das schmerzhafte Thema der Zwangsrekrutierung in Luxemburg während des Zweiten Weltkriegs anzunehmen, ist Erny Lamborelle an sich die ideale Person. Der rüstige, freundliche Öslinger aus Bögen im Kanton Clerf, der seit 2000 Präsident des Verbandes der luxemburgischen Zwangsrekrutierten (FEDEF) ist, stammt aus einer Familie, die von diesem traumatischen Geschichtshergang durchaus gezeichnet ist. Sein Vater und zwei Onkel wurden von den Nazis an die Ostfront geschickt, um dort als Wehrmacht-Soldaten für Hitlers Traum eines Dritten Reichs zu kämpfen. Während diese drei die Zwangsrekrutierung trotz psychologischen Spätfolgen überlebten, in dem sie gegen Ende des Kriegs desertierten, wurden sein Großvater Ernest und zwei weitere Onkel bei der Rundstedt-Offensive in den Ardennen von den Nazi-Besatzern gefoltert und erschossen. Erst mit 45 Jahren erfuhr Erny Lamborelle, was genau mit der Familie während des Zweiten Weltkriegs passiert ist.

Eigene Familie vom ZweitenWeltkrieg geprägt

„Wie bei vielen Familien in Luxemburg, waren auch bei uns die Ereignisse während des Krieges ein Tabuthema“, sagt der 63-Jährige bei Kaffee und Kuchen. „Viele Zwangsrekrutierte, und dazu zählte auch lange mein Vater, haben ihre schrecklichen Erlebnisse an der Ostfront nicht mit anderen geteilt. Mit anderen Enkeln stand ich jedes Jahr an Allerheiligen und Allerseelen um das Grab der Opfer, ohne Antworten zu bekommen. Meine Familie hat die grausamen Vorkommnisse aus dieser Zeit lange einfach verdrängt.“

Viele Menschen im Großherzogtum dürften Erny Lamborelle auch wegen seiner acht Jahre an der Spitze der nationalen Handelskonföderation (CLC) kennen, wegen seines zeitweiligen politischen Einsatzes innerhalb der DP oder noch wegen seines langjährigen Posten als Geschäftsführer bei Electrolux für den Raum Belgien-Luxemburg. „Als Geschäftsführer bei Electrolux war ich, mit Ausnahme von Schwarzafrika und Teilen Mittelamerikas, schon fast überall auf der Welt unterwegs gewesen“, erzählt der heutige Rentner, der 2009 einen Schlussstrich unter seine berufliche Karriere zog. Sich ruhig zurücklehnen und nichts mehr zu machen, kam für Lamborelle jedoch nicht in Frage. Der Kommerz-Kenner widmete sich sogleich der FEDEF, bei der er 2009 zum neuen Präsidenten ernannt wurde. „Ich habe diese flotte Herausforderung angenommen, um nicht mehr bloß im lukrativen Bereich mein Wissen zur Verfügung zu stellen, sondern fortan im karitativen, sozialen oder historischen Bereich.“ Der 1949 geborene Ex-Geschäftsmann ist sich bewusst, dass er der erste Präsident des Verbandes ist, der selbst kein Zeitzeuge des Krieges und der Zwangsrekrutierung ist.

Die 42 weiterhin bestehenden Lokalsektionen, die innerhalb der FEDEF vereint sind, haben in der Person von Erny Lamborelle einen engagierten Präsidenten, der viel Eigenmotivation für diese Aufgabe mitbringt. „Während meiner Zeit bei Electrolux folgte ich zwanzig Jahre lang einem schnellen Lebensrhythmus von 120 Stundenkilometer, seither habe ich leicht auf 100 Stundenkilometer abgebremst“, erläutert der Öslinger seine neueste Lebenseinstellung.

Ansehen der Zwangsrekrutiertengegenüber den Resistenzlern verbessern

Lamborelle sieht sich verpflichtet in seiner neuen Rolle, das Ansehen der verstorbenen und noch lebenden Zwangsrekrutierten zu verteidigen. Besonders schmerzt ihn die Tatsache, dass in Teilen der Luxemburger Gesellschaft den Zwangsrekrutierten, im Vergleich zu den Resistenzlern, weiterhin eine kleinere Rolle in der Bekämpfung der Nazis zugeschrieben wird. Noch heute seien die Beziehungen zwischen ehemaligen Zwangsrekrutierten und Resistenzlern nicht optimal. „Das macht mich zugleich böse und traurig“, gibt er zu, „dieses Verhältnis muss unbedingt verbessert werden.“ Neben der Koordination der Aktivitäten der verschiedenen Lokalsektionen liege für den Verband laut Lamborelle heutzutage die größte Herausforderung jedoch darin, bei der zweiten und dritten Generation der Opferfamilien das Thema aufrechtzuhalten. Die eigentlichen rund 14.000 Zwangsrekrutierten, die hauptsächlich den Jahrgängen zwischen 1920 und 1924 angehörten, sind heute nämlich entweder verstorben oder inzwischen neunzigjährig, erklärt der Vater zweier Söhne im Alter von 27 und 31 Jahren.

Den Schritt in die Modernität hat der Verband unter ihrem neuen Präsident auf jeden Fall bereits hinter sich. Neben der praktischen Nutzung des Internets (siehe unten), kommuniziert Erny Lamborelle nämlich ebenfalls via seiner eigenen Facebook-Seite und seines Twitter-Kontos.

Das Schicksal der Zwangsrekrutierten in Luxemburg lässt Erny Lamborelle jedenfalls nicht kalt. Heutzutage schreibt er in seiner Freizeit an einem Buch, in dem er wiedergeben will, wie seine eigene Familie von diesem Thema berührt würde.