LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Expo im „neimënster“: Boris Loder zeigt Identität gewisser Stadtteile in komprimierter Form

Zigarettenkippen, Medikamentenverpackungen, Parktickets, Plastikbesteck, Fassadenteile, Gestein. Das sind die Dinge, für die sich der Fotokünstler Boris Loder interessiert, wenn er durch bestimmte Stadtteile streift. Das aufgesammelte Material landet in einem Würfel aus Plexiglas mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern. Der Inhalt spiegelt letztlich den Charakter verschiedener Orte in Luxemburg in komprimierter Form wider. Das Endresultat, also das eigentliche Werk, ist ein skulpturales Foto, auf dem durch die entsprechende Bildbearbeitung nur noch der freischwebende Würfelinhalt auf weißem Hintergrund zu sehen ist. Wir haben uns von dem Künstler durch die aktuelle Ausstellung im Kulturzentrum neimënster führen lassen.

2016 hat Boris Loder mit der Serie „Particles“ angefangen. „Ich zeige gerne das etwas Desolate. Das habe ich bereits vorher in der Serie ,Urban Elements‘ thematisiert, dies mit Ausschnitten von Gebäuden, die bereits etwas kaputt und am Zerbröseln sind. Das hier ist also eine gewisse Weiterentwicklung“, erklärt er. Ist es demnach gerade die hässliche Seite einer Stadt, die sein Interesse weckt? „Das vermeintlich Hässliche“, antwortet er, „ich zeige das, was diese Plätze ausmacht, was ihnen ihre Identität gibt. Die Fotos sind ein Spiegelbild der Gesellschaft, beziehungsweise spiegeln zumindest das wider, was an diesem Ort passiert, was die Leute dort tun“. Keine besondere Faszination für Müll also? „Müll ist an sich nur ein Aspekt“, erklärt der Fotograf vor einem Würfel, in dem eine Spritze direkt ins Auge sticht. Das Material, das er in dieses Werk mit dem Titel „Junkie Hideout“ eingearbeitet hat, hat er in einem leer stehenden Gebäude in Hollerich aufgesammelt, das von Junkies benutzt wird. „Dass ich dort Drogenutensilien finden würde, war klar. Doch es ging mir auch um das Gebäude, das sich bereits im Verfall befand, demnach auch um die Materialität“, fährt er fort.

Die Stadt im Würfel

Seit 2013 lebt der gebürtige Deutsche in Luxemburg. Was hat ihn hierher verschlagen? „Meine Freundin“, lacht er. Für die Serie „Particles“ war er anfangs hauptsächlich im Bahnhofsviertel unterwegs. „Dort wohne ich und ging auf Erkundungstour, um mein Viertel kennenzulernen“, erzählt er. Dann habe er seine Aktion auf andere Ecken der Hauptstadt und teils auch darüber hinaus ausgedehnt. Pfaffenthal, Place de l’Europe, Ban de Gasperich, Flughafen, Aire de Berchem… „Typisch urbane Plätze interessieren mich, solche, die etwas über die Stadt aussagen, und auch wenn ich mich abgesehen von ein paar Ausnahmen auf Luxemburg-Stadt konzentriere, so haben diese Orte doch etwas Universelles“, meint er. Sensibilisierung ist wohl ein Aspekt seiner Arbeit, immerhin soll darauf aufmerksam gemacht werden, was der Mensch alles achtlos wegschmeißt. Andererseits geht es darum, den Charakter und gleichzeitig die Geschichte dieses Platzes in kompakter Form festzuhalten.

Eine gewisse Idee, was ihn an einem bestimmten Ort erwartet, hat er zwar meist, trotzdem erlebt er auch hin und wieder Überraschungen. „Was mich etwas erstaunt, ist, dass ich quasi überall auf Medikamentenverpackungen stoße, oft Antidepressiva oder Angsthemmer. Ich google immer, was ich da finde“, sagt er. Auf dem Parkplatz in der Nähe der „Maternité“ und Kinderklinik hätten ihn die Farben überrascht, die beim Fundmaterial überwogen: Weiß, Rosa und Blau. Beim „Lycée Technique du Centre“ habe er erstaunlich wenige Schulreferenzen gefunden, dafür aber viele Parktickets, Zigarettenkippen, abgebrochene Stücke eines Autoscheinwerfers oder Verschlüsse von Redbull-Dosen.

Viel Präzisionsarbeit

„Ich versuche den Ort möglichst repräsentativ in komprimierter Form wiederzugeben. Klar ist es immer noch mein subjektiver Blick, weil schließlich ich entscheide, was ich aufhebe und später dann genau überlege, was ich gut sichtbar in den Würfel platziere“, gibt er zu bedenken. Einiges an Fingerspitzengefühl sei in dieser Etappe nötig. „Ich benutze kein anderes Füllmaterial. Es ist eine Präzisionsarbeit, um die Spannung von innen hinzubekommen. Diese Bastelei ist ein bisschen wie Tetris spielen und kann schon mal zwei, drei Stunden in Anspruch nehmen“.

Damit ist das eigentliche Werk aber längst noch nicht fertig. „Der Würfel ist Teil des Prozesses, sozusagen das Mittel zum Zweck. Anschließend fotografiere ich ihn von drei Seiten, bevor es dann an die Bildbearbeitung geht, die relativ aufwendig ist, und mit der ich noch einmal eine gute Stunde zubringe“, erklärt Loder. Er selbst sieht sich indes in erster Linie als Fotograf, wenngleich die Grenzen für „Particles“ verschwimmen, sodass man durchaus von ihm als multidisziplinärem Künstler reden kann. Dies alles aber im Nebenberuf. Studiert hat er englische sowie deutsche Literatur und arbeitet derzeit als Lehrbeauftragter im „Lycée Michel Rodange“. „Von Kunstfotografie kann man nicht leben, von kommerzieller Fotografie schon eher, auch wenn dies ein hart umkämpftes Feld ist. Ich möchte mich aber auf die künstlerische Ebene konzentrieren“, meint der Autodidakt.

Neben den großformatigen Fotos sind bei der momentanen Ausstellung im „Cloître Lucien Wercollier“ im neimënster auch vier dieser Würfel zu sehen, um diesen skulpturalen Teil der Arbeit ebenfalls zu veranschaulichen. Einen der Würfel hat Boris Loder sogar extra für die Expo zusammengestellt und dafür im Vorfeld Material auf dem Gebiet der Abtei gesammelt. Viel Gestein, bunte Fliesenteilchen und Splitter zeitgenössischer Architektur sind darin zu erkennen, genau wie ein neimënster-Aufkleber und auch hier die leere Plastikhülle eines Antidepressiva.

Selbsterklärende Aufnahmen

Auf Begleittexte wurde in der Ausstellung verzichtet. Manchen Fotos wurde eine Aufnahme des Ortes, an dem die Fundstücke gesammelt wurden, beigefügt. „Der Ausstellungsraum hat quasi danach verlangt. Ansonsten bleibt es aber bei der Idee, dass die Bilder selbsterklärend sind, dass der Würfel also die Geschichte erzählt und dazu kein Text notwendig ist“, betont Loder. Die Serie „Particles“ steht derweil kurz vor dem Abschluss. Zwei oder drei Bilder würden noch hinzukommen. Im November wird er seine Werke in der Nähe von Shanghai zeigen und auch noch zu anderen Fotografiefestivals reisen. „Es ist wichtig, hin und wieder aus Luxemburg rauszukommen. Die Unterstützung, die man hier erfährt, ist toll, dennoch hat man die Runde irgendwann gemacht und sucht den Weg über die Landesgrenzen hinaus. Die ,Café-Crème asbl‘ ist diesbezüglich eine große Hilfe. Ich habe bereits in Athen und Paris ausgestellt, und jedes Mal waren die Reaktionen sehr interessant, weil die meisten Luxemburg schließlich kaum oder nur von seiner sauberen Seite kennen“, bemerkt der Fotograf. Momentan arbeitet er außerdem an einem Fotobuch mit 44 Aufnahmen dieser Serie, das im Herbst in einem deutschen Verlag erscheinen wird. „Da bleibt noch einiges zu tun. Ansonsten habe ich bereits einige neue Idee, allerdings noch nichts Spruchreifes“, sagt Loder.

Die Ausstellung kann bis zum 8. September zwischen 11.00 und 18.00 besichtigt werden. Am 3. August um 15.00 bietet Boris Loder eine geführte Besichtigung.