GILLES HEMPEL

Gilles Hempel ist Direktor der „Agence Immobilière Sociale“. Die seit 2009 bestehende Agentur, welche vom Familien- und Wohnungsbauministerium sowie den Gemeinden finanziert wird, mietet Wohnungen unter dem Marktpreis an und stellt sie dann einkommensschwachen Familien zur Verfügung. Die AIS wird immer stärker beansprucht, denn im teuren Luxemburg fehlt es an erschwinglichem Wohnraum. Um das zu ändern, schlägt Gilles Hempel das Konzept der Zwangsverpachtung vor. Wie das aussieht, erklärt er nachfolgend:

„Auf der Suche nach Modellen für die Bekämpfung der Wohnungsnot bin ich auf das Konzept der Zwangsverpachtung gestoßen, ein Konzept, das früher benutzt wurde, um Hungersnöte zu bekämpfen. Angewandt wurde es vor allem nach Kriegen, die auch viele Bauern das Leben kostete und deren Felder dann brach lagen. Die Klärung der Besitzverhältnisse konnte einige Zeit in Anspruch nehmen. Um die Felder bestellen zu lassen und so Hungersnöte zu vermeiden, zwangsverpachteten die Autoritäten sie an andere Bauern.

Angesichts der aktuellen Lage am Wohnungsmarkt stellt sich die Frage, ob sich dieses Modell auch auf Baugrundstücke übertragen ließe. Sollten diese nach einer angemessenen Dauer nicht auf den Markt kommen, würden sie an einen öffentlichen Bauträger - Staat oder Gemeinden - zwangsverpachtet, der sie bebaut und die darauf entstehenden Wohnungen zu günstigen Bedingungen vermietet.

Das Grundstück an sich bliebe dabei im Besitz des Eigentümers. Dieser käme darüber hinaus in den Genuss einer jährlichen Pacht, und der öffentliche Bauträger könnte ihm zu jedem Moment den Abkauf des Grundstücks zum aktuellen Marktpreis garantieren. Der Eigentümer würde also nichts verlieren, im Gegenteil. Der Wert von Grundstücken nimmt ja derzeit stetig zu.

Ich bin überzeugt, dass mit Hilfe der Zwangsverpachtung schnell viele zusätzliche Wohnungen entstehen könnten. Natürlich könnte man Grundstücksbesitzern ein solches Modell auch ganz ohne Zwang anbieten. Denn gerade wenn andere Anlageformen wenig Gewinn abwerfen, finden sich unter Grundbesitzern immer mehr Investoren, die der tatsächlichen Entwicklung des Baulandes und seiner Nutzung tendenziell gleichgültig gegenüberstehen. Solchen Investoren käme eine zusätzliche Pacht entgegen. Die Bebauung und Nutzung würde ihren Interessen kaum widersprechen.

Auf jeden Fall braucht es Diskussionen über innovative Lösungen, die ohne Tabus geführt werden können und politischen Mut, um diese Lösungen auch umzusetzen. Es besteht dringender Handlungsbedarf, um die Wohnungsnot zu lindern, gerade in einem Moment, in dem die Folgen der langjährigen Exklusionsdynamik des luxemburgischen Wohnungsmarktes zusammenfallen mit einer wachsenden Zahl anerkannter Flüchtlinge, die genauso wie jeder Luxemburger ein Recht auf menschenwürdiges Wohnen haben.“