LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Darum ist triviale Freizeitbeschäftigung so besonders

„Bin das wirklich ich?“, frage ich mich jedes Mal, wenn ich alte Kinderfotos von mir betrachte. Meistens kann ich mich vage daran erinnern, in welchem Kontext sie entstanden sind, und leise Erinnerungen in Form von Momentaufnahmen werden wachgerufen. Dennoch erscheinen sie mir wie aus einem entfernten Leben. Denn was ich damals gedacht habe, was mich beschäftigt hat, was ich empfunden und wahrgenommen habe, das kann ich nicht einmal mehr erahnen. Ich weiß nur, dass mein Denken und Lebensgefühl damals ein ganz anderes waren als heute.

Ungebremster Tatendrang

Wenn ich versuche, mich zurückzuversetzen und zu überlegen, was das Kindsein ausmacht, so denke ich an eine sehr lebhafte Vorstellungskraft, eine starke Begeisterungsfähigkeit, ein ständiges Inspiriertsein, eine unerschöpfliche Energie sowie das Vermögen, in einer Tätigkeit ganz und ganz zu versinken. Außerdem hatte ich nie das Gefühl, für eine Sache keine Zeit zu haben. Ein Tag erschien mir als Kind endlos lang; voller Möglichkeiten, und die versuchte ich auch auszunutzen. Ich bastelte, malte und schrieb, ich sang, tanzte und buk. Ich schnitt meinen Barbies die Haare ab, verschenkte selbstgeknüpfte Scoubidou-Schlüsselanhänger, verkleidete mich, schlüpfte in andere Rollen, entdeckte mich und die Umwelt jeden Tag wieder neu.

Wir sprechen oft von kindlicher Sorgenfreiheit, aber ich glaube, das lässt sich so nicht sagen, dass wir als Kind völlig unbeschwert sind. Wir erfassen von den großen Problemen der Welt mit Sicherheit nur einen Bruchteil, doch das bedeutet nicht, dass wir kein Gespür für sie besäßen. Was uns als Kindern ein erfülltes Dasein beschert, das ist unser Talent, uns die Zeit zu vertreiben.

Herrlich nutzlos

Manchmal habe ich noch heute kreative „Anfälle“ von Eifer, fühle mich aus völlig unerklärlichen Gründen dazu berufen, mich an Origami zu versuchen, Gedichte zu schreiben, Bonsais zu züchten, Mandalas zu malen oder meinem Hund einen Pullover stricken – gut, letzteres eher nicht. Ich kaufe mir einen Rubiks-Cube und ein Puzzle mit 1.500 Teilen und wundere mich anschließend über mich selbst.

Dementsprechend schwindet die Freude meist schon beim Auspacken der Errungenschaften. „Einen Regenbogen, der eine Viertelstunde steht, sieht man nicht mehr an“, sagte Goethe. Der Regenbogen, das sind meine asymmetrischen Papierkraniche und meine selbstgepflanzten Tomaten, die ich auf dem Fensterbrett liegen lasse, weil ich mich nicht traue, sie zu essen.

Ich mag ja auch eigentlich gar keine Tomaten und es ging mir nie ums Essen, nur ums Pflanzen, es ging nie um das fertige Puzzle, nur ums Puzzlen. Die schönsten Hobbies sind jene, die keinen Zweck erfüllen, bei denen wir keine Ansprüche an uns selbst stellen und das Gelingen, das Endprodukt, wenn es überhaupt eines gibt, völlig nebensächlich ist.

Mich erinnert das an einen ganz wunderbaren literarischen Text von Kurt Kusenberg, der den Titel „Nihilit“ trägt. Es geht dort um die Erfindung eines herrlich duftenden, aber unwirksamen Klebstoffs, für den ein Werkstoff hergestellt wird, der sich von ihm kleben lässt, ansonsten aber selbst völlig nutzlos und entbehrlich ist. Kusenberg beleuchtet in dieser Kurzgeschichte die schönste Seite der menschlichen Irrationalität, des zweckbefreiten menschlichen Herumwerkelns. Es geht um die Liebenswürdigkeit menschlicher Kreativität, auch und insbesondere dann, wenn sie eben nicht in große Kunst mündet.

Unsinnig und infantil?

Leider ist es genau diese eigentlich so charmante Eigenschaft von Hobbies, die dafür verantwortlich ist, dass sie mit Spott oder gar Verachtung betrachtet werden. Hobbies haben nur Kinder und das macht sie nicht zu einer guten, sondern einer schlechten Tätigkeit. Denn Erwachsene müssen erwachsen sein und erwachsene Dinge tun und erwachsen sein heißt: produktiv, rational, wohlüberlegt, effizient.
Nicht nur ist es ungemein schade, dass Hobbies diesen schlechten Ruf haben; solche Ansichten werden aus Unaufrichtigkeit heraus geäußert. Denn wir kritisieren diese Hobbies nicht wirklich, haben ihnen nichts entgegenzusetzen. Was wir wirklich bedauern, ist, dass wir nicht das Durchhaltevermögen, die Disziplin und vor allem die Zeit besitzen, eine Sache durchzuziehen und uns in ihr zu perfektionieren.

Wir wünschen uns die Hobbies nicht weg, wir wünschen uns mehr Gelegenheiten, uns ihnen zu widmen, aber da wir das nicht haben können und das eine schmerzhafte Erkenntnis ist, reden wir uns lieber ein, dass sie uns sowieso nicht am Herzen liegen und wir viel Wichtigeres zu erledigen haben.
Was wir uns schließlich nicht eingestehen wollen, ist unser Unvermögen, als Erwachsene in einer Sache völlig aufzugehen, vollständig in eine andere Welt einzutauchen, ohne uns immer wieder abzulenken und auch nur einen Gedanken an die „wichtigen Dinge“ zu verschwenden.

Unsere Ernsthaftigkeit, unser Pflichtgefühl und Gewissen verbieten uns die Hobbies. Doch unser kreatives Kinderherz setzt sich eben – zum Glück – manchmal durch.