LUXEMBURG
PW, IZ UND JK

Das Fahrrad 2018: Frugal oder luxuriös

Das Rad ist im Kommen, zumindest gefühlt und die Werbekampagnen der Regierung wie „Mam Velo op d’Schaff“ sorgen für optische Aufmerksamkeit. Dennoch - schaut man auf die Statistik, so ist das Rad in allen Bereichen unterrepräsentiert. Man muss aber einräumen, das Luxemburg im Gegensatz zu den legendären und topfebenen Fahrradländern, wie den Niederlanden, Dänemark und Teilen Norddeutschlands nicht gerade das ideale Radterrain ist - zumindest für die alltäglichen Fahrten. Auch manche Großstadttrends wie Ein-Gang-Rädern - zurück zu den Wurzeln - oder schlimmer noch wie „Fixies“ , Fahrräder aus dem Bahnsport ohne Freilauf und Bremsen, werden sich auf Luxemburgs Straßen nicht bemerkbar machen. Dank der Topografie. Da verirrt sich eher ein „Big-Bike“ mit dicken Ballonreifen in die Schluchten des Oeslings, das ist etwas nach luxemburgischem Geschmack.

Andere Trends erkennt man spätestens dann, wenn ein Rad mit gefühlten 50 km/h bergauf gegen eine Einbahnstraße flizzt. Dann ist klar, dass da ein „Pedelec“ oder gleich ein „E-Bike“ unterwegs ist. Der Trend zum unterstützen Radfahren (Pedelec) oder vollelektrischen Betrieb ist so groß, dass die Hersteller mit dem Bau der Akkus nicht nachkommen. Dazu an anderer Stelle mehr.

Immer beliebter sind auch die Lastenräder. Es gibt zwar noch die Klassiker im klassischen niederländischen Design: Einspur-Räder mit abgesenktem Rahmen auf dem eine Kiste oder eine Ladefläche zwischen den beiden Rädern montiert ist. Aber auch auf diesem Feld tut sich gewaltig was. Es gibt luxuriöse Lastenräder die als Dreiräder konstruiert sind und damit eine höhere Stabilität und Sicherheit bieten. Vor dem Fahrer können bis zu vier Kindersitze - mit Sicherheitsgurten und Regenverdeck - oder eine kühlschrankgroße Transportkiste angebracht werden. Dort stehen den Käufern alle Wünsche offen. Man kann auch beim Antrieb wählen: Muskelkraft, unterstützender Elektromotor, vollwertiger Elektroantrieb. Nichts ist unmöglich. Mal sehen was noch kommt.

Lëtzebuerger Journal

Neues Fahrradverleihsystem der Stadt Luxemburg frühestens ab September operationell

Regelrecht von der Realität überrannt wurde das neue Fahrradverleihsystem-Projekt der Stadt Luxemburg, meinte Bürgermeisterin Lydie Polfer gestern Vormittag beim „City Breakfast“. Ab dem kommenden 1. Juli sollte der derzeitige Betreiber „JC Decaux Luxembourg S.A.“ das Fahrradverleihsystem auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg (und den angrenzenden Gemeinden) die nächsten zehn Jahre bis zum 1. Januar 2028, weiter betreiben. In einer ersten Etappe sollten auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg 80 Stationen mit insgesamt 800 Fahrrädern mit einem elektrischen Hilfsmotor („vélos à assistance électrique“) funktionieren.

Daraus wird jetzt nichts, da der Lieferant zur gewünschten Zeit die Batterien für den elektrischen Hilfsmotor, mit dem die neuen Fahrräder ausgestattet sein werden, nicht liefern kann. Aufgrund der enormen weltweiten Nachfragen an Fahrradbatterien wird dies erst ab September möglich sein, wann genau kann allerdings zurzeit niemand sagen, sagte Stadtschöffe Patrick Goldschmidt. Demnach bleibt das Fahrradverleihsystem „Vel’oh!“ bis auf weiteres erhalten.

Ausbau der Stationen bis Cents und Pulvermühle

Ein Blick zurück

Am 14. April vergangenen Jahres erfolgte bekanntlich die Neuausschreibung des Fahrradverleihsystems ohne Werbung auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg. Ende Dezember 2017 erteilte der Schöffenrat erneut den Zuschlag dem derzeitigen Betreiber „JC Decaux Luxembourg S.A.“. Die Stadt Luxemburg wird eine der ersten europäischen Städte sein, die ein Netz mit ausschließlich elektrischen Fahrrädern anbieten.
Wie das „Vel’oh!“-System soll das neue System rund um die Uhr zugänglich sein. Das „Vel’oh!“-Netz zählt derzeit 69 Stationen auf dem Gebiet der Stadt Luxemburg und acht Stationen in angrenzenden Gemeinden. Dank der elektrischen Fahrräder wird es nun möglich, Stationen in den Stadtvierteln Cents und Pulvermühle einzurichten, meinte Schöffe Patrick Goldschmidt. Die neuen Stationen und das neue Design sollen zu einem späteren Zeitpunkt vorgestellt werden.
Lëtzebuerger Journal

Neben den bewährten Fahrradschloss-Varianten, wie dem Bügelschloss oder dem Kabelschloss, bieten einige Hersteller auch neue und zum Teil recht ungewöhnliche Mittel zum Schutz vor Fahrraddieben an. Ein Trend sind Fahrradschlösser aus Textil. Diese bestehen nach Angaben verschiedener Testzeitschriften aus schichtweise miteinander verwobenen unterschiedlichen Stoffen. Das textile Schloss wie unter anderem von „tex-lock“ biete alle Vorteile eines Kabelschlosses, mit dem Plus, dass sie sehr flexibel sind. Der Stoff, aus dem die Schlösser hergestellt werden, sei schwer zu durchtrennen. Egal ob Bolzenschneider oder Säge, die Fasern würden sich überaus resistent gegen die verschiedensten Werkzeuge zeigen, berichten beispielsweise die „Expertentester“.

Bluetooth und GPS

Eine weitere Neuheit in diesem Segment ist mit „Bluetooth“ und „GPS“ ausgestattet. Das Fahrradschloss selber ist ein sogenanntes Speichenschloss. Es wird also um den Reifenmantel gelegt und in den Speichen verschlossen. Es fungiere wie eine Wegfahrsperre. Zur alleinigen Nutzung sei dieses Schloss aber nur bedingt geeignet, wie Tests belegen. Das Schloss verfügt über „Bluetooth“. Befindet sich der Besitzer mit seinem „Smartphone“ und der entsprechenden „App“ in der Nähe, dann öffnet und schließt sich das Schloss von ganz alleine. Vorteil: Man muss sich keine Zahlenkombination mehr merken oder ständig einen Schlüssel bei sich haben. Wenn es aber sein muss, kann das Schloss auch noch mit einem achtstelligen Code manuell geöffnet werden. 

Die Anzahl an Fahrraddiebstählen ist in vielen europäischen Ländern seit Jahren auf einem hohen Niveau. Im Jahr 2015 wurden bei den deutschen Nachbarn beispielsweise 335.174 Fahrräder als gestohlen gemeldet, wie aus der Polizeilichen Kriminalstatistik hervorgeht. Das heißt, es gibt durchschnittlich alle 90 Sekunden einen gemeldeten Fahrraddiebstahl. Besonders in den Großstädten ist Fahrraddiebstahl ein zunehmendes Problem. Fahrraddiebstahlsdelikte rangierten im Jahr 2016 mit 378.448 Fällen nach Ladendiebstählen auf Platz zwei der Diebstahlsdelikte.


Ost- und südosteuropäische Tätergruppen am Werk

Die deutsche Bundesregierung sieht Fahrraddiebstahl als „Betätigungsfeld für ost- und südosteuropäische Tätergruppen“, wie aus einer Antwort der Regierung auf Anfrage der Grünen-Fraktion vom April 2017 hervorgeht. Es handele sich um ein gewinnbringendes Betätigungsfeld sowohl für Einzeltäter als auch für ost- und südosteuropäische Tätergruppen, heißt es in der Antwort. „Ein erheblicher Teil der entwendeten Fahrräder dürfte dabei ins Ausland verbracht oder dort vermarktet werden“, betont die Bundesregierung. So seien Täter in Kleintransportern unterwegs und knackten Fahrradschlösser mit Bolzenschneidern in Sekundenschnelle, bevor sie ihre Beute meist unerkannt abtransportierten. Die Aufklärungsquoten bleiben gering. Das will die Kripo nun durch die Einrichtung einer neuen Ermittlungsgruppe ändern, die sich allein auf den Fahrraddiebstahl konzentriert.

„Ein Phänomen, was auch bei uns in Luxemburg festzustellen ist“, sagt Tim Pauly vom Präventionsteam der luxemburgischen Polizei mit Verweis auf ebenfalls vorgelegte parlamentarische Anfragen. Im Jahr 2016 wurden in Luxemburg insgesamt 169 Fahrräder als gestohlen gemeldet. „Im Jahr 2017 waren es 256“, wie Pauly berichtet. In vielen Fällen sei es hier zu Diebstählen aus Garagen von großen Residenzen gekommen.

Akku am „E-Bike“ mitnehmen

„Sehr oft ist es hier leicht für die Täter gewesen, in die Keller vorzudringen und dann die Fahrräder, oft mehrere, zu stehlen“, sagt der Beamte. Nach einigen Ermittlungen sei hier auch eine Täterbande gestellt worden, wie Pauly berichtet - und geht auf ein aktuelles Problem ein: „Das sind die ‚E-Bikes‘…“ Dies seien oft sehr hochwertige Räder mit vielen Komponenten, die man gut verkaufen könne. „Batterien und Akku kann man hier nennen“, sagt Pauly. Alleine hier könnte man einem Diebstahl vorbeugen, wenn man, „natürlich neben einem sicheren Schloss, den Akku abnimmt und ihn mitnimmt.“ Besonders beliebt bei den Langfingern sind Abstellplätze, zum Beispiel auch an Bahnhöfen. „Hier sollte man auf die Möglichkeit der ‚MBoxen‘ zurückgreifen“, sagt Pauly. Was das Jahr 2018 angeht, so könne man noch keine Zahlen liefern. Damit diese Zahlen aber möglichst gering bleiben, gibt Pauly den Fahrradbesitzern einige Tipps mit auf den Weg.

Erste Wahl: Ein massives Fahrrad-Schloss

Um sich vor einem Fahrrad-Diebstahl zu schützen, helfen bereits einfache Mittel: „Es empfiehlt sich, ein massives Stahlketten-, Bügel- oder Panzerkabelschloss zu verwenden, das groß genug ist, um das Fahrrad an einem festen Gegenstand, wie etwa einem Fahrradständer, anzuschließen“, erklärt Pauly. Nur das Vorder- und Hinterrad zu blockieren, reiche da als Schutz nicht aus, diese könnten blockierte Räder mühelos wegtragen oder einfach schnell verladen. Der Fachhandel oder auch diverse Fachzeitschriften helfen beim Kauf, betont Pauly. Dabei präzisierte Pauly mit Blick auf PKW-Fahrradträger, dass es wichtig sei, „auch hier die Räder noch entsprechend zu verschließen.“ Einfach nur in den Gepäckträger einklinken ist nicht sicher genug.


Fahrräder individuell kennzeichnen

Um ein wiedergefundenes Fahrrad seinem rechtmäßigen Besitzer zuordnen zu können, „muss das Rad zweifelsfrei identifizierbar sein“, erklärt der Beamte. Hierzu dient die individuelle Rahmennummer, die oft bereits eingelassen ist. Hat das Fahrrad keine Rahmennummer, sollte unbedingt eine individuelle Kennzeichnung angebracht werden. Die Polizei empfiehlt hier eine Fahrradcodierung. Die Fahrradcodierung lässt sich anhand einer speziellen Kombination von der Polizei leicht entschlüsseln, in der Zeit von 2006 bis 2016 haben wir als Polizei in Luxemburg fast 3.000 Fahrräder kodiert. Allerdings werden keine Räder mit Carbon-Rahmen codiert, hier ist es möglich, dass kleine Risse beim Codieren entstehen. „Hier raten wir den Besitzern, das Bike ausführlich zu fotografieren und Merkmale, Besonderheiten festzuhalten, damit man das Rad wiedererkennen kann.“

Über die Email codage-velo@police.etat.lu kann man einen Termin mit den Beamten vereinbaren, um sein „Bike“ registrieren zu lassen - Kontaktdaten von Tim Pauly - „Section Prévention du Crime“ der Luxemburger Polizei: Tel. 4997 2331 - weitere Informationen auch auf der Internetseite der Polizei www.police.lu

Nicht die Technik ist entscheidend, sondern die Bereitschaft, das Fahrrad zu nutzen

„Keep it simple“

Alle reden vom Fahrrad als idealem Verkehrsmittel: Es ist effizient, im Normalfall nicht zu teuer, gesundheitsfördernd und vor allem umweltfreundlich. Dennoch führt es ein Nischendasein in Luxemburg, wie die nebenstehenden Zahlen zeigen. Über einen Anteil von vier Prozent kommt es je nach Transportaufgabe nicht hinaus.
Ziemlich erschreckend ist eine Zahl: Nur zwei Prozent der Schüler nützen das Fahrrad um zur Schule und wieder nach Hause zu kommen, aber 40 Prozent werden mit „Mom’s Taxi“ hin und her transportiert! In grauer Vorzeit - in den 1970ern - fuhren wir alle mit dem Rad zum Gymnasium. Nur die Jungs und Mädels auf den Dörfern mussten mit dem Bus oder Zug kommen. „Mom’s Taxi“ war die große Ausnahme.
Die Regierung und zahlreiche Verbände strengen sich seit Jahren an, die Binnen-Pendler aus der Stadt und den Vorstädten aufs Rad zu bekommen. Stichwort „Mam Vëlo op d’Schaff.“ Sogar mit Hilfe der Gesetzgebung werden den pedalbetriebenen oder höchstens elektrisch unterstützten Zweirädern Privilegien eingeräumt. Einerseits in Ordnung, andererseits ist die - mit Verlaub - Idiotenquote unter Radfahrern kaum kleiner als unter Autofahrern. Der unsichtbare Umweltengel auf dem Gepäckträger scheint etlichen Radrowdys ins Ohr zu flüstern: „Regeln sind für Loser!“
In Sachen Radfahren gibt es ein ganz typisch luxemburgisches Paradoxon: Der hohe Stellenwert des Radsports hierzulande, der alle anderen Sportarten übertrumpft, schlägt sich nicht im täglichen Leben nieder. Fahrradfahren bedeutet für viele am Sonntag mit der Rennmaschine und im schreiend bunten Radsportdress an der Mosel entlang zu rasen oder mit dem Mountainbike mit 48 Gängen in den Ösling zu radeln, aber niemals mit dem teuren Gerät ins Büro. Obwohl der Staat vorsorgt, immerhin gibt es jetzt an einigen Bahnhöfen die M-Box, in der sich das Rad einschließen lässt, auch an diversen P&R- Parkhäusern gibt es Fahrradschließfächer. Ein ernsthafter Ansatz. Wogegen die steuerliche Förderung von Fahrrädern, „Pedelecs“ und E-Bikes vor allem eine gewisse Maßlosigkeit zeigt. „Wir haben so viel Geld, wir können alles fördern.“ Der Bau von Überlandradwegen ist eine gute Sache, wenn es um autofreie Freizeit oder touristische Angebote geht, aber ob sich daraus nennenswerte Fahrrad-Pendler-Strecken entwickeln werden, ist anzuzweifeln.
„Fixies“ oder „Big-Bikes“ sind Modeerscheinungen, die wenig mit einem Verkehrsmittel zu tun haben, das das tägliche Chaos entspannen soll. Aber zumindest die „Fixies“, radikale vereinfachten Räder ohne Freilauf - oft auch ohne Bremsen (!) - und Gangschaltung zeigen einen Gegentrend zu den Hightech-Rädern: Die Lust am einfachen. Um eine Nation mobil zu machen, reicht ein Gang aus, wie Millionen Chinesen es noch vor wenigen Jahrzehnten bewiesen haben. Das Standardfahrrad der Schweizer Infanterie wurde hundert Jahre lang unverändert als Eingang-Fahrrad gebaut. Die Nordvietnamesen tricksten die hochgerüstete US-Armee mit Fahrrädern simpelster Bauart auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad aus. Dumm schauten auch die britischen Verteidiger von Singapur 1942, als die Japaner per Fahrrad aus dem „undurchdringlichen“ Dschungel kamen und die Stadt eroberten.
Was hat der historische Exkurs mit unsere Suche nach dem modernen Radfahrer zu tun? Ganz einfach, es bedarf der Bereitschaft in die Pedale treten zu wollen und nicht des technischen Overkills - denn in der Stadt tut es auch das gute alte Hollandrad. Aller technischer Schnickschnack darf - muss aber nicht - später dazu kommen.  PATRICK WELTER