PARIS
CHRISTIAN SPIELMANN

Nicht benutzte Stephen-Sondheim-Lieder ergeben „Marry Me a Little“

Viele Musical-Komponisten haben Lieder geschrieben, die in der fertigen Produktion nicht vorkommen oder gestrichen wurden. Der amerikanische Komponist Stephen Sondheim hat ebenfalls etliche Songs komponiert, die am Ende nicht berücksichtigt wurden - es gibt sogar eine CD mit nicht gesungenen Sondheim-Liedern („Unsung Sondheim“). 1980 hatten die Autoren Craig Lucas und Norman René die Idee, ein Musical mit gestrichenen Liedern von Sondheim zu erschaffen sowie mit Liedern des Musicals „Saturday Night“, das aus dem Jahr 1954 stammt, aber bis dahin nie gespielt wurde und erstmals 1997 in London aufgeführt wurde.

„Marry Me a Little“ heißt die zwei-Personen-Show, die zuerst Off-Off-Broadway mit Craig Lucas und Suzanne Henry gespielt wurde. 1981 wurde sie in ein Off-Broadway Theater transferiert.

Sie wohnt oben, er unten

Im Studio des Pariser „Théâtre Marigny“ fand am Mittwoch die französische Erstaufführung statt. Auf der Bühne steht ein Bett, ein Regal, ein Tisch mit drei Hockern, eine Sitzgruppe und ein Klavier, auf dem Charlotte Gauthier die Musik spielt. Ein Mann (Damian Thantrey) liegt im Bett und steht auf, um sich hinter dem Regal in einer fiktiven Dusche zu waschen. Sie (Kimy McLaren) schleppt Kisten in die Wohnung. Es ist „Saturday Night“ (aus dem gleichnamigen Musical), und beide, die barfuß spielen, lesen dasselbe Buch und meinen, dass „Two Fairy Tales“ (aus „A Little Night Music“ gestrichen) diskussionswert sind.

Obwohl beide in derselben Wohnung sind, merkt man, dass sie doch nicht zusammenleben. Als er eine Pizza bestellt und sie eine Tüte mit Gemüse, wobei die Aufschriften „5b“ und „6b“ zu lesen sind, weiß man, dass sie oben und er unten in einem Appartement lebt. Definitiv erkennt man diese Tatsache, als sie zu „Can That Boy Foxtrot“ (aus „Follies“ gestrichen) mit einem Mob tanzt und dabei Sachen umschmeißt, und er vom Lärm genervt den Blick zur Decke hebt. Man weiß nicht, ob sich beide überhaupt begegnet sind. Jedenfalls sehnen sie sich einen Partner herbei. In einem gemeinsamen Traum treffen sie sich, starren sich an und küssen sich sogar. Was bei ihr zum Wunsch führt: „Marry Me a Little“ (ursprünglich aus „Company“ gestrichen, heute aber wieder integriert). Alles bleibt lediglich Wunschdenken.

Es bleibt die Einsamkeit

Er meint, dass „Happily Ever After“ (aus „Company“ gestrichen) - glücklich bis ans Lebensende - gleichzusetzen ist mit „Hölle“. Es folgt eine lockere Szene, wo beide zu „Pour le Sport“ (aus dem nicht produzierten „The Last Resorts“) mit einem Regenschirm Golf spielen. Schließlich stellt er fest, dass es nur „Silly People“ (aus „A Little Night Music“ gestrichen) sind, die auf dem Wasser treiben, um dann zu ertrinken. Irgendwie dringen hier Selbstmordgedanken durch. Aber zu einer Begegnung mit bleibender Liebe sollte es nicht kommen („It Wasn’t Meant to Happen“, aus „Follies“ gestrichen). Somit bleibt am Ende die Einsamkeit, denn Wunschdenken, Träumen und Hoffen führen nicht unbedingt zwei Menschen zusammen, auch wenn sie nicht weit voneinander wohnen.

Ein intimes Musical

„Marry Me a Little“ ist ein intimes Musical, das in Paris von zwei hervorragenden Schauspielern getragen wird. Ganz überzeugend spielen beide diese einsamen Menschen, die wahrscheinlich nie zueinander finden werden. Damian Thantrey mit seiner dunklen Stimme klingt sowohl hoffnungsvoll wie auch deprimiert. Kimy McLarens Charakter ist eher positiv orientiert, mal verspielt, mal sehnsüchtig, aber nie vollends negativ. Das Musical war nie ein Hit und wird in Paris auch keiner werden. Es ist eher für eingefleischte Sondheim-Fans gedacht oder Zuschauer, die einmal etwas Apartes sehen wollen. Und man kann es wunderbar mit „Peau d‘âne“ kombinieren, dem Musical nach dem Kultfilm von Jacques Demy, mit der Musik des verstorbenen Michel Legrand, das im großen Saal des „Théâtre Marigny“ läuft.


Weitere Informationen und Tickets

unter www.theatremarigny.fr