COLETTE MART

Das Ende des Sommers ist manchmal eine Zeit der Melancholie und des Nachdenkens und deswegen auch eine Chance, gesellschaftliche Überlegungen anzukurbeln, die in unserem hektischen Alltag kaum einen Platz haben. Eine Gelegenheit hierzu bietet der Film „On Chesil Beach“, nach einem Roman des englischen Schriftstellers Ian McEwan, der von Dominic Cooke verfilmt wurde und durchaus als das Kulturevent dieses Sommerendes 2018 hier bei uns betrachtet werden kann. McEwan rührt nämlich hier mit Sensibilität und Zivilcourage gleich an zwei Tabuthemen, die auch in unserer Zeit nichts an Aktualität verloren haben: sexuelles Versagen und die Schwierigkeiten des sozialen Aufstiegs.

„On Chesil Beach“ schildert nämlich eine Hochzeitsnacht zweier unerfahrener junger Menschen in den sechziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, in der es nicht zum sexuellen Akt kommt, und das Problem, das zwischen beiden Menschen dadurch entsteht, führt in derselben Nacht noch zu ihrer Trennung.

Als erwachsener Mensch weiß man, dass ein solches Missgeschick überwunden werden kann, dass es viele Menschen betrifft, auch wenn in unserer Zeit der sexuellen Freizügigkeit niemand darüber redet. Allerdings sind die zwei jungen Leute Kinder ihrer Zeit und auch ihrer sozialen Milieus. „On Chesil Beach“ ist die Schilderung sozialer, familiärer und psychologischer Kontexte, die in der Hochzeitsnacht zu jenem Misserfolg führen, den beide Partner als unwiderruflich empfinden.

Ian McEwan beschreibt in seiner Geschichte, wie eine junge Frau in einem lieblosen familiären Milieu von ihrer eigenen Sexualität abgeschnitten wird und keinerlei Hilfe bekommt. Der junge Mann wächst seinerseits in einem sozial schwierigen Milieu auf, hat allerdings einen liebevollen Vater, ist schulisch begabt und hätte also durchaus Aufstiegschancen.

Emotionale und soziale Elemente führen in McEwans Geschichte dazu, dass beide in der Hochzeitsnacht völlig verunsichert sind, dass die Frau trotz allem ihre Erwartungen hat, der Mann müsse der Situation gewachsen sein, und genau diese Erwartungshaltung stellt sich als verheerend heraus. „On Chesil Beach“ hat an Aktualität nichts verloren, denn sexuelle Missgeschicke geschehen nach wie vor zwischen zahlreichen jungen und älteren Menschen, und werden kaum in der Literatur und im Film thematisiert.

Die Koppelung der Schwierigkeiten der sexuellen Kommunikation und die Prägung durch das soziale Milieu sind durchaus Themen, die uns auch heute noch interessieren sollten.

Schlussendlich ist es nämlich die vermeintlich frigide, talentierte junge Frau aus bürgerlichem Milieu, die doch wieder heiratet, Kinder und Enkelkinder bekommt und eine Karriere als Violinistin macht, während der begabte junge Mann aus bescheidenen Verhältnissen traumatisiert aus dem ehelichen Missgeschick herausgeht und nie mehr wirklich auf seine Füße fällt.

Hier und jetzt, am Ende des Sommers 2018, sollte uns „On Chesil Beach“ dazu ermutigen, uns weiterbestehende sexuelle Tabus in der Gesellschaft bewusst zu machen, und die Schwierigkeiten des sozialen Aufstiegs unbedingt im Auge zu behalten.