PARIS
SABINE GLAUBITZ (DPA)

Kunstmessen stehen wegen Corona unter Druck

Gibt es zu viele Kunstmessen in der Welt? In Zeiten von Corona stellt sich diese Frage nicht mehr. Seit Beginn der Pandemie hagelt es weltweit Absagen. Nach der Art Basel und der Frieze in London hat auch die international renommierte FIAC in Paris ihre 47. Ausgabe annulliert. Sie hätte vom 22. bis 25. Oktober stattfinden sollen. Voller Spannung blickt nun die Kunstszene auf die Art Cologne, Deutschlands bedeutendste Messe, die vom 18. bis 22. November stattfinden soll.
Die Art Cologne will mit rund 150 Galerien aus 25 Ländern auftreten, darunter auch Aussteller aus Paris, die Teilnehmer der diesjährigen FIAC im prächtigen Grand Palais mit 197 Galerien aus 29 Ländern gewesen wären. Die Absage kam angesichts der zunehmenden Zahlen von Neuinfektionen in Frankreich nicht unerwartet. Dennoch fragen sich einige Betroffene, ob der Organisator der FIAC, die amerikanische Gruppe Reed, es vorgezogen hat, kein Risiko einzugehen, oder ob die FIAC den Ambitionen der künstlerischen Leiterin, Jennifer Flay, zum Opfer fiel. Wie die französische Wirtschaftszeitung „Les Echos“  unter Bezug auf Galeristenkreise schrieb, soll sie sich geweigert haben, den Umfang der Messe zu verringern, nachdem sie jahrelang versucht hatte, die FIAC zu einer der renommiertesten Messen der Welt für zeitgenössische Kunst zu machen.
In schwierigen Zeiten müssten Messen ihre Rolle spielen, erklärte der Galerist Georges-Philippe Vallois. Der Kunstmarkt hätte die FIAC gebraucht, so der Spezialist für Werke des Neuen Realismus. Für jene, die die Absage bedauern, wäre die FIAC gerade jetzt sehr wichtig gewesen. Ihr Argument: Amerikanische Aussteller und Kunden kommen derzeit nicht mehr nach Europa. Eine Gelegenheit, um das Feld besser mit französischen und europäischen Sammlern zu besetzen, die dieses Jahr ohne die Konkurrenzmessen Frieze in London und Art Basel in der Schweiz auskommen mussten.
Art Basel und die Schweizer Großbank UBS haben Anfang September die Studie von Clare McAndrew veröffentlicht, der Gründerin von Arts Economics, in der die Auswirkungen auf den Galeriesektor für moderne und zeitgenössische Kunst im ersten Halbjahr 2020 hervorgehoben werden. Im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vorjahres sind demnach 2020 die Verkäufe im Durchschnitt um 36 Prozent gesunken.

Unabdingbar

Die Verkäufe auf Messen seien aufgrund der Absagen von durchschnittlich 46 Prozent im Vorjahr auf 16 Prozent gesunken. Die meisten Kunstgalerien (91 Prozent) glauben nicht, dass sich die Situation in der zweiten Hälfte des Jahres 2020 verbessern werde, und nur ein Drittel glaubt, dass die Verkäufe 2021 steigen werden. Ein Drittel der Galerien, insbesondere die größten mit mehreren Zweigstellen weltweit, haben demnach bereits Personal abgebaut.
In den vergangenen zehn Jahren seien Messen unabdingbar geworden, erklärte der Kunstsoziologe Alain Quemin im Radiosender „France Culture“. Wenn diese verschwinden, würde ein wichtiger Teil der Aktivität der Galerien zusammenbrechen. In den vergangenen Jahren sollen bis zu 300 Messen organisiert worden sein. Laut der französischen Kunstzeitschrift „La Gazette Drouot“ erwirtschaften die Galerien auf Messen zwischen 30 und 70 Prozent ihres Umsatzes.
Nach Zahlenmaterial von Quemin haben viele Galerien jährlich an zwanzig Messen teilgenommen, wenn nicht mehr. Damit seien sie nahezu alle zwei Wochen bei internationalen Großveranstaltungen vertreten gewesen, wie er ausführte.

Digitalisiert

Um den Schaden zu begrenzen, setzen die Händler nun verstärkt auf digitale Präsenz. Ganze Messen sind so ins Internet abgetaucht. Im ersten Halbjahr machten Online-Transaktionen 37 Prozent ihres Umsatzes aus - gegenüber zehn Prozent im Jahr 2019. Ein Viertel der Einzelhändler gibt in der Studie jedoch an, seit Jahresbeginn keinen einzigen Online-Verkauf getätigt zu haben.
Aus einem anderen Grund will auch Art Basel-Direktor Marc Spiegler , der dieses Jahr die 280 Galerien der Schweizer Messe in Online-Viewing-Rooms geschickt hat, nicht an reine Online-Messen glauben. Nach wie vor zählen Beziehungen und Vertrauensverhältnisse, meint er. Darin sieht auch Kunstsoziologe Quemin eine Herausforderung. Die Galerien müssten die Sammler in ihre eigenen Räume zurückholen, die aufgrund der direkten Konkurrenz durch Messen eher wenig genutzt wurden.
Eine Messe, die trotz Corona-Krise vor wenigen Tagen in Paris im Grand Palais stattgefunden hat, war die „Art Paris“. Die 22. Ausgabe vereinte unter der Glaskuppel des Grand Palais 112 Galerien; mehr als drei Viertel davon waren allerdings französische Aussteller. „Art Paris“ habe den Vorteil, vor allem eine lokale und regionale Messe zu sein, erklärte der künstlerische Leiter Guillaume Piens. •